Atomkraft

Wendepunkt der Energiewende: Sieben Jahre Fukushima

Sieben Jahre nach dem Gau kämpft Fukushima weiter gegen das schwere Stigma an. Hier ein Hintergrundbericht zu der Region, deren Katastrophe den entscheidenden Anstoß für die Energiewende gegeben hat.

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Vor sieben Jahren verursachten ein Erdbeben und ein Tsunami einen Super-Gau im Atomkraftwerk Fukushima. Hunderttausende mussten fliehen. Heute kämpft die Provinz Fukushima um seinen einst guten Ruf - und hofft, auch für ausländische Urlauber wieder attraktiv zu werden.

Masao Uchibori hat keinen einfachen Job. Der Gouverneur der weltweit zu trauriger Berühmtheit gelangten japanischen Provinz Fukushima kämpft auch sieben Jahre nach dem Gau im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi gegen das noch immer weit verbreitete Unbehagen. "Vor dem Desaster war Fukushima ein schöner und beschaulicher Ort", sagt der 53-Jährige. Doch "3/11" - Japans Dreifachkatastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Atomunfall vom 11. März 2011 - habe Fukushimas Schicksal "drastisch geändert". Rund 18.500 Menschen starben damals in den Fluten. Zum Sinnbild der Katastrophe aber wurde der Gau, auch wenn dadurch niemand direkt ums Leben kam.

Seither machen noch immer viele Japaner einen großen Bogen um Lebensmittel aus der einstigen Kornkammer des Landes. Ob Reis, Pfirsiche oder Fleisch: Die Preise für Fukushimas einst begehrte Agrarprodukte haben sich auch sieben Jahre nach "3/11" nicht erholt. "Die schlechte Reputation ist nicht verschwunden", gesteht der Landesvater von Fukushima ein. Doch völlig zu Unrecht, wie er meint. Denn alles, was aus seiner Heimat auf den Markt komme, sei sicher.

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Japan habe die "weltweit striktesten Standards", wenn es um Strahlenbelastung bei Lebensmitteln gehe, betont Wiederaufbauminister Masayoshi Yoshino. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie wilde Pilze oder Kastanien seien die Grenzwerte bei sämtlichen anderen Produkten schon seit drei Jahren nicht überschritten worden, so Gouverneur Uchibori.

Dank gigantischer Dekontaminierungsarbeiten seien die durchschnittlichen Strahlenwerte einen Meter über dem Boden in einem Radius von 80 Kilometern um die Atomruine um rund 74 Prozent im Vergleich zum November 2011 gesenkt worden. Heute lägen die Werte in Städten von Fukushima wie seinem Heimatort Iwaki oder der Provinzhauptstadt Fukushima in etwa auf demselben Niveau wie in anderen größeren Städten der Welt, so Minister Yoshino. In Iwaki liege der Wert bei 0,06 Mikrosievert pro Stunde, in Berlin bei 0,08.

Die Regierung hat die Evakuierungsanordnungen denn auch immer weiter aufgehoben: von einst 12 Prozent sind inzwischen nur noch 2,7 Prozent der Fläche Fukushimas gesperrt. Doch nur ein Bruchteil der einstigen Bewohner sind willens, in ihre Häuser zurückzukehren. Kritiker werfen der Regierung vor, die Menschen durch Einstellung finanzieller Hilfen zur Rückkehr zu zwingen. Die Regierung wolle mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio der Welt Normalität vorgaukeln.

Die Auftaktspiele für Baseball werden in der Provinz Fukushima stattfinden. "Es ist eine Gelegenheit, der Welt zu zeigen, wie die Menschen die Katastrophe hinter sich gelassen haben", sagte kürzlich Maki Kobayashi, Exekutivdirektorin des Olympia-Organisationskomitees. Angst vor Strahlung wies sie zurück. Es gebe keinen Grund zur Sorge. Und so rührt die Regierung weiter kräftig die Werbetrommel, um möglichst viele ausländische Touristen nach Fukushima zu locken.

Umweltschützer warnen die früheren Anrainer der Atomruine jedoch vor einer verfrühten Rückkehr in ihre Häuser. Laut Greenpeace liegen die Strahlenwerte zum Beispiel in den Gemeinden Iitate und Namie noch immer teils um das Hundertfache über den international für die Bevölkerung geltenden Grenzwerten. Trotzdem hob die Regierung die Evakuierungsanweisung für Iitate und Teile Namies vor einem Jahr auf. Doch lediglich drei Prozent der einstigen Bewohner von Namie sowie nur neun Prozent der aus Iitae Geflohenen kehrten bisher zurück.

Allerdings nicht nur wegen der Angst vor Strahlen. Viele Menschen hätten inzwischen an anderen Orten ein neues Leben begonnen, weiß Gouverneur Uchibori und spricht von einem "dramatischen Rückgang" der Bevölkerung seiner Provinz. Dennoch pumpt der Staat weiter enorme Steuergelder in den Wiederaufbau von Infrastruktur in den einst gesperrten Gebieten. Die Idee: Wenn schon die früheren Bewohner nicht zurückwollen, dann kann man ja vielleicht andere Menschen anlocken.

Zu diesem Zweck hat die Zentralregierung auch die Initiative "Fukushima Innovation Coast Framework" ins Leben gerufen. Ziel ist es, neue Industrien in Fukushima anzusiedeln und die Provinz zu einem Standort für neue Technologie zu machen: Neben erneuerbaren Energien zählt dazu das Know-how, wie man Atomanlagen zurückbaut. Und Roboter.

Denn die werden zur Stilllegung der Atomruine Fukushima benötigt, zu hoch ist noch immer die Strahlung im Inneren der Reaktoren. Zwar ist die Lage sieben Jahre nach dem Gau laut Betreiber "stabil". Doch noch ist der geschmolzene Brennstoff in den Reaktoren längst nicht geborgen. Bis zum Rückbau der Ruine werden noch Jahrzehnte vergehen. Die Bewohner auf 97,3 Prozent der Fläche der Provinz Fukushima könnten jedoch inzwischen ein "normales Leben" führen, so Yoshino.  

(Von Lars Nicolaysen, dpa/APA/red)

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