Stahlindustrie

Wolfgang Eder: "Stahl bleibt"

In einem Interview mit der "Welt" findet der Konzernchef der Voestalpine wieder harte Worte für die riesigen Überkapazitäten weltweit, nennt den Zeitplan für den Standort Linz und erwähnt auch Probleme in den USA.

In einem Interview findet Wolfgang Eder, Konzernchef der Voestalpine, wieder harte Worte für die riesigen Überkapazitäten weltweit. Er nennt außerdem den Zeitplan für den Standort Linz und erwähnt auch die Probleme in den USA.

Ein Drittel der weltweiten Kapazitäten braucht niemand

"Weltweit können gemäß OECD jährlich 2,4 Milliarden Tonnen Rohstahl produziert werden, benötigt werden aber lediglich knapp 1,7 Milliarden Tonnen. Das bringt das Gleichgewicht der Märkte dauerhaft massiv durcheinander", so der Konzernchef der Voestalpine gegenüber der Zeitung "Die Welt".

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Rund die Hälfte dieser Überkapazitäten stünde in China, so Eder unter Verweis auf die Statistiken der OECD. Besonders in China ginge die offizielle Linie in der Wirtschaftspolitik einen völlig anderen Weg als die tatsächlich gesetzten Schritte, so Eder.

Peking hat zuletzt immer wieder verkündet, seine Überkapazitäten abbauen zu wollen. Gleichzeitig steigt das Produktionsvolumen der chinesischen Stahlhütten auf immer neue Rekordhöhen: Die zentrale Frage zu Chinas Überkapazitäten bei Stahl >>

Kluft zwischen offiziellen Ankündigungen und Realität

Allerdings gebe es Eder zufolge "auch in Europa gibt es noch immer deutlich zu viel Kapazität, meiner Einschätzung nach 30 bis 40 Millionen Tonnen."

In diesem Zusammenhang plädiert er einmal mehr dafür, auch in Europa "technologisch und umweltmäßig nicht mehr konkurrenzfähige Stahlstandorte" nicht mehr künstlich am Markt zu halten - sprich, pleite gehen zu lassen.

Als Vorbild führt Eder einmal mehr die Voestalpine an. Der Konzern habe sich aus dem Geschäft mit Rohstoffen verabschiedet und sich als Technologieunternehmen neu ausgerichtet: "Wir sind heute kein Stahlhersteller mehr", meint Eder.

Voest: "Stahl bleibt"

Bei der Voest habe man auch "intensiv" darüber diskutiert, sich vollständig vom Stahl zu verabschieden - wie es etwa derzeit der Kurs von Heinrich Hiesinger bei Thyssenkrupp zu sein scheint: Fusion bei Thyssenkrupp: Arbeiter warnen "vor vollständiger Filetierung" >>

Doch dann habe man bei der Voestalpine entschieden: "Der Stahl bleibt", so Eder. Allerdings beschränken sich die Linzer nach seinen Worten "ausschließlich auf Spezialitäten, also beispielsweise auf hochfeste Leichtbaustähle für die Automobilindustrie oder auf Grobbleche für Tiefseepipelines."

Europa als Standort sei angesichts der Überkapazitäten am Stahlmarkt besonders verwundbar: "Wenn Europa aber seine technologische Vorreiterrolle der Vergangenheit endgültig verliert, wird es gefährlich für den Standort."

Zukunft am Standort Linz bis 2020

Bekanntlich hat Eder in den vergangenen Jahren immer wieder auch den Standort Österreich stark kritisiert und mehrmals die Möglichkeit in den Raum gestellt, auch die Hochöfen hierzulande ganz stillzulegen.

Jetzt weist er darauf hin, dass mit der Zustellung des großen Hochofens in Linz im kommenden Jahr für rund 160 Millionen Euro die Produktion an diesem Standort "im heutigen Umfang bis Mitte der 2020er-Jahre gesichert" sei. Danach werde man den Standort wieder "neu bewerten".

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Wasserstoffstahl

Forschungsprojekte zum Einsatz von Wasserstoff bei der Stahlproduktion stünden am Anfang, seien jedoch vielversprechend. Damit könnte man eines Tages den Ausstoß der Emissionen auf 20 bis 30 Prozent der heutigen Werte senken, so Eder. Mehr zur Stahlproduktion mit Wasserstoff: Stahlproduktion mit Wasserstoff: Hamburger Forscher skeptisch >>

Eder: "Millionen Euro statt Millionen Tonnen"

Eder wiederholte wie schon so oft seine Kritik an der Mentalität in der Stahlindustrie, die geprägt sei von der Gleichung: Die meisten Tonnen = am besten aufgestellt. "Das ist Macho-Denken aus einer anderen Zeit", so Eder. Statt dessen brauche man nicht Millionen Tonnen, sondern Millionen Euro. Mehr dazu: Eder: Die Stahlbranche ist eine Macho-Industrie >>

Probleme der Voest in den USA

Die Industriepolitik des US-Präsidenten Donald Trump sei schwer nachvollziehbar, so Eder im Hinblick auf die Strafzölle auf Grobblech, die die Voestalpine genauso zahlen muss wie die deutschen Stahlriesen Salzgitter und Dillinger Hütte.

"Auch wenn es für uns ein sehr überschaubarer Betrag ist, verstehe ich es immer noch nicht. Aber die amerikanische Definition von Dumping lässt sich häufig durchaus mit dem Wort ,beliebig' beschreiben." Aktuell dazu: Amerikas Stahlkonzerne wollen Stahlimporte massiv einschränken >>

Derzeit sei die Voest mit einer ganzen Mannschaft an Lobbyisten vor Ort, um "Gouverneuren, Bürgermeistern, Abgeordneten und anderen Entscheidungsträgern" klarzumachen, dass die USA durchaus von der Präsenz der Voestalpine profitieren - und sich mit Strafzöllen nur selbst schaden.

"Aggressive" Umgebung: Für Schutzzölle auch in Europa

Allerdings plädiert Eder gleichzeitig angesichts der aktuell so "aggressiven" globalen Umgebung der Stahlmärkte dafür, dass auch Europa zumindest vorübergehend Schutzzölle auf Billigimporte aus Übersee einführe: "Wenn Europa als einzige Region die Freihandelsfahne hochhält, werden wir zum Abfallmarkt der Welt."

(red)

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