Interview

"Wir fürchten uns nicht"

Die Deutsche Post greift massiv am österreichischen Paketmarkt an. Peter Umundum, Paket- und Logistikvorstand der Österreichischen Post, erklärt, warum er dennoch gelassen bleibt.

Von
Paketlogistik Logistik Deutsche Post Post AG Peter Umundum

INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Umundum, der aktuelle Halbjahresbericht der Post AG zeigt wie zuletzt leichte Umsatzrückgänge bei der Briefpost, die durch Zuwächse im Bereich Paket & Logistik überkompensiert werden. Sind die Volumina gestiegen oder haben Sie Marktanteile gewonnen?
Peter Umundum Beides trifft zu. Unser Privatkundengeschäft wächst um rund fünf Prozent im Jahr, getrieben vor allem durch E-Commerce. Hier wachsen wir mit dem Markt und liegen bei Marktanteilen von rund 77 Prozent. Der B2B-Markt wächst aus unserer Sicht derzeit nicht, wir gewinnen jedoch Anteile hinzu und halten bei rund 28 Prozent.

Positive Signale hinsichtlich Konjunkturentwicklung ...
Umundum ...können wir also leider nicht vermelden. Im Privatkundengeschäft handelt es sich ja weitgehend um eine Verlagerung vom stationären zum elektronischen Handel. 

Und das wird aus Ihrer Sicht so weitergehen?
Umundum Auf absehbare Zeit, ja. Hier beginnen sich auch neue Produkte zu entwickeln, etwa im Bereich des Lebensmittel-Versandhandels. Und wir sehen auch, dass sich unser Mitbewerb hier immer stärker positioniert, vor allem B2C. Wir bemerken das nicht zuletzt an der wachsenden Anzahl an Shops der Mitbewerber sowie am Preisdruck.

Positioniert hat sich nun vor allem die Deutsche Post, die hunderte Millionen Euro in ein eigenes Österreich-Paketnetzwerk investiert, das im kommenden Jahr starten soll. Wie schmerzhaft wird das für die Österreichische Post?
Umundum Ganz überraschend trifft uns die Meldung nicht, da wir natürlich den Markt beobachten und in den letzten Monaten vermehrt Aktivitäten der Deutschen Post in Österreich wahrgenommen haben. Natürlich nehmen wir das ernst, aber wir fürchten uns nicht vor dem Mitbewerb. Wir investieren seit Jahren in den Ausbau unserer Kundenservices und bieten hochqualitative Zustelllösungen. An unserem Ziel, weiterhin die Nummer eins im Privatkundengeschäft zu bleiben, ändert sich dadurch nichts.

Aber was wird das für Ihre Beziehungen zu den großen deutschen E-Commerce-Kunden bedeuten?
Umundum Da sich derzeit noch nicht abschätzen lässt, wie das Engagement der Deutschen Post in Österreich aussehen wird und wie hoch deren Investitionen wirklich sind, können wir dazu noch nichts sagen. Klar ist jedoch: 60 Prozent der E-Commerce-Einkäufe der Österreicher kommen aus Deutschland und das verstärkte Engagement der Deutschen Post heizt natürlich die Wettbewerbssituation an. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass wir mit unseren innovativen Produkten, unserer Expertise und unserem modernen und flächendeckenden Logistiknetz ein attraktives Angebot für unsere Kunden aufweisen. Das bescheinigt uns auch eine kürzlich durchgeführte IFES-Studie zur Kundenzufriedenheit, bei der wir im Vergleich zu anderen Paketdienstleistern am besten bewertet wurden.

Wie werden Sie auf den Einstieg der Deutschen Post reagieren?
Umundum Wir setzen unsere Serviceoffensive konsequent fort, mit neuen Angeboten für unsere Kunden. Speziell im Bereich der letzten Meile, etwa mit der Samstagszustellung, dem Ausbau unserer SB-Leistungen oder den Umroutungsmöglichkeiten via Post-App.

Dem Preisdruck werden Sie also nicht nachgeben?
Umundum Nein, das haben wir nicht vor. Die Post positioniert sich ja über Zustellzeit und -qualität, nicht primär über den Preis. Unsere Stoßrichtung ist einerseits, die Kernprozesse über alle Produkte hinweg so standardisiert wie möglich zu gestalten, und andererseits, auf der letzten Meile maximale Flexibilisierung zu erreichen. Dazu gehören etwa die mittlerweile 270 Selbstbedienungszonen und die Abholstationen in den eigenen Filialen oder etwa auch bei Tankstellen. Das wird von den Empfängern extrem gut angenommen: Bei den Empfangsboxen haben sich die Einlagen im ersten Halbjahr 2015 verdoppelt, bei der Versandbox verdreifacht. Auch die Samstags-Zustellung ist unter diesem Blickwinkel zu sehen. Sie ist derzeit noch ein Pilotprojekt, das wir aber bis Jahresende in den Ballungsräumen aus- gerollt haben werden. Und all das sind Vorleistungen, deren Kosten nicht an die Versender weitergegeben werden.

Und Ihre Kunden akzeptieren diese Positionierung?
Umundum Ja, weil sie den Mehrwert bemerken. Wir sehen auch, dass die Empfänger immer häufiger darauf achten, wer zustellt, und immer schneller bereit sind, einen Wechsel zu verlangen, wenn die Qualität nicht stimmt. Die Unmittelbarkeit des Feedbacks hat wirklich extrem zugenommen. Und das ist eine Entwicklung, die wir aufgrund unserer Positionierung nicht nur begrüßen sondern auch explizit fördern.

Die Post positioniert sich auch als klimafreundlich. Geht sich das mit steigenden Versandmengen aus?
Umundum Ich denke, dass wir auch bei dieser Positionierung glaubwürdig sind. Wir konnten die Emissionen in den vergangenen Jahren trotz steigender Mengen um rund 30 Prozent reduzieren. Einerseits durch Adaption der Logistik – Verbundzustellung, größere Fahrzeuge, optimierte Zustellwege –, andererseits durch Investitionen in Elektrofahrzeuge oder Solarenergie. Und drittens natürlich durch den kompensatorischen Kauf von CO2-Zertifikaten. Wir sehen deutlich, dass die CO2- Bilanz auf Kundenseite ein immer wichtigeres Thema wird, insbesondere bei Ausschreibungen. Ich bin übrigens keineswegs davon überzeugt, dass der wachsende E-Commerce zu erhöhter CO2-Belastung führt. Denn ob der Individualverkehr, der für das Shopping sonst notwendig wäre, tatsächlich eine bessere Bilanz hätte – da bin ich nicht so sicher, ich vermute eher das Gegenteil. Wir haben eine Studie beauftragt, die das untersucht, und bis Jahresende sollten wir die Ergebnisse auf dem Tisch haben.

Wie entwickelt sich der Mitarbeiterstand?
Umundum Im Paketbereich haben wir einen leichten Zuwachs. Über die gesamte Post AG ist der Mitarbeiterstand leicht rückläufig, in erster Linie, da die Briefmengen kontinuierlich um drei bis fünf Prozent pro Jahr zurückgehen.

Sie haben für die deutsche trans-o-flex eine Umstellung des Geschäftsmodells angekündigt. Wie soll das aussehen?
Umundum Die trans-o-flex hat einen hohen Pharma-Anteil, und hier gibt es eine Reihe von Good Distribution Practices, die in Deutschland immer schärfer kontrolliert werden. Vor allem im Ambient-Bereich – also bei Temperaturen von 15 bis 25 Grad – steigt die GDP-Attention und hier steigen auch die Mengen deutlich. Unter diesem Blickwinkel haben wir die Flotte der trans-o-flex auf Ambient nachgerüstet und im ersten Halbjahr alle Kunden in diesem Bereich von der Thermomed in die trans-o-flex geführt. Die Thermomed macht fast nur noch den Cold-Bereich von 2 bis 8 Grad.

Wirtschaftlich ging es der trans-o-flex ja nicht immer optimal.
Umundum Dem kann ich leider nicht widersprechen. Mit dem Pharma-Geschäft sind wir derzeit sehr zufrieden, beim Rest gibt es immer noch Verbesserungsbedarf.

Vor zwei Jahren sind Sie bei der türkischen Aras Kargo eingestiegen ...
Umundum ...mit 25 Prozent und einer Option auf insgesamt 75 Prozent im kommenden Jahr. Hier haben wir zweistelliges Wachstum. Die Aras ist die Nummer zwei am türkischen Paketmarkt – durchaus mit dem Potenzial, Nummer eins zu werden.

Die Post gehört offenbar auch zu den wenigen Unternehmen, die derzeit mit ihren CEE-Beteiligungen zufrieden sind. 
Umundum Ja, wir wachsen hier im Paketbereich in allen Segmenten und nach allen Messkriterien zweistellig. Auch in diesen Ländern wächst vor allem der B2C-Bereich stark, und da haben wir aufgrund unseres B2B-Hintergrundes einen strukturellen Vorteil. Außerdem nehmen immer mehr Kunden die Post auch länderübergreifend als Partner. In einigen Ländern sind wir zudem internationaler Exklusivpartner von Expressdiensten. Und man muss auch sagen: Qualitativ sind wir in diesem Bereich schon ziemlich weit vorne.

Sehen Sie sich weiter um?
Umundum Es gibt derzeit nichts Konkretes, aber immer wieder Evaluierungen und Gespräche. Unser Fokus bleibt Ost- und Südosteuropa. Wir können natürlich keine Phantasiepreise bezahlen, aber falls es interessante Akquisitionsmöglichkeiten gibt, sehen wir uns die an. Und wenn Sie auf die Karte sehen, können Sie sich denken, wo noch Lücken zu schließen wären.

Sie sind auch Aufsichtsratsvorsitzender der Eurodis. Wird das Transportnetzwerk weiter wachsen?
Umundum Wir führen jedenfalls konkrete Gespräche mit weiteren Ländern: Rumänien, Polen, auch mit der Ukraine als „Importland“. Bei Nicht-EU-Staaten steht aber natürlich immer auch die Lösung zollrechtlicher Probleme im Fokus, und das ist bekanntlich nicht immer ganz einfach.

Zur Person

Peter Umundum, geboren 1964, ist studierter Informatiker. Er war IT-Leiter der Steirerbrau AG und der Styria Medien AG sowie Geschäftsführer von deren Tochtergesellschaft Media Consult Austria. 1999 war Umundum Mitbegründer und Geschäftsführer von redmail, danach Geschäftsführer der Tageszeitungen "Die Presse" und "Kleine Zeitung" sowie Vorstandsmitglied der APA, des VÖZ und der ÖAK. 2005 wechselte Peter Umundum zur Österreichischen Post und wurde 2011 zum Vorstandsdirektor für die Division Paket & Logistik bestellt. Er ist zudem Aufsichtsratsvorsitzender des europäischen Transportnetzwerks Eurodis.