Standort Oberösterreich

Wirtschaftliches Kraftfeld

Oberösterreichs Wirtschaft schlägt sich in schwierigem Umfeld besser als der Österreichschnitt. Dafür gibt es triftige Gründe.

Wie werden qualitativ hochwertige, aber trotzdem austauschbare Produkte und Dienstleistungen in einer globalisierten Wirtschaft einzigartig – und damit wertvoll für die Kunden? Mit dieser Frage sehen sich auch erfolgreiche Produktionsunternehmen aus Oberösterreich immer häufiger konfrontiert. Die Leitinitiative "Service Innovation" des Landes begegnet genau dieser Herausforderung und unterstützt dadurch die Unternehmen. Business Upper Austria, die Wirtschaftsagentur des Landes, vernetzt als Koordinatoren dazu über Branchengrenzen hinweg Firmen und Experten. Die Leitinitiative ist ein Gefäß, um entlang der Innovation-Chain Bildung – Forschung – Wirtschaft geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, sagt Wirtschaftslandesrat Michael Strugl, die oberösterreichische Unternehmen und Organisationen unterschiedlicher Größen und Branchen hilft, neue Dienstleistungen mit dem Fokus Kundennutzen zu gestalten. Damit sollen sie ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen.

Land der Kooperationen

Auch die Förderlandschaft nimmt die zunehmende Bedeutung der Dienstleistungsentwicklung wahr und spiegelt dies auch in den Kriterien für verschiedene Förderungen wider. Während vor wenigen Jahren nur die Entwicklung von – angreifbaren – Produkten als förderwürdig erschien, sind es heute zunehmend auch die organisatorischen Prozesse und Dienstleistungen. Die Weiterentwicklungen im Bereich Logistik sind dafür ein Paradebeispiel.Unternehmen können dabei viel von den Erfahrungen anderer profitieren. So treffen sich seit Dezember 14 Player des Mechatronik-Clusters regelmäßig unter dem Titel "Kunden-Dienst-Service". Im kurz "ERFA" genannten Erfahrungsaustausch wird beispielsweise diskutiert, wie man kundenzentriert entwickelt, den Kundennutzen darstellt oder wie man das Thema Customer Care bereits in der Produktentwicklung verankern kann. Als Berater sensibilisiert Business Upper Austria die Unternehmen für die Wichtigkeit der Service-Innovationen einerseits und die Fördermöglichkeiten andererseits. Zu den beliebtesten Förderinstrumenten zählen dabei Cluster-Kooperationsprojekte und die des Innovationsassistenten-Programms des Landes.

Erfreuliche Entwicklung

Seit dem Vorjahr gibt es für Oberösterreich einen eigenen "Konjunktur- und Wirtschaftsreport", der die wirtschaftliche Entwicklung des Bundeslandes als Gesamtes beleuchtet. Er wird von den Landesstatistikern erstellt und da derselbe Prognosezeitraum wie bei den publizierten Österreich-Ergebnissen der renommierten Wirtschaftsforschungsinstitute verwendet wird, gibt es vergleichbare Zahlen und Daten, aus denen Oberösterreichs Benchmarks ablesbar sind. Bei Drucklegung dieses Heftes fiel der Vergleich der jüngsten verfügbaren Daten aus regionaler Sicht erfreulich aus:

White Paper zum Thema

• Die Wirtschaft in Oberösterreich ist im 1. Halbjahr 2015 nur um 0,8 Prozent gestiegen, liegt damit aber noch immer über dem Österreichdurchschnitt (0,7 Prozent). Positiv wirkte sich erwartungsgemäß die Sachgütererzeugung aus. Die Entwicklung im Bauwesen und in den unternehmensnahen Dienstleistungen dämpfte hingegen das Wachstum.
• Die österreichische Wirtschaftsleistung hat sich auch 2015 um nur ca. 0,8 Prozent erhöht. In den nächsten Jahren werden jedoch ein steigender privater Konsum und eine höhere Investitionsnachfrage erwartet. Dadurch sollte auch das reale Wirtschaftswachstum in Oberösterreich in diesem Jahr um zwei und 2017 um 1,9 Prozent steigen. Dies entspricht einem nominellen Wachstum von 3,9 bzw. 3,6 Prozent. Das oberösterreichische Bruttoregionalprodukt wird damit 2016 knapp 60 Milliarden Euro betragen.

Damit kann man leben

Ein untrügliches Indiz dafür ist das Verhalten der institutionalisierten Wirtschaft. Prügelknabe in der veröffentlichten Meinung von Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer ist in mindestens neun von zehn Fällen der Bund. Nach dem Geschmack von Heinz Moosbauer, Leiter der Sparte Industrie in der Wirtschaftskammer, müsste das Land seine Anstrengungen im Bereich Forschung und Entwicklung "verbessern" und Oberösterreich "als Industrieland Nummer 1 sich in Wien weniger in nobler Zurückhaltung üben". Doch substanzielle Kritik am Wirken am Landhausplatz 1, 4021 Linz, sieht anders aus. Selbst die Wochen rund um die Landtagswahl im vorigen September waren verhältnismäßig friedlich vorübergegangen. Der Landeshauptmann ist der alte, der Wirtschaftslandesrat der gleiche geblieben, in Summe etwas weniger Grün, dafür mehr Blau …
 

Als unerwartete Folge des Wählerwillens wird vor allem eine frauenfreie Regierungsmannschaft in Erinnerung bleiben. Diese – vorsichtig gesagt – auffallend homogene Zusammensetzung juckt Oberösterreichs Wirtschaft aber wenig.

Mangelnde Investitionsfreude

Für die Bauindustrie läuft es derzeit deshalb besser als geplant, weil durch den milden Winter Aufträge vorzeitig abgearbeitet werden können. Sorgenfalten bereitet allerdings die mangelnde Investitionsfreude, vor allem im kommunalen Sektor. Die Gemeinden seien finanziell schlicht zu schlecht ausgestattet, sagt Moosbauer. Außerdem fehle vielen Gemeinden der Jurist oder technische Sachverständige im eigenen Haus, um Bauverfahren in jener Geschwindigkeit abzuwickeln, die sich die bauwilligen Unternehmer vorstellen: "Bauverfahren dauern länger als gewerbliche Verfahren. Sie an die Bezirkshauptmannschaft zu delegieren, würde den Instanzenzug wesentlich verkürzen." Der Bau ist eine der wenigen Branchen, die derzeit Probleme habe. Hingegen gehe es vor allem der immer stärker werdenden Nahrungs- und Genussmittelindustrie in Oberösterreich und den Fahrzeugbauern und -zulieferern "sehr gut", um auch die guten Nachrichten nicht unerwähnt zu lassen.
 

Die Lage am oberösterreichischen Arbeitsmarkt bleibt zwar weiter angespannt, wie die Zahlen des AMS interpretiert werden, hängt jedoch stark von der Sichtweise ab. Da ist als vordergründige, relative Größe die Arbeitslosenquote – 6,4 Prozent ist ein Zehntelprozentpunkt mehr als im Vorjahr um dieselbe Zeit, aber immer noch gravierend unter dem Österreichschnitt. Rund 900 Menschen mehr ohne Arbeit im Jahresvergleich, auch diese Nachricht klingt nicht berauschend. Doch dass im selben Zeitraum die Zahl der jungen Arbeitslosen um rund fünf Prozent sank, im Bundesland insgesamt 1.300 offene Stellen mehr als zu Frühjahrsbeginn 2015 unbesetzt bleiben, und die Gesamtzahl der Beschäftigten um fast 10.000 gestiegen ist – wer nur an "bad news" interessiert ist, lässt diese Aspekte unter den Tisch fallen. Wobei eines nicht übersehen werden sollte: Peter Huber vom Wifo und Michael Wagner-Pinter von Synthesis Forschung sprechen in einer aktuellen Einschätzung der Situation für Oberösterreich das Problem an, dass der Beschäftigungszuwachs in Oberösterreich zwischen 2008 und 2015 nur auf der Zunahme von Teilzeitjobs basiert. In der gleichen Zeit verschwanden rund 14.800 Vollzeitstellen.

Initiative "1plus1"

Dass die Politik selbst keine Arbeitsplätze schaffen kann (sieht man vom öffentlichen Dienst ab), hat sich herumgesprochen. Aber sie hat es in der Hand, die Rahmenbedingungen zu verändern und Unternehmer zu motivieren. Genau das wird mit der neuen Initiative "1plus1" versucht, genauer: die wachsende Zahl der Einpersonenunternehmer (EPU) dazu zu bringen, in den ersten Mitarbeiter zu investieren. Die Initiative besteht aus einer finanziellen Förderung für EPU durch das Land sowie einer Informationsoffensive und einem umfangreichen Beratungsangebot. Die Wirtschaftskammer Oberösterreich ist dabei zentraler Kooperationspartner. Im Detail zeigt sich, dass die Urheber die Ausformulierung der Bedingungen sehr realitätsbezogen angegangen sind, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. So wird im neu begründeten Beschäftigungsverhältnis das Bruttoentgelt sowohl in den ersten drei Monaten als auch in den Monaten zehn bis zwölf in der Höhe von 50 Prozent der entstehenden Bruttolohnkosten vom Land gefördert. Damit ist zuerst einmal einerseits die Probezeit gut abgedeckt, andererseits lockt die berühmte Karotte. Selbst der chaotischste EPU sollte sich nach einem halben Jahr Erfahrung oder etwas länger ausrechnen können, ob sich das Investment "eins plus eins" soweit rentiert hat, gegen Jahresfrist noch einmal aus öffentlichen Mitteln belohnt zu werden. Oder es ökonomisch doch gescheiter ist, das Experiment Mitarbeiter zu beenden. Dass Lebensgefährten, Ehepartner ebenso wie nahe Verwandte, (andere) neue Selbstständige und freie Dienstnehmer nicht fördertauglich sind, ist nur vernünftig. Die Förderung erfolgt übrigens ergänzend zur Förderung des Arbeitsmarktservices und kann noch bis Ende dieses Jahres beantragt werden.

Am Beginn selbst heute großer Industriekonzerne stand das Wagnis eines Einzelnen, und ohne die Initiative "1plus1" vor diesem Chancenpotenzial deshalb zu überwerten: Sie ist eines jener Mosaiksteinchen, mit denen die findigen Oberösterreicher Akzente setzen, mit Gestaltungswillen den Status quo ständig zu ihrem Gunsten zu verändern. Am Ende des Tages haben ihnen alle Statistiken und Standort-Rankings bisher recht gegeben.