Risikomanagement

Wie sicher ist logistische Effizienz?

Supply-Chains werden immer komplexer. Aber werden sie damit auch anfälliger für Risiken? Robuste und gleichzeitig bewegliche Netzwerk-Strukturen könnten die Antwort sein.

Sie kämpften viele Jahre lang darum.Und sie waren höchst erfolgreich. Auf der Jagd nach maximaler logistischer Effizienz kamen Unternehmen wie die Automobil-OEM oder auch Amazon et alii in Bereiche, die lange nicht vorstellbar waren. Mission accomplished? Oder macht die neue Qualität der Risiken auch ein neues Denken in Zusammenhang mit der Supply-Chain erforderlich? 

"Derzeit erleben wir eine Art Neujustierung der Ziele des Supply-Chain-Managements", meint Peter Klaus, emeritierter Logistik-Professor der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. "Der Fokus verschiebt sich von Effizienz in Richtung Resilienz." Die offensichtlichen Herausforderungen des Risikomanagements sind erlernt, mein Klaus. Mit Themen wie ökonomischen und politischen Krisen, Naturkatastrophen oder Unfällen haben Unternehmen umzugehen gelernt.

"Nun wird aber die Sensibilisierung in Richtung der weniger offensichtlichen Risiken immer bedeutsamer. Unterbrechungen in den Informations- und Kapital-Versorgungsketten, neuen Verantwortlichkeiten und Haftungsrisiken in vertikalen Vorlieferanten- und Subunternehmer-Beziehungsketten: Das Supply-Chain-Management erlebt eine Risiko-Sensibilisierung." Die neue Königsdisziplin des Risikomanagements sei demnach die Architektur robuster, adaptiver Organisations- und Netzwerkstrukturen, sagt Peter Klaus. 

"Noch vor einigen Jahren war undenkbar, dass ganze Staaten in Konkurs gehen oder Embargos wie nun gegen Russland beschlossen werden", stimmt Franz Staberhofer, FH-Professor am Logistikum in Steyr, der These zu, dass die Risikolandschaft einem beachtlichen Wandel unterliegt. "Heute ist das Realität, und man muss seine Netzwerke anpassen können." Netzwerke also – auch hier stimmt er, Peter Klaus, zu – seien der Königsweg, um sich gegen Ausfälle der Supply-Chain zu wappnen.

Automotive. What else?

Der Spruch ist ziemlich abgegriffen, doch offenbar aktueller denn je: Nicht Firmen träten heute gegeneinander an, sondern Supply-Chains. Das sieht auch Franz Staberhofer so, "nur wird es eben leider sehr selten gelebt.“ Das größte Risiko für Unternehmen in seinen Augen: an den notwendigen Netzwerken nicht beteiligt zu sein.

Das älteste und mittlerweile belastbarste Netzwerk in diesem Sinne hat wohl die Automotive-Industrie etabliert. "Die Lieferanten müssen in diesem Netzwerk mitspielen oder sie sind einfach nicht dabei", sagt Franz Staberhofer. Amazon ist ein weiteres – und oft genug bemühtes – Beispiel: Wenige Konzerne unterwerfen ihre Lieferanten so konsequent einem ähnlich strengen Regime wie der Handelsriese aus Seattle. Auch Cisco betreibt die moderne Form des Netzwerks perfekt: "Die Supply-Chain-Manager waren hier immer schon Relationship-Manager", sagt Staberhofer, "und die Kundenwünsche werden möglichst schnell und möglichst direkt an die Lieferanten weitergeleitet. Das ist ein Musterbeispiel für ein modernes Netzwerk!"

Über die Sinnhaftigkeit dieser Entwicklung lange zu diskutieren, meint Staberhofer, sei relativ brotlos: "Je kleinteiliger und individueller unser Verhalten als Konsumenten wird, desto zwingender werden solche Netzwerkstrukturen." Die Zeiten, in denen Same Day Delivery irgendjemanden beeindruckte, sind vorbei, heute wird in Stunden-Slots gedacht. "Und als Produzent müssen Sie da einfach mitmachen, wenn Sie nicht Läger anlegen wollen, die Sie sich nicht leisten können."

Dass diese Entwicklung den Fokus der Geschäftsbeziehungen endgültig weg vom Vertrauen und hin zur betriebswirtschaftlichen Notwendigkeit bewegen könnte, mag man bedauern, doch auch diese Diskussion ist für Staberhofer nicht zielführend: "Dass gerade im Automotive-Bereich das Kriterium des Überlebens immer mehr den Vorrang vor Lieferantenbewertungen gewinnt und dass die Netzwerke zwischen OEM und Lieferanten auch nach der Krise von 2008 nicht auf Augenhöhe ausgelegt, sondern machtzentriert sind, halte ich persönlich nicht für sehr nachhaltig. Aber das kann sich natürlich auch wieder in die Gegenrichtung bewegen."

Risiko Cloud?

Ähnlich angriffig zeigt sich Staberhofer übrigens, wenn es nicht um die Reaktion auf, sondern um die Ursachen von Risiken geht. Vor allem beim Thema Daten-Cloud hält er die allgemeine Einschätzung, dass sie eine weitere Gefahrenquelle für Unternehmen sei, für falsch. "Wie viele Daten aus ihrem Privatleben sind die Menschen bereit, unaufgefordert zu teilen? Da stört uns das Risiko ja offensichtlich auch nicht. Warum sollten sich also Unternehmen anders verhalten?" Auch hier gehe es – in Analogie zur OEM-Lieferantenbeziehung – darum, Vorteile zu genießen beziehungsweise nicht aus dem Netzwerk ausgeschlossen zu werden. Cloudlösungen sind in Staberhofers Augen ein "extrem einfacher Weg, um an Netzwerken teilzunehmen. "IT-Systeme können ja nie wirklich gesichert sein, aber in meinen Augen steigert die Cloud die Gefahr nicht, sondern ist meist besser gesichert als alles andere. Die Sicherheit steigt meiner Meinung nach." Die Diskussion dürfte spannend werden.