Energiewirtschaft

„Wir müssen es angehen“: E-Wirtschaft will Erneuerbaren-Ausbau vorantreiben

Die heimische E-Wirtschaft brauche für viele Projekte den passenden gesetzlichen Rahmen, damit sie realisiert werden können und wünscht sich eine rasche Umsetzung des auf Eis liegenden Erneuerbaren-Energie-Gesetz (EAG) mit technologiespezifischen Ausschreibungen.

"Das EAG muss jetzt tatsächlich auf die Reihe gebracht und umgesetzt werden."
Salzburg-AG-Chef Leonhard Schitter

Von den neuen Erneuerbaren-Anlagen, die übernächstes Jahrzehnt zusätzlich rund 30 Terawattstunden (TWh) Strom erzeugen sollen, haben die Mitgliedsunternehmen des Branchenverbandes "Oesterreichs Energie" ein Drittel dieses Erzeugungsvolumens (10,6 TWh) schon konkret in der Projektpipeline, der Rest soll von Privaten außerhalb des Verbandes kommen. Von den Projekten über 10,6 TWh entfallen je knapp 45 Prozent auf Wasser- und Windkraft, ein Achtel auf PV. Bei Wasserkraft soll von der installierten neuen Leistung mehr als die Hälfte auf Speicher- und Pumpspeicherwerke entfallen. Der Präsident von Oesterreichs Energie, Salzburg-AG-Chef Leonhard Schitter, denkt bei neuen PV-Anlagen stark an größere Industrieflächen, insgesamt gehe es hier und bei Windkraft um die Akzeptanz der Bevölkerung.

Mehr Förderung dürfte nicht nötig sein. Die entsprechend der „Mission-2030“-Ziele geplanten zusätzlichen 30 TWh an Erneuerbarem-Strom pro Jahr lassen sich gemäß dem wahrscheinlichsten "mittleren" Strompreisszenario mit ungefähr der gleichen jährlichen Geldmenge an Fördermitteln hinstellen, zeigte sich der Spartensprecher Erzeugung von Oesterreichs Energie, Karl Heinz Gruber, bei einem Journalistenseminar überzeugt. Es müsse der Anreizbedarf also nicht über die schon jetzt pro Jahr erforderlichen knapp über 900 Mio. Euro hinaus anwachsen.

Anreizsystem mit Marktprämien

Möglich sei das, weil sich die Branche mit Renditen von unter 4 Prozent begnüge, durch die Stabilität im System würden hier auch Banken mitfinanzieren. "Ohne die Förderung bekäme man dafür aber von keiner Bank Geld", gibt sich Gruber keinen Illusionen hin. Bereits von 2012 bis 2017 sei die Ökostrommenge in Österreich (ohne Großwasserkraft) um 71 Prozent von 6,5 auf 10,5 TWh gestiegen, freilich verdoppelte sich das Unterstützungsvolumen dafür auf 860 Mio. Euro.

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Anders als die bisherige Förderung via Stromtarif wünscht sich Oesterreichs Energie für die künftigen Erneuerbaren-Anlagen ein Anreizsystem über variable Marktprämien, die mit Ausschreibungen wettbewerblich ermittelt werden. Steigen die Preise am Strommarkt, sinkt die Förderung - und umgekehrt. Gruber: "Es besteht also die Chance für den Stromkunden, dass es auch billiger wird." Oestererreichs-Energie-Geschäftsführerin Barbara Schmidt betont, dass auch laut EU Ausschreibungen nötig seien, "nur mit administrativen Marktprämien geht es nicht".

"EAG muss auf die Reihe gebracht werden"

Zumindest einen "Testballon für Marktprämien" sollte man versuchen, sagt Gruber, etwa für Projekte, die bis Ende 2021 genehmigt würden. Für neue Projekte sollte es bis zu 30 Prozent Förderanteil geben können, nicht nur 15 Prozent. Schitter möchte ein "Sonderbudget" für bereits genehmigte Projekte, bis das EAG fertig ist. "Die Vorstellung wären in Summe knappe 250 Mio. Euro, die als Förderbudget neben dem EAG aufgemacht werden könnten". Gruber macht sich die Hoffnung, dass Projekte trotz EAG-Verzögerung vorgezogen werden könnten, nicht mehr: "Wir müssen definitiv auf das EAG warten", das aber spätestens Anfang 2021 gelten sollte.

"Das EAG muss jetzt tatsächlich auf die Reihe gebracht und umgesetzt werden", betonte Schitter vor Journalisten: "Das muss die jetzige Regierung noch tun - nicht wieder warten." Das Jahr 2030 für die Ziele der heimischen Klima- und Energiestrategie sei beim Erneuerbaren-Ausbau ohnedies "schon jetzt nicht mehr haltbar, das wissen wir", so der Präsident. Und Generalsekretärin Schmidt betonte: "Wir müssen es angehen", egal ob bis zum Jahr 2030 bilanziell 100, 95 oder nur 90 Prozent an Erneuerbarer Abdeckung des Bedarfs möglich seien.

Breiter Schulterschluss

Die E-Wirtschaft stehe parat in Sachen "Mission.-2030"-Ziele, so Schitter, "man kann es aber nicht uns allein umhängen". Nötig sei ein breiter Schulterschluss in Form eines "Klimapaktes", bei der es auch darum gehe: "Wie schaffen wir es, die Bevölkerung miteinzubeziehen." Mit dem zusätzlich geplanten Erneuerbaren-Strom könnten 7,5 Mio. CO2 jährlich (fast ein Zehntel der jetzigen Emissionen) eingespart werden, weitere Mengen durch mehr E-Autos. Zudem dürften auch der Netzausbau, Speicher und die Sektorkopplung (mit Gas, Wärme) nicht vernachlässigt werden; das System müsse gerüstet werden, um den Stromüberschuss vom Sommer in den Winter zu bringen.

Das neue Energieeffizienzgesetz, wünscht sich Schitter, sollte ohne Verpflichtungssystem zeitgemäß gefasst werden. Auch Michael Baminger von der Energie AG Oberösterreich plädierte für mehr Praxisorientierung beim neuen Gesetz, das Ende 2020 ausläuft und jedenfalls neu gefasst werden muss: "Wir glauben: Anders könnte man ähnlich viel oder sogar besser Energie einsparen."

Ausgewogener Mix notwendig

Künftig, so will Oesterreichs Energie, sollten die Erneuerbaren-Anreize technologiespezifisch und nicht technologieoffen oder technologieneutral sein - um Klumpenbildungen zu vermeiden, indem etwa jahrelang nur PV gebaut werde, weil sie großflächig derzeit am billigsten sei. Dafür würde Wind- und Wasserkraft womöglich zugleich vernachlässigt. Nur die Berücksichtigung der jeweiligen Kosten bestimmter Technologien stelle einen ausgewogenen Mix an Anlagen sicher. Zudem sollen künftig alle Technologien an den Wettbewerbsmarkt herangeführt werden müssen - und auch alle Erzeuger von Erneuerbarem-Strom System-Mitverantwortung übernehmen.

Von den zusätzlich 30 TWh, die die erzeugte Erneuerbaren-Strommenge laut #mission2030 von etwa 50 TWh im Jahr 2016 auf ungefähr 80 TWh bringen sollen, dürften laut Oesterreichs Energie je 11 bis 13 TWh des zusätzlichen Volumens auf PV und auf Windkraft entfallen sowie 6 bis 8 TWh auf Wasserkraft. Bei Solarenergie hieße das einen Anstieg auf das Zwölffache - bzw. alle drei, vier Minuten eine neue PV-Anlage, wie Präsident Schitter sagte -, bei Wind auf mehr als das Dreifache und bei Wasserkraft-Strom ein Plus von 15 Prozent. Bei der Wasserkraft käme einiges an zusätzlichem Strom aus ertüchtigten Anlagen, nicht aus neu gebauten. Und bei Neuanlagen sind viele Kleinwasser-Kraftprojekte dabei, laut Gruber eine vierstellige Zahl.

Das mögliche Potenzial wäre damit bei PV in Österreich erst zu 35 bis 40 Prozent ausgeschöpft, bei Windstrom zu 40 bis 50 Prozent und bei Wasserkraft zu geschätzten 55 bis 70 Prozent, rechnete Gruber vor, der auch Geschäftsführer der Verbund Hydro Power GmbH ist. Mit den knapp über 80 TWh würde der Erneuerbaren-Anteil an der heimischen Gesamtstromnachfrage dann circa 92 Prozent betragen, nach knapp 73 Prozent im Jahr 2016. (apa)
 

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