Automobilindustrie

Wer braucht den digitalisierten Transporter?

„Wir brauchen die neue Technik nicht“, meint ein langjähriger Mercedes-Kunde mit Blick auf ein neues Sprinter-Modell von Daimler, das die Fuhrpark-Kosten drücken soll. Hersteller hoffen trotzdem auf reges Interesse an den digitalisierten Transportern.

Daimler hat die "Weltpremiere" des neuen Sprinters gefeiert. Die zentrale Neuerung dabei ist die bessere Datennutzung: Durch Vernetzungstechnik kann haarklein erfasst werden, wo das Fahrzeug wann steht und stehen soll. Die Idee dahinter: Noch immer werden viele Lkw und auch Transporter nicht optimal genutzt. Entweder fahren sie halbleer durch die Gegend, oder sie stehen den halben Tag ungenutzt auf einer Baustelle herum - während ein Fahrzeug eines Kollegen an einer anderen Baustelle parkt. Hätte man einen besseren Überblick und gute Planungsmöglichkeiten über die Einsätze und Routen, könnten die Kosten sinken - etwa weil man sich den einen oder anderen Transporter in einer Flotte sparen könnte, so eine Grundidee beim Thema Konnektivität in Transportern.

Gut 200.000 Sprinter setzte Daimler 2017 ab, Konkurrent VW kam mit dem Crafter auf etwa ein Viertel davon. Im neuen Sprinter ist die Datentechnik "Mercedes PRO connect" nun erstmals serienmäßig verbaut. Sie soll den Kunden - neben Handwerkern auch Speditionen oder Online-Händlern - eine bessere Nutzung ermöglichen.

„Nein, danke“

Ein potenzieller Käufer jedenfalls schüttelt den Kopf - noch. "Wir brauchen die neue Technik nicht", sagt der langjährige deutsche Mercedes-Kunde Alfons Baumeister. Der 60-Jährige ist Chef eines nach seiner Familie benannten Fensterbetriebs mit 120 Mitarbeitern. Er nutzt seit langem Mercedes-Transporter, 20 Sprinter hat er schon im Bestand. Die ältesten Fahrzeuge sind von 2008, die neuesten vom vergangenen Jahr. Bald werden wohl Neuanschaffungen fällig - und sein Sprinter-Händler dürfte das neue Modell anpreisen. 

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Denn bei Daimler heißt es, der neue Sprinter biete "eine Fülle an neuen Möglichkeiten hinsichtlich Effizienzsteigerungen und Prozess-Optimierungen in den jeweiligen Kundenprozessen". Und: "Mit modernster Konnektivitäts-Hardware und den Diensten von Mercedes PRO connect wird der neue Sprinter Teil des Internets der Dinge."

Ob Daimler oder VW: Die Systeme sind ähnlich

Beim Thema vernetzte Transporter ist Daimler keineswegs allein auf weiter Flur - die ganze Branche peilt eine bessere Datennutzung an. So verkauft Volkswagen seit dem vergangenen Jahr die Technik "ConnectedVan" als Online-Dienst für das Fuhrparkmanagement. Auch Handwerker könnten damit ihre Crafter besser einsetzen, sagt ein VW-Sprecher. Wenn ein neuer Auftrag hereinkommt, kann ein Handwerkschef in Echtzeit sehen, welches seiner Fahrzeuge am nächsten ist. Würden zudem Ersatzteile gebraucht, könnte die Route eines nahen Fahrzeugs unkompliziert umgelenkt werden zur Abholung.

Ob von Daimler oder VW, die Systeme sind ähnlich: Wartungen und Reifenwechsel sollen dank der Technik früh erkannt und geplant werden - um zu vermeiden, dass ein Fahrzeug kurzfristig in die Werkstatt muss und dort lange rumsteht. "Standzeiten sind Verlustzeiten - das ist der Treiber des Ganzen", sagt der VW-Sprecher. Wie genau die "ConnectedVan"-Technik von Kunden angenommen wird, sagt er nicht. Nur so viel: "Die Kundennachfrage ist da."

Aus Expertensicht ist klar: Vernetzung wird immens wichtig. Dies gelte für die dank Online-Handel kräftig wachsende Logistik, aber auch für das Handwerk, sagt Peter Fuß von Ernst & Young. "Viele Transporter von Handwerkern stehen viel zu lange herum, ohne dass sie genutzt werden - damit verlieren die Betriebe Geld."

Handwerksbetriebschef Alfons Baumeister motiviert dieser Faktor nicht zum Kauf: "Wir planen gut im Vorfeld, welcher Mitarbeiter wann auf welcher Baustelle ist", sagt er. Komme es zu einer kurzfristigen Änderung, greife er zum Telefon und rufe seine Mitarbeiter an - das dauere nicht lange.

Lange lag der Fokus nur auf Pkw

Bei der Entwicklung von Vernetzungstechnik hätten sich die Hersteller lange auf Pkw konzentriert, nun setzten sie auch auf Transporter. Aus seiner Sicht ist solch eine Technik zudem ein Schritt hin zum autonomen Fahren - Datenströme würden erzeugt und ausgewertet, die in einigen Jahren für selbstfahrende Autos genutzt werden könnten.

Stefan Bratzel von der Hochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach weist auf ein latentes Problem hin: "Es geht um Transporteffizienz, aber man hat ein Stück weit auch den gläsernen Fahrer." Die Arbeit wird also transparenter - macht ein Fahrer länger als üblich eine Pause oder nutzt er eine Dienstfahrt für einen privaten Zwischenstopp, könnte das in der Firmenzentrale leichter auffallen. Das Thema Datenschutz gewinne dadurch an Relevanz, meint Bratzel.

Investitionen von 2,5 Mrd. Euro

Die Markteinführung des neuen Sprinter-Modells will Daimler jedenfalls mit 2,5 Mrd. Euro unterstützen. Die Milliarden gehen in die Entwicklung, die Produktion und Vertriebsmaßnahmen - ein Teil dieser Ausgaben wurde bereits gestemmt.

Der Markt habe sich sehr positiv entwickelt, sagte Spartenchef Volker Mornhinweg. Im vergangenen Jahr hatte der Sprinter-Absatz um 4 Prozent auf gut 200.000 Fahrzeuge angezogen.

2019 will Daimler seinen Sprinter als Elektroversion auf den Markt bringen. Damit ist der Stuttgarter Konzern relativ spät dran - die Konkurrenten VW und Renault wollen ihre großen E-Transporter noch dieses Jahr rausbringen. Beim Stromer-Modell müsse man vor Kunden viel Aufklärungsarbeit leisten, sagte Mornhinweg. "Ich bin nicht skeptisch, aber ich sage, es ist nicht einfach ein "Home Run".  (apa/dpa)

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