Automobilindustrie

VW-Führung muss sich kritischen Stimmen stellen

Bei der heutigen VW-Online-Hauptversammlung haben einige Anteilseigner kritische Fragen eingereicht - etwa zur "Dieselgate"-Entschädigung von Ex-Konzernchef Martin Winterkorn und weiteren Managern, zum neuen Vergütungssystem für die Vorstände oder zur Klimastrategie des größten europäischen Autoherstellers.

Ein Schwerpunkt des Interesses dürfte auf dem außergerichtlichen Deal über Schadenersatz im Abgasskandal mit ehemaligen Top-Entscheidern liegen. VW hatte im Juni mit Anwälten und Versicherern vereinbart, dass etwa Winterkorn 11,2 Millionen Euro zahlt. So soll ein Teil der Mitverantwortung für die Affäre um gefälschte Abgaswerte abgegolten werden. Der Batzen der Gesamtsumme von 288 Millionen Euro - sie enthält auch Ansprüche an Ex-Audi-Chef Rupert Stadler, den früheren Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz und den Audi-Manager Stefan Knirsch - stammt jedoch von spezialisierten Haftpflichtversicherungen.

Die VW-Eigentümer müssen dem mehrheitlich zustimmen. Einige bemängeln die Vereinbarung. So meint der Experte für gute Unternehmensführung der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS, Hendrik Schmidt, man werde die Haftungsvergleiche "ausdrücklich nicht unterstützen. In beiden Fällen verzichten die Herren Winterkorn und Stadler auf Vergütungszusagen für Zeiten nach ihrem jeweiligen Ausscheiden aus dem VW-Konzern. Es wird also de facto auf etwas verzichtet, was nicht verdient wurde".

Auch politisch ist der Vergleich umstritten. So kritisierten ihn die Grünen im niedersächsischen Landtag als Vorfestlegung, ehe die Rolle der Manager juristisch geklärt sei. "Es ist sehr ungewöhnlich, dass VW einen zivilrechtlichen Vergleich mit dem ehemaligen Konzernchef schließt, während noch das Strafverfahren in derselben Sache läuft", sagte Fraktionschefin Julia Hamburg der "Braunschweiger Zeitung". Mitte September beginnt vor dem Landgericht Braunschweig der Diesel-Betrugsprozess gegen Winterkorn und weitere Ex-Führungskräfte.

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Kritik an Vorstand

Kritik gab es im Vorfeld der virtuellen Hauptversammlung auch an der geplanten Wahl des VW-Aufsichtsratschefs, des Österreichers Hans Dieter Pötsch (70), für eine zweite Amtszeit von fünf Jahren. Der Coporate-Governance-Experte Christian Strenger, der Volkswagen schon länger kritisch begleitet, erklärte in einem Gegenantrag zur Hauptversammlung, der Vorstand habe es auch 2020 versäumt, seiner aktienrechtlichen Verfolgungspflicht in Bezug auf ein mögliches Mitverschulden des damaligen Finanzchefs und heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Dieter Pötsch für mangelnde Kapitalmarktkommunikation zur Dieselaffäre nachzukommen. Fondsgesellschaften und Aktionärsvertreter reiben sich schon länger an Pötschs Doppelrolle als Chefaufseher von Volkswagen und Vorstandschef der Familienholding Porsche SE.

Abschließend entschieden werden muss beim digitalen Aktionärstreffen zudem über eine neue Art der Gehaltsberechnung für die Vorstände. Sie sieht den Einschluss von Umwelt- und Sozialzielen vor. Die DWS stört sich daran, dass diese Kriterien primär im Jahresbonus berücksichtigt werden sollen - während ein weiterer, auf mehrere zurückliegende Geschäftsjahre ausgerichteter Bonus größtenteils unverändert bleibe.

Hochgesteckte Klimaziele

Gegenwind dürfte es auch beim Thema Klimaschutz geben. VW will bis spätestens 2050 bilanziell CO2-neutral sein, der Konzern schärfte einige Ziele auf dem Weg dorthin nach. Die Umweltorganisation BUND lobt den schrittweisen Ausstieg aus dem Verbrenner, moniert aber, dass die Wolfsburger an diesem gleichzeitig noch Jahre festhalten. Es würden nach wie vor "zu viele zu große, zu schwere und übermotorisierte Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor verkauft".

Als Dividende für das Geschäftsjahr 2020 schlug VW ein gegenüber 2019 gleich bleibendes Niveau von 4,86 Euro je Vorzugsaktie vor. Bei der Online-Versammlung muss außerdem noch der Aufsichtsratssitz der neuen Betriebsratschefin Daniela Cavallo bestätigt werden. An der geplanten Mandatsverlängerung für einige andere Aufseher gibt es Kritik aus Reihen der Anleger: Die Interessenverquickung sei hoch - und VW habe abermals die Chance verpasst, mehr unabhängige Experten in das Gremium zu entsenden.

53 Prozent der stimmberechtigten Stammaktien am Konzern halten die Eignerfamilien Porsche und Piëch über die Beteiligungsgesellschaft Porsche SE. Weitere 20 Prozent liegen beim Land Niedersachsen, 17 Prozent bei einem Staatsfonds aus Katar. Die im Dax notierten Vorzüge haben kein Stimmrecht. Sind sich die großen Stammaktionäre einig, dürften die Abstimmungen daher recht eindeutig ausfallen. (apa/red)