Bauindustrie

Wohnsymposium in Wien: Das Bauen muss sich ändern

Die Baubranche, speziell der Wohnbau, müssen sich verstärkt des Themas Klimaschutz annehmen. Die Entwicklung vor allem bei Einfamilienhäusern geht teils in eine falsche Richtung. Im Neubau sei man gut unterwegs, großes Problem sei aber der Altbestand an Gebäuden mit nach wie vor 600.000 Öl- und 900.000 alten Gasheizungen, wurde bei einem Wohnsymposium in Wien beklagt.

Die Baubranche, speziell der Wohnbau, müssen sich verstärkt des Themas Klimaschutz annehmen. Die Entwicklung vor allem bei Einfamilienhäusern geht teils in eine falsche Richtung. Im Neubau sei man gut unterwegs, großes Problem sei aber der Altbestand an Gebäuden mit nach wie vor 600.000 Öl- und 900.000 alten Gasheizungen, wurde bei einem Wohnsymposium in Wien beklagt.

Mit dem Flächenverbrauch und dem Energieverbrauch bei Gebäuden sei "Österreich fast Weltmeister", sagte der Geschäftsführer der Raiffeisen Bausparkasse, Hans-Christian Vallant. Für ein Einfamilienhaus würden 330 Quadratmeter Fläche aufgehen, der spezifische Flächenverbrauch sei mehr als dreimal so hoch wie im Geschoßbau. In Summe gibt es rund 3,7 Millionen Hauptwohnsitzwohnungen.

Pro Kopf würden heute im Schnitt 45 Quadratmeter Wohnfläche benötigt, 40 Prozent mehr als vor 30 Jahren (33 Quadratmeter). Die Entwicklung gehe also teils in eine falsche Richtung. Über 15 Prozent der Einfamilien- und Zweifamilien-Häuser würden nur ein bis zwei Personen bewohnen, etwa nach dem Auszug der Kinder. Über 50 Prozent der Energie könnten mit moderneren Heizungen eingespart werden.

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Einen radikaleren Zugang wählte die Wiener Fridays-for-Future-Aktivistin Anna Lindorfer: "Wir stecken in einer tiefen ökologischen Krise", betonte sie. Gehe es nach dem Regierungsprogramm, drohe eine Erderwärmung um drei Grad, jedoch gebe es schon ab 1,5 Grad mehr teils irreversible Kippeffekte. Bis 2050 müsse der gesamte Planet klimaneutral werden, um nicht über 1,5 Prozent mehr zu kommen. "Wir müssen überdenken, wie wir leben, arbeiten, wohnen", rief sie den versammelten Branchenvertretern zu und plädierte dafür, klimagerechtes Bauen und Sanieren zum Standard zu machen. Der Einsatz von Ölheizungen am Land und Gasheizungen in Wien hänge natürlich auch mit den sozialen Verhältnissen zusammen - die müsse man sich dahingehend genau ansehen, ob die Leistbarkeit für einen Umstieg auf umweltfreundlicheres Heizen gegeben sei.

Gegen die Aufheizung der Städte sieht Stadtplanerin Helga Fassbinder als Lösung eine Renaturierung durch möglichst viel Blattgrün an. Neben der Hitze könnten auch Geräusche bzw. der Lärm eingedämmt werden. Auf Dächern und Fassaden sollten so viel Grünflächen wie möglich angebracht werden. "Das ist die kostengünstigste Maßnahme, die sofort realisiert werden könnte", meinte die Präsidentin der Stiftung "Biotope City Amsterdam". Auch in Wien seien solche Modelle leistbar, verwies sie auf ein Projekt am Wienerberg mit 1.000 Wohneinheiten, davon 650 sozial ausgerichtete. Die Biotope City Wienerberg zeige, dass dichte Bebauung und wirkungsvolle Begrünung vereinbar seien. "Dort wird es um mindestens zwei Grad kühler werden", so Fassbinger bei der u.a. vom Fachmagazin "WohnenPlus" veranstalteten Tagung. Und der Kühleffekt werde sogar in die Umgebung ausstrahlen. Möglich sei die Umsetzung am Wienerberg "durch sieben vorausdenkende Wohnbaugesellschaften". Begleitet wird das Projekt von einem Forschungsteam der Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien.

Über aktuell negative Erfahrungen zu solchen Bestrebungen berichtete anschließend der Vorarlberger Architekt Roland Gnaiger. Er komme gerade von einer Schlussbesprechung zu einem Begrünungsprojekt für 10.000 Bewohner. Dort sei beschieden worden, dass maximal ein Drittel Begrünung möglich sei, mit Hinweis auf die Brandgefahren. 35 bis 40 Prozent des Ressourcenverbrauchs entfalle aufs Wohnen und Bauen, "auch durch unsere verfehlte Boden- und Siedlungspolitik", meinte der emeritierte Architekturprofessor der Kunstuni Linz: "Das alles konnte man schon vor 50 Jahren wissen. Mich beschäftigt, wieso wir nichts oder viel zu wenig tun." Mit schuld sei die Grundausrichtung unseres Wirtschaftssystems - "schwarze Zahlen, Gewinn" -, aber auch ein Mangel an Vertrauen und Vorstellungskraft - etwa in Bezug auf die häufig lächerlich gemachte Holzbauweise oder die völlig vernachlässigte, auch bei uns mögliche Lehmbauweise, also Bauen mit ungebrannten oder möglichst wenig gebrannten Ziegeln. Lehm sei etwa beim Alnatura Headquarter (Alnatura Campus) eingesetzt worden, auch beim Ricola Kräuterzentrum (Lager- bzw. Verwaltungsgebäude). Federführend war hier jeweils der Vorarlberger Lehmbauer Martin Rauch aus Schlins gewesen.

"Die Lehm-Idee finde ich super", hakte der Österreich-Chef des Baustoffkonzerns Wienerberger, Mike Bucher, ein: "Wir würden das gern tun in Wien. Aber es ist mit den Erdbebenbedingungen schwierig." "Müssten wir nicht so viel Ziegel brennen, könnten wir 60 bis 70 Prozent des CO2 im Produktionsprozess einsparen, denn auch aus dem Rohstoff selbst wird in der Verarbeitung CO2 aktiviert." Reinen Lehm könne man natürlich nicht verwenden, denn es sei eine gewisse Druckfestigkeit nötig. Es reiche schon aus, wenn deutlich weniger gebrannt werden müsste, immerhin laufe das bei Temperaturen von 900 Grad Celsius ab. Auch bei den Energiekosten würde das Wienerberger Geld sparen. Das nächste Werk in Österreich werde "ganz sicher" nicht mit einer Gasturbine betrieben, sagte Bucher.

Die herkömmliche Bauweise trage selbst viel zu den Treibhausgas-Emissionen bei, das sei "nicht ohne", betonte die Leiterin am Zentrum für Bauklimatik und Gebäudetechnik der Donau-Universität Krems, Daniela Trauninger. Dabei gebe es durchaus auch Rückwirkungen, denn der Gebäudesektor selbst sei wiederum von dem von ihm mitverursachten Klimawandel betroffen. "10 Prozent des Stromverbrauchs weltweit gehen für Kühlung auf. Seit dem Jahr 2000 hat sich der Kühlbedarf im Gebäudesektor verdoppelt", verwies Trauninger auf den IEA-Bericht "Future of Cooling" von 2018. Und sie plädierte abschließend - unter Verweis auf städtische Hitzeinseln (Urban Heat Islands) - für ein "Abgehen von der nicht klimagerechten Bauweise, gar nicht nur beim Wohnen". Betrachtet werden müsse die Speicherfähigkeit von Massen und ob eine Nachlüftung nötig sei. Und wenn Gebäude "fertig" seien, sollte es ein begleitendes Monitoring geben. Mit den Ressourcen müsse auch am Bau behutsam umgegangen werden, denn "60 Prozent vom Abfall werden vom Bausektor verursacht". (apa/red)

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