Digitalisierung

"Wir leben Offenheit"

Bernhard Kienlein, Leiter Process Industries and Drives CEE und Kurt Hofstädter, Leiter Digital Factory CEE bei Siemens, über gelebte Offenheit in IOT-Plattformen, versteckte Potentiale in der Produktion und warum die Security-Debatte heute nicht mehr angstgetrieben geführt wird.

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INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Kienlein, auf Industriemessen wie Hannover oder der Smart in Wien sind IoT-fähige Produkte langsam in der Mehrheit. Stimmen Sie zu, dass die technologischen Voraussetzungen für das Internet der Dinge mittlerweile gegeben sind?

Bernhard Kienlein: Definitiv. Ich erlebe die Diskussion seit nunmehr fünf Jahren. Anfangs war von Umsetzungsempfehlungen für Industrie 4.0 die Rede. Diese blickten sehr weit in die Zukunft. In den letzten Jahren nahm die Industrie massiv an Dynamik auf. Lag der Schwerpunkt zunächst auf der Komplettierung des Portfolios, geht es jetzt auf breiter Basis in die Implementierung. Jetzt sprechen wir mit unseren Kunden über ganz konkrete Projekte. Interessant dabei: Das betrifft ein KMU genauso wie den Großkonzern.

Weil man einander in der Lieferkette oft genug trifft....

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Hofstädter: Speziell in der Automobilindustrie ist das Beziehungsnetzwerk zu mittelständischen Lieferanten engmaschig. Und kleine wie große Unternehmen stellen immer öfter Lebenszyklusrechnungen auf.

Sofern die entsprechende Datenqualität im Unternehmen vorhanden ist.

Kienlein: Die Sehnsucht danach geht einher mit dem Überschreiten vertikaler Unternehmensgrenzen, wie etwa Einkauf, Engineering, Produktion oder IT, aber auch über horizontale Lieferketten hinweg. Da werden Grenzen überschritten und das erfordert Kommunikation auf Basis transparenter Daten. Dazu kommen die neuen Möglichkeiten der Technologien: Über Daten sind Anlagenzustände erfassbar, etwa Pumpenbetriebszustände. Und das nicht nur vor Ort, sondern auch jederzeit "remote", also aus der Ferne. Das schafft ganz neue Möglichkeiten bei der Umsetzung von präventivem statt reaktivem Handeln. Die weitere Folge: Unternehmen denken über neue Geschäftsmodelle nach. Will man beispielsweise noch Maschinen verkaufen oder zukünftig eine von der Maschine erbrachte Leistung pro Zeiteinheit?

In der Nutzervereinigung MindSphere World schreiten Unternehmen den Horizont des Möglichen ab. Und man gibt sich erstaunlich offen für Mitbewerber.

Hofstädter: Mit dem Aufkommen der ersten Cloud-basierten Lösungen war klar: Es wird am Markt für IoT-Plattformen eine Konsolidierung, aber auch Standardisierung geben. Letzteres sieht man in MindSphere. Hier glaubt keiner, dass es sinnvoll ist, Lösungen proprietär nur für sich selbst zu entwickeln. Man lebt die Offenheit. Und hat erkannt: Wenn sich OEM, Ausrüster, Plattformanbieter und Anwender zusammentun, ist man stärker. Und man ist viel höherem Druck ausgesetzt, den Schwerpunkt auf Schnittstellen zu legen. Die Weiterentwicklung der IOT-Plattformen nimmt aus verschiedenen Richtungen Fahrt auf - das ist großartig!

Wo ist die Transformation, sind neue Geschäftsmodelle derzeit besonders gefragt?

Kienlein: Recht weit ist hier etwa die Pharmaindustrie und Biotechnologie, Stichwort personalisierte Medizin. Hier denkt man perspektivisch stark in Losgröße Eins-Fertigung. Aber unabhängig, in welche Branche man blickt: Der Effizienzdruck ist bei allen da, ob Öl-, Papier- oder Ziegelindustrie. So will auch der slowenische Glashersteller Steklarna Hrastnik vorne dabei sein. Wir helfen ihm, digitale Werte zu schaffen.

Siemens vergibt Painpoints, wie das so mancher Berater tut?

Kienlein: Wir suchen in Form von Digitalisierungs-Consulting Bottlenecks und versteckte Potenziale und priorisieren dann gemeinsam mit dem Kunden digitale Lösungsansätze. Letztlich geht es aber immer noch um eins: Den ROI. Und um den niedrig zu halten, braucht es Digitalisierungs- und Branchen-Know-how gleichermaßen. Sonst findet man keine gemeinsame Sprache. Genau das zeigt sich auch in unserer Recruiting-Offensive: Wir suchen IT-Fachkräfte wie Prozessspezialisten.

Stichwort Datensicherheit. Da ist der Diskurs in der Industrie rege.

Hofstädter: Die Diskussionen werden in der Tat intensiv geführt. Doch war es noch vor ein, zwei Jahren eine eher abwehrende, angstgetriebene Diskussion, sind die Unternehmen heute offensiver. Sie verstehen: Sicherheit ist kein Zustand, sondern ein Prozess, der schon das Anlagendesign betrifft. Wir haben deshalb ein skalierbares Angebot an Diensten, mit dem der Kunde überprüfen kann, wie sicher seine Systeme sind.

Sie nutzen mit Ihrem cloudbasierten IoT-Betriebssystem MindSphere die  Datenzentren von Amazon, SAP und Microsoft. Zerstreut das die Sorgen der Kunden?

 Kienlein: Eine zentrale Fragestellung ist auf jeden Fall: Wem gehören die Daten? Da hat sich Siemens eindeutig festgelegt. Die Daten gehören weiterhin dem Erzeuger, allein er entscheidet, was damit passiert. Das schließt natürlich nicht aus, dass wir auch attraktive Applikationen zur Datenanalyse anbieten.

Hofstädter: Cybersecurity ist eine große Herausforderung und ein wichtiger Wettbewerbsfaktor in einer digitalisierten Wirtschaft. Vielfach fehlt noch das nötige Bewusstsein für die Gefahren, was unzureichende Gesamt-Strategien für IT Security – auch in der Fertigung – zur Folge hat. Mit dem „Defence in Depth“ Konzept unterstützt Siemens Unternehmen dabei, ihre Security-Strategien zu überprüfen und wirksame Maßnahmen zu entwickeln.

Siemens hat beim Thema Industrial Security drei wirksame Maßnahmen ergriffen: Erstens: Wir haben ein umfassendes Industrial IT-Konzept entwickelt, das das Thema ganzheitlich, angefangen beim Zugangsschutz, betrachtet. Zweitens: Wir bauen verstärkt Security-Funktionen in Komponenten ein – Stichwort ‚Security Integrated‘ – und bauen unser Portfolio von spezialisierten Security-Komponenten beständig aus. Drittens: Wir geben unser Know-how auf dem Gebiet der Industrial Security in Form von Services gezielt an unsere Kunden weiter.

Abschlussfrage: Vom eher pauschalen Big-Data-Ansatz hat man sich zuletzt mehr mit der Idee angefreundet, Daten maschinennah zu verarbeiten, Stichwort Edge-Computing. Grund?

Kienlein: Die Vorteile liegen auf der Hand. Es macht - nicht zuletzt aus Sicherheitssicht - Sinn, nicht alle Daten in der Welt herumzuschicken. Stattdessen führen intelligente Algorithmen vor Ort automatisiert Analysen durch, die es erlauben, Maßnahmen abzuleiten. Das macht Sinn: Man lässt die Grunddatenmenge vor Ort und überträgt nur die Resultate der Analyse. So gelang es bei einem Projekt mit der OMV, mit deutlich reduziertem  Aufwand weit im Feld verstreute Pumpen in die Automatisierungsumgebung einzubinden.

Man hört, auch bei Werkzeugmaschinen bringt die Edge Vorteile.

Hofstädter: In der Tat sind Werkzeugmaschinen-Steuerungen am Limit, können so zusätzliche Kapazitäten für rechenintensive Analysen ins Feld gebracht werden. Als Standalone-Lösung, ganz ohne zusätzliche Steuerung!

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person:

Bernhard Kienlein, 58,
leitet seit 2014 die Division Process Industries and Drives CEE bei der Siemens AG Österreich. Davor war er für die Division Drive Technologies CEE zuständig. Kienlein ist seit 30 Jahren weltweit im Konzern tätig.

Kurt Hofstädter, 58,

leitet die Division Digital Factory CEE bei der Siemens AG Österreich. Er arbeitet seit 1984 bei Siemens. Seit 2015 ist Hofstädter Vorstandsvorsitzender der IOT-Plattform „Industrie 4.0 Österreich“.

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