Rücktritt

VW-Chef Winterkorn geht

"Volkswagen braucht einen Neuanfang - auch personell." So erklärte der nun ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn im Anschluss an eine Sitzung des engeren Führungszirkels seinen Rücktritt nach dem Manipulationsskandal.

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Martin Winterkorn hat den Aufsichtsrat des weltgrößten Autobauers gebeten, ihn von seinen Aufgaben zu entbinden. "Als Vorstandsvorsitzender übernehme ich die Verantwortung für die bekanntgewordenen Unregelmäßigkeiten bei Dieselmotoren und habe daher den Aufsichtsrat gebeten, mit mir eine Vereinbarung zur Beendigung meiner Funktion als Vorstandsvorsitzender des Volkswagen Konzerns zu treffen. Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltens bewusst bin", so Winterkorn in einer Erklärung. Ein Nachfolger soll in den nächsten Tagen präsentiert werden. Vorschläge zur Neubesetzung des Chefpostens sollten bis zur Sitzung des Aufsichtsrats am Freitag vorliegen, kündigte das Präsidium an. 

"Bin bestürzt und fassungslos"

"Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist", sagte Winterkorn. Vor allem sei er fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren. "Mein Antrieb war es immer, dem Unternehmen, vor allem unseren Kunden und Mitarbeitern zu dienen. Volkswagen war, ist und bleibt mein Leben. Der eingeschlagene Weg der Aufklärung und Transparenz muss weitergehen. Nur so kann wieder Vertrauen entstehen. Ich bin überzeugt, dass der Volkswagen Konzern und seine Mannschaft diese schwere Krise bewältigen werden."

Der amtierende Aufsichtsratschef Berthold Huber zollte Winterkorn Respekt für seine Leistungen in den vergangenen Jahren an der Spitze des Zwölf-Marken-Konzerns. "Zugleich sind wir entschlossen, einen glaubwürdigen Neuanfang mit aller Entschiedenheit anzupacken", sagte der frühere IG-Metall-Chef. Winterkorn habe selbst keine Kenntnis von der Manipulation der Abgaswerte gehabt.

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Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der das Land als VW-Aktionär im Aufsichtsrat vertritt, sagte, das Unternehmen werde gegen die Verantwortlichen Strafanzeige erstatten. "Wir werden innerhalb des Unternehmens aufklären und dafür sorgen, dass die Beteiligten hart belangt werden." Wolfgang Porsche, Vertreter der Eigentümer-Familien, kündigte an, die Familien Porsche und Piech stünden weiter zu VW: "Wir als größter Aktionär sind auf das Unternehmen stolz und stehen zu dem Unternehmen."

Die gesamten Ausmaße sind noch nicht absehbar

Der Diesel-Skandal hat inzwischen weltweite Ausmaße angenommen und beschäftigt mehrere Staatsanwaltschaften. Bei internen Untersuchungen wurden bei bis zu elf Millionen Fahrzeugen Unstimmigkeiten in den Messwerten festgestellt. Allein für die Rückrufe und weitere Schritte, um Vertrauen in die VW-Technik zurückzugewinnen, legt der Konzern im dritten Quartal rund 6,5 Milliarden Euro zurück und kappt seine Gewinnziele. Die Aktie verlor massiv an Wert. Seit Bekanntwerden des Abgas-Skandals büßte VW bis zu 30 Milliarden Euro seines Börsenwerts ein.

Die Analysten der Deutschen Bank bezeichneten die VW-Krise als "Alptraum für Investoren" und stuften die Aktie herab. Die Experten der französischen Bank Societe Generale gehen davon aus, dass die Unsicherheit länger anhalten und der gesamte Automobilsektor für eine Weile als "totes Kapital" gilt. Wirtschaftsverbände fordern eine rasche Aufklärung, weil sie sich um das Ansehen der deutschen Industrie sorgen.

Begonnen hat der Skandal in den USA: Die US-Umweltschutzbehörde EPA hat VW nachgewiesen, bei zahlreichen Diesel-Fahrzeugen die Abgasvorschriften vorsätzlich umgangen zu haben. Dort geht es um fast eine halbe Million Autos. Volkswagen droht deshalb eine Strafe von bis zu 18 Milliarden Dollar (16,14 Milliarden  Euro). In den Milliarden-Rückstellungen sind mögliche Strafzahlungen und Schadensersatzansprüche von Anlegern sowie Kosten für die Rücknahme unverkäuflicher Autos noch nicht enthalten. Das US-Justizministerium hat zudem strafrechtliche Ermittlungen gegen VW eingeleitet. Der Generalstaatsanwalt des Staates New York untersucht den Fall zusammen mit anderen Ermittlungsbehörden. In Braunschweig prüft die Staatsanwaltschaft noch, ob sie gegen Verantwortliche des Konzerns ermitteln soll.

Winterkorn hatte noch am Vortag um seinen Posten gekämpft. In einer Videobotschaft versprach er eine umfassende Aufklärung und warb um Vertrauen. Allerdings hatte er da offenbar schon nicht mehr die volle Rückendeckung im Aufsichtsratspräsidium, zu dem Betriebsratschef Bernd Osterloh angehört.

Seit acht Jahren an der Spitze von VW

Der promovierte Metallurge war 2007 von der VW-Tochter Audi an die Konzernspitze in Wolfsburg gewechselt. Unter seiner Leitung wuchs VW in den vergangenen Jahren rasant. Der Umsatz verdoppelte sich fast, der Gewinn verdreifachte sich sogar nahezu. 2014 hatte das Auto-Imperium weltweit erstmals mehr als zehn Millionen Fahrzeuge verkauft. Im ersten Halbjahr 2015 verdrängte Volkswagen den japanische Rivalen Toyota von der Weltmarkspitze. Allerdings lag dies vor allem daran, dass der Absatz von VW langsamer schrumpfte als der von Toyota.

Im April hatte Winterkorn den Machtkampf gegen Firmenpatriarch Ferdinand Piech gewonnen. Danach ging er daran, den Konzern umzubauen. Die zwölf Marken könnten Insidern zufolge in vier Gruppen zusammengefasst werden, um den Konzern flexibler zu machen sollen. (apa/Reuters)

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