Energy2050

Wolfgang Anzengruber: Ein CO2-Preis von 60 Euro je Tonne wäre gut

Ohne einen wirklich wirksamen Emissionshandel kann die Energiewende nicht gelingen, sagt der Konzernchef des größten heimischen Versorgers. Auf der Energiekonferenz Energy2050 positioniert sich Anzengruber deshalb für einen Mindestpreis bei Emissionszertifikaten - und gegen populistische Stimmen zu diesem Thema.

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Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber spricht sich klar für eine CO2-Abgabe aus. Ohne einen Umbau des Emissionshandels und einen Mindestpreis bei Zertifikaten werde eine Dekarbonisierung nicht gelingen, so der Konzernchef des größten heimischen Energieversorgers auf der Energiekonferenz Energy2050 in Fuschl in Salzburg.

"Das Ziel: Zwei Tonnen pro Kopf statt 15"

Das Ziel einer Dekarbonisierung und ein klimaneutrales Europa bis 2050 erfordere nichts weniger als eine neue industrielle Revolution, so Anzengruber. "In Österreich liegen die CO2-Emissionen derzeit bei zehn Tonnen pro Kopf pro Jahr. Berechnet man das ein, was im Ausland für Österreich produziert wird, sind es 15 Tonnen pro Kopf. Wenn wir wirklich eine Wende schaffen wollen, muss dieser Wert auf zwei Tonnen sinken. Das ist gewaltig - aber machbar."

"55 Prozent der Emissionen sind derzeit nicht Teil des Systems"

Ein tatsächlich wirksames Emissionshandelssystem ein zentrales Werkzeug beim Erreichen dieser Ziele, so Anzengruber. "Derzeit sind 45 Prozent der Emissionen in Österreich Teil des Emissionshandels. Das heißt: 55 Prozent sind nicht im System. Wir müssen aber den Schadstoffen einen Preis geben. Wir beim Verbund sind der Meinung: Es braucht Mindestpreise für Emissionszertifikate, damit Vermeidung günstiger wird als Strafenzahlungen für zu hohe Emissionen."

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"Zerifikatepreis wird ab 60 Euro je Tonne wirksam"

Aktuell kostet ein Emissionszertifikat für eine Tonne Kohlendioxid etwa 27 Euro. Ab wann aber wird für Betriebe die Vermeidung von Emissionen wirtschaftlicher als diesbezügliche Strafen? "Das ist im Moment ein Blick in die Glaskugel. Aber Erfahrungen zeigen, dass die Vermeidung ungefähr ab einem Preis von 60 Euro je Tonne aufwärts wirtschaftlicher wird, als Strafen zu zahlen", so Anzengruber. Diese Marke könne in unterschiedlichen Branchen unterschiedlich ausfallen - und in manchen Branchen auch deutlich über 100 Euro liegen.

Eine Preisspanne, die Christian Holzleitner von der Generaldirektion Klimapolitik der Europäischen Kommission bestätigt: "Die Vermeidung von Emissionen kostet die Industrie derzeit zwischen 60 und 90 Euro je Tonne. Bei einem Zertifikatepreis von weniger als 30 Euro ergibt sich hier eine ordentliche Lücke."

Begleitmaßnahmen auf drei Ebenen

Anzengruber zufolge wären bei einer Einführung in Österreich wie auch in Europa Kosten von etwa 150 Euro für eine Menge von fünf Tonnen denkbar. Rein rechnerisch wären demnach in Österreich Abgaben von 300 Euro pro Einwohner pro Jahr fällig - die allerdings nur zum Teil vom Einzelnen zu zahlen wären.

"Es ist klar, dass dieser Betrag für viele Menschen viel Geld ist", so Anzengruber. Der Verbund-Chef schlägt daher umfassende Maßnahmen auf drei Ebenen vor: Mit einem Teil des Geldes sollen demnach soziale Folgen abgefedert werden. Ein weiterer Teil soll in Forschung investiert werden und ein dritter Teil in begleitende Maßnahmen der Industrie, etwa zur Steigerung der Energieeffizienz.

Gegen populistische Angstmacherei einer Abwanderung

Ziel sollten nicht höhere Einnahmen für den Staat sein, sondern eine bessere Steuerung. Auch sollte man beim Thema Emissionshandel nicht auf jene hören, so Anzengruber, die daraus eine populistische Diskussion machen wollen: "Es geht nicht darum, die Voestalpine aus Österreich zu vertreiben. Das genaue Gegenteil ist der Fall." Ziel sei es, die Rahmenbedingungen für die Industrie so zu gestalten, dass es wirtschaftlicher wird, Emissionen zu vermeiden, als Strafen zu zahlen.

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Schweden zeigt, wie man es macht

In diesem Zusammenhang verweist Anzengruber auf andere Länder in Europa, die schon mit gutem Beispiel vorangehen, etwa Großbritannien oder in Teilen auch die Schweiz. "Auch in Schweden gibt es seit Jahren einen Emissionshandel, aktuell mit einem Preis von 120 Euro für eine Tonne CO2", sagt Anzengruber. "Auch Schweden hat eine starke Industrie und eine Stahlindustrie. Und bekanntlich ist Schweden seit der Einführung nicht verarmt."

Zahlen der EU-Kommission bestätigen das. Die Treibhausgasemissionen Schwedens sind seit dem Jahr 2000 um rund 21 Prozent gesunken - während die Wirtschaftsleistung um 31 Prozent gestiegen ist. Und das wohlgemerkt zeitgleich mit einem funktionierenden Emissionshandel.

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"Deutschland wird den Takt vorgeben"

Bedauerlich sei trotzdem, wie in Europa darüber diskutiert werde, so Anzengruber. Aus jedem Land heiße es, man sei sofort dabei, wenn der Emissionshandel europaweit ausgeweitet und verstärkt werden würde. "Im Klartext bedeutet diese Antwort: Wir machen es nicht."

Sehr vielversprechend sei dagegen die aktuelle Diskussion in der Öffentlichkeit in Deutschland, in der viele Akteure sich sehr positiv zu einer Anhebung der Zertifitakepreise positionieren. Anzengruber dazu: "Es ist wahrscheinlich, dass hier Deutschland in ungefähr einem Jahr den Takt vorgeben wird."

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