Machtkampf

Wie lange wird Winterkorn noch VW-Chef sein?

Nach der Distanzierung von Aufsichtsrat Ferdinand Piech zu VW-Chef Martin Winterkorn zeichnet sich ein Machtkampf im VW-Konzern ab. Hinter Winterkorn stehen mächtige Verbündete, doch sowohl der Großaktionär Katar als auch ein Branchenexperte rechnen damit, dass es Winterkorn nicht mehr lange halten wird.

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Bei Europas größtem Autobauer Volkswagen zeichnet sich ein erbitterter Machtkampf in der Führungsspitze ab. Aufsichtsratschef Ferdinand Piech hatte sich im "Spiegel" mit dem Satz zitieren lassen: "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn." Angesichts der Macht- und Eigentumsverhältnisse - die Familie von Porsche-Enkel Piech ist noch vor Niedersachsen größter VW-Aktionär - kommt dies einer öffentlichen Demontage Winterkorns gleich.

Winterkorn ist seit 2007 VW-Vorstandsvorsitzender. Sein Vertrag läuft Ende nächsten Jahres aus. Konzerninsider hatten zuletzt übereinstimmend berichtet, dass Winterkorn Piech 2017 im Kontrollgremium ablösen dürfte. Nur der Zeitpunkt schien unklar. So ließ es auch Winterkorn zuletzt offen, ob für ihn eine Vertragsverlängerung infrage komme. Nach den überraschenden Äußerungen Piechs erscheint nicht nur dies fraglich, sondern auch, ob Winterkorn seinen bis Ende 2016 laufenden Vertrag überhaupt noch erfüllen wird. Piech hatte VW einst selbst geführt. Zu Winterkorn besaß er jahrzehntelang ein großes Vertrauensverhältnis. Ohne Piech fällt bei VW keine zentrale Entscheidung.

Die Probleme bei VW

Dem "Spiegel"-Bericht zufolge wirft Piechs Bruder Hans Michel, der ebenfalls im VW-Aufsichtsrat sitzt, Winterkorn Versäumnisse vor. Zu Piechs Kritikpunkten zählt demnach, dass Winterkorn die Probleme im US-Geschäft bisher nicht in den Griff bekommen hat und die Hauptmarke VW bei der Ertragskraft schwächelt. Ebenfalls kritisch sehen manche, dass VW zwar seit vielen Jahren über den Einstieg ins Billigsegment diskutiert, bisher aber keine Entscheidung getroffen hat.

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Die Gewinnkraft der Kernmarke VW-Pkw hinkt dabei der Konkurrenz etwas hinterher. Daher greift seit vergangenem Sommer ein milliardenschwerer Sparplan. Im Juli gibt Winterkorn das Amt als VW-Markenchef, das er in Personalunion mit seinem Chefposten im Konzern führt, an den früheren BMW-Vorstand Herbert Diess ab.

In den USA fehlen zudem die richtigen Modelle, sodass VW seit Jahren in einem wachsenden Markt - dem nach China zweitgrößten der Welt - Anteile verliert. In Summe werden diese Probleme verdeckt durch den insgesamt seit Jahren laufenden Rekordkurs des Konzerns, der sich mit großem Tempo bei Absatz, Umsatz und Gewinn verbessert. Der Rivale General Motors ist schon überholt. Nur noch Toyota als weltgrößter Autokonzern liegt vor Volkswagen.

Winterkorns Verbündete

"Winterkorn wird nicht aufgeben, er wird weitermachen", sagte ein Unternehmensinsider am Wochenende der Nachrichtenagentur Reuters. "Winterkorn hat starke Verbündete - Niedersachsen und den Betriebsrat."

Beide hatten sich bereits am Freitag demonstrativ hinter den 67-Jährigen gestellt. Zusammen verfügen Land und Arbeitnehmer-Vertreter über die Mehrheit im Aufsichtsrat. Mit Winterkorn habe der Konzern "den erfolgreichsten Automobilmanager an Bord", erklärte der Betriebsratschef Bernd Osterloh. Wenn es nach dem Willen der Arbeitnehmer gehe, solle Winterkorns Vertrag über 2016 hinaus verlängert werden. Niedersachsen stärkte Winterkorn ebenfalls den Rücken. Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) griff Piech direkt an: "Man sollte bitte nicht den erfolgreichen VW-Konzern durch solch öffentliche Einlassungen in eine schwierige Situation bringen", sagte er der "Bild am Sonntag". Er sehe der Ankündigung Piechs "auch aufgrund der Mehrheitsverhältnisse im Aufsichtsrat sehr gelassen entgegen".
 

Die Familien Piech und Porsche besitzen zwar über die von ihnen kontrollierte Porsche SE die Mehrheit von 51 Prozent der VW-Aktien, stellen allerdings nur fünf der 20 Mitglieder des Aufsichtsrats. Das Land Niedersachsen, ohne das wegen seiner Sperrminorität beim Zwölf-Markenkonzern Volkswagen gar nichts geht, entsendet zwei Vertreter in den Aufsichtsrat, Lies und Ministerpräsident Stephan Weil, die Arbeitnehmerseite zehn. Weil halte eine öffentliche Diskussion über die Spitzen für VW dabei für schädllich. Für eine Abberufung Winterkorns durch den Aufsichtsrat müsste sich dieser laut Aktiengesetz eine "grobe Pflichtverletzung" zuschulden kommen lassen oder "unfähig zur ordnungsmäßigen Geschäftsführung" sein. Auch eine Mehrheit von elf Stimmen in dem 20-köpfigen Aufsichtsratsgremium könnte Winterkorn absetzen. Ministerpräsident Weil sei dabei "unangenehm überrascht" über Piechs Aussagen. Niedersachsen sehe die Entwicklung von Volkswagen positiv und pflege eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Vorstandsvorsitzenden.

Wolfgang Porsche distanziert sich von Piech

"Die Aussage von Herrn Dr. Piech stellt seine Privatmeinung dar, welche mit der Familie inhaltlich und sachlich nicht abgestimmt ist", ließ Wolfgang Porsche als Vertreter der Porsche-Familie am Sonntag in Stuttgart der Deutschen Presse-Agentur mitteilen. Er ist der Sprecher des Porsche-Familienstamms. Damit steht Piech mit seinen Äußerungen zunehmend isoliert da. Bisher gab es aus dem VW-Aufsichtsrat keine öffentliche Unterstützung seiner Position. Piech hatte außerdem gesagt: "Ich strebe an, dass an die Spitze des Aufsichtsrats und des Vorstands die Richtigen kommen." Die Kandidaten dafür seien bereits im Unternehmen. Einzelheiten nannte Piech aber nicht. Seine Motive für die Äußerungen sind unklar.
 

Auch am Rande der Hannover Messe, wo sich Winterkorn nichts von dem Ärger anmerken ließ, sei ihm eine „Welle der Solidarität entgegengeschwappt", sagte der Teilnehmer eines VIP-Empfangs, den Winterkorn am Sonntagabend nach dem Start der Industrieschau Hannover Messe besucht hatte. Weitere Teilnehmer bestätigten, dass bekannte Persönlichkeiten intensiv auf Winterkorn zugingen und sich mit dem Konzern-Chef unterhielten. Darunter waren Daimler-Boss Dieter Zetsche, der Aufsichtsratsquerelen um sein Amt nur zu gut kennt, und Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD).
 

„Piech gewinnt den Machtkampf“

Der Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht die Tage von Martin Winterkorn als VW-Vorstandschef allerdings gezählt. "Seit Samstag dürfte VW-Chef Winterkorn jedenfalls kaum noch Freunde im VW-Vorstand haben. Nachdem der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piech öffentlich von seinem engen Wegbegleiter abgerückt ist, wird die Luft um Winterkorn dünn", sagte Dudenhöffer der "Passauer Neuen Presse“. "Herr Winterkorn konnte die VW-Probleme nicht lösen. Piech traut Winterkorn nicht zu, den VW-Konzern in die Zukunft zu führen", sagte der Professor an der Universität Duisburg-Essen und Leiter von CAR-Center Automotive Research.

Dudenhöffer erwartet im Konzern einen erbitterten Machtkampf, nachdem nun auch die Porsche-Familie auf Distanz zu Piech gegangen ist. "Piech wird auch diesen Machtkampf gewinnen. Wer sich hinter Winterkorn stellt, wird am Ende verlieren. Die Porsche-Familie hat sich schon in der Vergangenheit nicht durchsetzen können", sagte Dudenhöffer. "VW-Pkw ist der schwächste im Verbund der Großen. Jetzt will Piech offenbar handeln."

Für den Automobil-Experten sind die Probleme der Marke VW-Pkw, dem Herzstück des Konzerns, "ganz offensichtlich". Während Toyota im vergangenen Jahr pro Fahrzeug 1.647 Euro Gewinn oder 8,6 Prozent Umsatzrendite erzielt habe, dümpele VW-Pkw bei 540 Euro oder 2,5 Prozent Umsatzrendite vor sich hin. Sehr dünn sei auch der VW-Pkw-Vergleich mit GM oder Ford. Beide US-Unternehmen arbeiteten in ihrem Kerngeschäft deutlich profitabler als VW.

Auch der Piech-Biograf Wolfgang Fürweger sieht den VW-Patriarchen als einzig möglichen Sieger. "Es wird einer auf der Strecke bleiben - und das wird nicht Ferdinand Piech sein", sagte der Österreicher am Montag zur Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX. Er gehe davon aus, dass die Familien Porsche und Piech eine Lösung "im Sinne von Piech" finden werden.

"Was hätte die Porsche-Familie von einem internen Bruch - nur um einen hoch bezahlten Manager zu schützen?", sagte Fürweger. "Am Ende haben sich die Familienbande Porsche-Piech noch immer durchgesetzt. Es geht ums Geschäft, ums Geld."

Großaktionär Katar "erzürnt", Winterkorn aber trotzdem auf "verlorenem Posten"

Zwar zürnt Großaktionär Katar laut "Handelsblatt" über den Alleingang des VW-Patriarchen Piëch, der Winterkorn überraschend sein Vertrauen entzogen hatte. Gleichzeitig jedoch sieht Katar den angeschlagenen Konzernchef auf verlorenem Posten.

"Beim amtierenden Vorstandschef Martin Winterkorn auf Distanz zu gehen, ohne eine mit dem Aufsichtsrat abgestimmte Alternative präsentieren zu können, ist nicht im Sinne von QIA", zitierte die Zeitung am Mittwoch aus dem Umfeld des Staatsfonds Qatar Investment Authority (QIA). Gleichzeitig stehe für den Großaktionär mit 17 Prozent der Stimmrechte jedoch fest, dass Winterkorn nur schwer zu halten sein werde, nachdem er bei Piech "in Ungnade gefallen ist".

Einen konkreten Abstimmungsdruck gebe es indes noch nicht. "Wir hören uns die Meinungen erst einmal an", zitierte das Blatt in seiner kostenpflichtigen Online-Ausgabe einen Insider. "Alles hängt vom Gesamtpaket ab", heißt es im Umfeld des Staatsfonds. Eine Lösung stehe und falle damit, wen Piech als Nachfolger an der Konzern- und an der Aufsichtsratsspitze präsentiere.

Gespräche vor dem Wochenende sehr wahrscheinlich

Es sei sehr wahrscheinlich, dass das Aufsichtsratspräsidium n den nächsten 48 Stunden zusammentrete, sagten zwei mit dem Vorgang vertraute Personen zu Reuters. Sicher sei es aber noch nicht. "Es gibt Bestrebungen, die Situation schnell zu klären", ergänzte ein anderer.

Dem Präsidium gehört für die Eignerseite neben Piech und seinem Cousin Wolfgang Porsche auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil an. Für die Arbeitnehmer sitzen Betriebsratschef Bernd Osterloh, dessen Stellvertreter Stephan Wolf und der frühere IG-Metall-Chef Berthold Huber in dem Gremium, das die Sitzungen des Aufsichtsrates vorbereitet. Die Arbeitnehmer unterstützen den 67-jährigen Konzernchef, der seit seinem Antritt 2007 Europas größten Autobauer weit nach vorne gebracht hat, nach wie vor geschlossen, hieß es aus deren Lager. Zusammen mit dem Land mühen sie sich seit Tagen darum, die Auseinandersetzung mit Piech in geordnete Bahnen zu lenken. Die Staatskanzlei in Hannover, der VW-Betriebsrat und die IG Metall gaben zu dem Treffen keine Auskunft.

Informationen aus den Unternehmenskreisen haben in den letzten Tagen des öfteren verlautbaren lassen, dass sich Winterkorn von Piech nicht einschüchtern oder aus dem Konzern drängen lassen wolle. Mehrmals hatte Winterkorn aber in der Vergangenheit betont, dass er sich nicht sicher sei, ob der seinen Vertrag als Vorstand nach Ablauf 2016 noch einmal verlängern wollte. So ist es trotz aller Bekenntnisse vieler Aufsichtsräte denkbar, dass er nicht mehr lange an der Spitze des Konzerns stehen wird. Darüber, wie es nun im VW-Konzern aber nun weitergehen wird, kann nur spekuliert werden. (apa/dpa/Reuters)

Fotostrecke: VW – der Zwölf-Marken-Konzern

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