Corona-Strategien

Zukunft der Robotik: „Sind die Grenzen offen, haben wir Innerhalb von einer Sekunde Normalität“

Digital vernetzt, hielten Roboter und automatisierte Prozesse Unternehmen in den vergangenen Wochen handlungsfähig. Was lernt man daraus? 5 Thesen zur Zukunft der Automatisierung.

Glaubt an Wachstum durch partielle Verlagerung von Fertigungschritten ins Inland: Helmut Schmid, Westeuropa-Chef beim Automatisierer Universal Robots

Die letzten Wochen hatten es auch für die Automatisierer in sich. Waren die einen wehrlos einer nahezu existenzphilosophischen Grundstimmung ausgesetzt, beobachteten die anderen die Robustheit ihrer Branche wie in einer Petrischale. Roboter rückten analogen Verfahren bei der Produktion von Schutzmasken als digitaler Backup zur Seite, sie machten Testverfahren sicherer oder beschleunigten diese um ein Vielfaches. Produktionen fahren wieder hoch und Werke leben weder Normalität. Welche Lehren zieht man aus Corona? Wo Automatisierungstechnik fehlte, hinterließ sie eine schmerzhafte Lücke. Sorgt die Digitalisierung doch für eine geringe Zahl an Kontaktpunkten.

Ein Punkt, in dem Digitalnachzügler das Nachsehen hatten. Aber wird die durch zweistellige Wachstumsraten verwöhnte Branche auch ebenso schnell wieder in die Spur finden?  Und welcher Grad an Automatisierung hat sich nun eigentlich als der richtige herausgestellt?

1. Restart. Die Normalität ist zurück.

Für den Verbandsobersten Patrick Schwarzkopf ist die Sache klar. „Nach der Coronakrise erwarten wir einen ordentlichen Schub für die Robotik und Automation, auch wenn sich die Branche derzeit nicht vom konjunkturellen Abschwung entkoppeln kann“, sagt der Chef des VDMA-Fachverbands Robotik + Automation. Speziell Service-Robotern wird die Coronakrise einen ganz gewaltigen und langfristig wirkenden Push geben“, glaubt er. Webinare mit über tausend Teilnehmern, eine Produktion, die zweischichtig fährt, dazu erste Erfolge im Projektgeschäft, das ebenso rasch zurückgekehrt ist wie die Pandemie gekommen ist: Armin Pehlivan, Österreich-Chef von Beckhoff, ist positiv gestimmt. Die zweite mögliche Welle einer Viruspandemie sei zwar „eine Wolke“, die über der Automatisierungstechnik schwebe wie über alle anderen Industrien.

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Doch sobald die EU-Öffnung vollzogen sei und Monteure ohne Reisebeschränkung zu Projekten anreisen könnten, trete “innerhalb von einer Sekunde Normalität ein“, sagt er. Preislich glaubt er an keine Verwerfungen. „Wir erhöhen sicher keine Preise“, sagt er. Für das Nachverhandeln auf Kundenseite gilt wie immer: „Es ist gestattet, wenn es in einem nachvollziehbaren Rahmen passiert“, so Pehlivan. An positive Effekte für die Automatisierungstechnik nach Corona glaubt auch Andreas Gützlaff. Er ist Oberingenieur am Lehrstuhl für Produktionssystematik an der RWTH Aachen. Eine hohe digitale Durchgängigkeit hat sich in der Pandemie als Vorteil erwiesen“, sagt er. Die Unternehmen blieben arbeitsfähig, Produkte konnten schnell umgeroutet werden, denn darum ginge es ja: Veränderungsbedarf rechtzeitig zu erkennen, also auch am Shopfloor resilient zu sein.

2. Reshoring. Roboter für Europas Rückkehrer.

Mit einem Fragezeichen versehen ist in der Branche die Glokalisierung. Können sich einige kaum vorstellen, das die Globalisierung nun aus Ideologie und Liebe zu Europa oder einer reinen Vorsichtsmaßnahme heraus zurückgefahren wird, reihen sich andere in die Vertreter der Gegenthese ein. Einer davon ist Helmut Schmid, der Westeuropachef des Automatisierungstechnikherstellers Universal Robots. Er kann sich gut vorstellen, dass viele Unternehmen nach der Krise über ein Re-Shoring nachdenken. „Einige werden die Fertigung partiell wieder ins Inland verlagern“, glaubt er. Und da komme dann - durch die kaufmännische Brille betrachtet - die Automatisierung ins Spiel. Jahrelang seien Gesundheitsbudgets zu Tode gespart worden.

„Was spricht dagegen, Schutzausrüstung vermehrt in Europa herzustellen“, sagt auch Beckoff-Mann Armin Pehlivan. Und zwar weniger, wie es jetzt aus der Not geboren war, in Textilbetrieben, sondern „in neuen, hochspezialisierten Produktionsstätten“, sagt er. Unternehmen werden ihr Risikoportfolio neu überdenken und damit würden sich auch Folgewirkungen für die Automatisierungstechnik ergeben, glaubt Bernhard Langefeld, Partner beim Beratungshaus Roland Berger. Warehouses werden größer, die Lagerzeit in Häfen wird sich erhöhen. Alles potenzielle Wirkungsfelder für die Automatisierung. Zumal die Unsicherheit bleibt: Ob ein Vulkanausbruch in Island oder eine Virenpandemie: „Schwerere Naturkatastrophen scheinen zu unserem Begleiter zu werden“, so Langefeld.

3. Lights-on. Kooperative Robotik statt dunkle Fabriken

Was im Umkehrschluss nicht heißt, dass ein Revival der dunklen Fabriken, also vollautomatisierter Fertigungen, ansteht. Frühzeitig im asiatischen Raum etabliert und in Schwellenländern immer noch angesagt, ist die These, menschenleer besonders effizient zu produzieren, überall dort, wo Flexibilität gefragt ist, widerlegt. Es brauche also die richtigen Mix aus Automatisierung und manuellen Prozessen. Das meint auch Bernhard Langefeld von Roland Berger.

„Es braucht Hybride“, sagt er. Wenn Leute Angst davor bekommen, sich in einer gedrängten manuellen Fertigungsinsel anzustecken, ist das genausowenig erstrebenswert wie eine Automatisierung, die den Haircut in der Belegschaft bringt“, sagt er. Und auch, weil - das weiß Langefeld als ehemaliger Fabrikplaner nur allzugut - manche Werkstoffe oder Werkstückformen extrem schwer mit Robotik zu handhaben sind.

4. Modularität. Wandelbarkeit schlägt Starrheit

Den flexiblen Einsatz von Automatisierungstechnik müssen Unternehmen freilich ohnedies verinnerlichen. So gut es eben geht. „Automatisierung ist der Nordstern, auf den man zuläuft“, sagt Langefeld. Schon in Studien zur flexiblen Fertigung in Aachen in den Neunzigern wurde eigentlich vorweggenommen, was heute als erwiesen gilt: selbst mit den flexibelsten Modulen ist eine Vollautomatisierung nicht möglich.

Dennoch wird die Modularität steigen - und das sei gut so, sagt der Berater. „Das geht schon los bei der Vernetzung, die Unternehmen in den Corona-Wochen ermöglichte, Produkte unter Einhaltung von Sicherheitsabständen effizient neu zu routen“, sagt er. Wer das in diesem schwierigen Frühjahr noch nicht gelernt hat, wird es nachholen. „Und feststellen, wie wunderbar sich Produkte fertigen lassen, wenn ein Flaschenhals in der Fertigung vorhanden ist“, so Langefeld.

5. Remote-Steuerung. Fast keine Grenzen

Und auch für die Remote-Tools in der Robotik könnte nun die Stunde schlagen. Bei ABB setzt man schon länger über das Ability-Portfolio derartige Lösungen zur Steuerung und Wartung von Robotern um - die Schweizer öffnen Teile ihrer Software nun für die Gratisnutzung in der Industrie. „Wer ein solches Tool noch nicht hat, wird sich eine solche Anschaffung nun überlegen“, glaubt Roland-Berger-Mann Langefeld.

Hardwaredefekte freilich werden auch weiterhin die Anwesenheit eines Instandhalters oder Servicetechnikers vor Ort bedingen. Und mächtige Diagnosetools, die gleich ganze automatisierte Fertigungslinien unter die Lupe nehmen können, seien bisher auch die Ausnahme denn die Regel, hört man in der Industrie. Wenn das kein Arbeitsauftrag ist an die Automatisierer.

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