Vorarlberg

Vorarlberger Maturanten sehen eigene Chancen am Arbeitsmarkt so gut wie nie

Sie sehen zwar gute Chancen am Arbeitsmarkt, wissen aber nicht, welche weitere Ausbildung oder welchen Beruf sie anstreben: Eine Umfrage unter Vorarlberger Maturanten zeichnet ein recht ambivalentes Bild.

Bereits zum 9. Mal haben die Industriellenvereinigung (IV), die Wirtschaftskammer Vorarlberg (WKV) und die Bildungsdirektion Vorarlberg die Maturanten im Ländle zu Bildungslandschaft, Wirtschaft und Arbeitsmarkt befragt. Dabei gehe es darum, aus den Ergebnissen Maßnahmen zu setzen und Lehren zu ziehen, um sie optimal in den heimischen Arbeitsmarkt integrieren zu können, erklärt Landesrätin Barbara Schöbi-Fink. 

Stark zugenommen hat demnach vor allem die Unentschlossenheit: Heuer wissen 22 Prozent der befragten Maturanten noch nicht, welche weitere Ausbildung oder welchen Beruf sie anstreben - 2014 lag dieser Wert noch bei 16 Prozent und im Jahr 2012 sogar nur bei 15 Prozent. Hier ziehen die Studienautoren Rückschlüsse auf das breite Weiterbildungs- und Ausbildungsangebot: „Den Jugendlichen stehen in Vorarlberg viele Türen offen. Für jede Begabung, für jedes Talent bietet sich den Mädchen und Burschen eine Möglichkeit“, so Schöbi-Fink.

Schwierige Berufsentscheidung

Der Direktor der Wirtschaftskammer Vorarlberg, Christoph Jenny, will allerdings einige Ergebnisse genauer untersuchen und mit beteiligten Partnern besprechen - so sieht er etwa Handlungsbedarf bei der Einschätzung zur Schwierigkeit der Berufs- und Bildungswahl, die wohl auch mit der erwähnten Unentschlossenheit der Maturanten einhergeht. 61 Prozent der Schülerinnen und Schüler geben an, dass ihnen die Berufs- und Weiterbildungsentscheidung „eher schwer“ oder „sehr schwer“ fällt (2014: 59 Prozent). Jenny wählt dabei dieselbe Erklärung wie Schöbi-Fink: „Das hängt sicherlich mit der Fülle an Berufs- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie den vielen Informations- und Beratungsangeboten von Schulen und Bildungspartnern zusammen.“

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36 Prozent wollen jedenfalls ein Universitätsstudium absolvieren (bei der vorherigen Befragung waren es noch 40 Prozent), zwölf Prozent der befragten Personen wollen ein Auslandsaufenthalt anschließen, genauso viele planen einen Berufseinstieg. Neun Prozent der Vorarlberger Maturanten wollen an eine Fachhochschule.

Als Studienwunsch an Universitäten haben die Naturwissenschaften dabei erstmals die Wirtschaftswissenschaften überholt. An dritter Stelle werden Medizin und an vierter Stelle Geistes- und Sozialwissenschaften genannt. Das nähre die Hoffnung auf mehr MINT-Fachkräfte in Vorarlberg, so die Studienautoren. 

Große Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Grundsätzlich sei die Stimmung der Maturanten zu den eigenen Chancen am Arbeitsmarkt „gut wie nie“, so IV-Geschäftsführer Mathias Burtscher. „Das hängt sicherlich mit der guten Entwicklung der heimischen Wirtschaft in den letzten Jahren zusammen.“ Bei allen Schulformen werden die Chancen am Arbeitsmarkt aktuell deutlich besser als jene vor fünf Jahren eingeschätzt. 36 Prozent rechnen sich „sehr gute“ Chancen auf dem Arbeitsmarkt aus, das sind zehn Prozent mehr als 2014. Weitere 42 Prozent rechnen sich „eher gute“ Chancen aus.

Erstmals wurde auch erfragt, was in Vorarlberg vorherrschen müsste, damit die Maturanten nach dem Studium wieder nach Vorarlberg zurückkommen würden - nachdem  mehr als jeder Dritte Maturant ein Universitätsstudium anstrebt, eine wichtige Frage für die Studienautoren. Demnach stehen attraktive Arbeitsplätze an erster Stelle, gefolgt von leistbarem Wohnen und einem attraktivem Umfeld für die Gründung einer Familie . Es gibt auch zahlreiche Stimmen für Weiterbildungsmöglichkeiten (155) und für eine „studentische Szene und Atmosphäre“ (103), aber mit deutlichem Abstand. „Bei vielen dieser Bereiche könnte noch mehr in Vorarlberg getan werden“, so Burtscher. 

Vereinbarkeit von Beruf und Familie wichtig

Wie auch den Millennials - also der Generation davor - ist den befragten Maturanten vor allem das Thema Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf am wichtigsten in Bezug auf ihr zukünftiges Arbeitsleben. An zweiter Stelle steht das Arbeitsklima und Arbeitsumfeld und mit etwas Abstand auf dem dritten Platz die Arbeitsplatzsicherheit. Erst auf dem vierten Platz folgt das „Hohe Einkommen“.

Besonders „spannend“ bezeichnet Christoph Jenny in diesem Zusammenhang den Unterschied bei der Einschätzung nach Geschlecht: „Während bei der Einschätzung zur Vereinbarkeit und beim Arbeitsklima wenig Unterschiede zu sehen sind, werden die Arbeitsplatzsicherheit und die berufliche Herausforderung von den weiblichen Maturantinnen deutlich wichtiger eingeschätzt. Die männlichen Maturanten hingegen bewerten das ‚hohe Einkommen‘ deutlich höher.“

Tourismus und Industrie bringen am meisten Geld

Die Maturanten wurden auch über ihr Wissen zu den Wirtschaftszweigen gefragt. Auf die Frage, welche Wirtschaftszweige dem Land Vorarlberg ihrer Mitarbeiter nach am meisten Geld  bringen, ist die Reihenfolge: Tourismus, Industrie, Handel, Gewerbe/Handwerk. „Vorarlberg wird nach wie vor als Tourismus- und Industrieland wahrgenommen. Hier gibt es einen Unterschied in der Bewertung zur tatsächlichen Bruttowertschöpfung der einzelnen Sektoren im Land“, so der WKV-Direktor.

Ein deutlich positiveres Urteil als 2014 geben die Maturanen über die Informationen zur Wirtschaft an ihren Schulen ab: 55 Prozent fühlen sich „sehr gut“ oder „gut“ informiert. „Allerdings sollte dieser positive Trend nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich 45 Prozent ‚eher schlecht‘ oder ‚sehr schlecht‘ informiert fühlen“, so Jenny.

Studiensetting

Bereits zum 9 Mal seit 1997 haben die Industriellenvereinigung, die Wirtschaftskammer Vorarlberg und die Bildungsdirektion Vorarlberg eine Befragung unter allen Vorarlberger Maturanten des aktuellen Jahrgangs durchgeführt. „An der im Februar und März 2019 durchgeführten Studie beteiligten sich insgesamt 1.377 Maturantinnen und Maturanten. Dies entspricht einer sehr beachtlichen Rücklaufquote von 71,46 Prozent, die Ergebnisse sind daher sehr repräsentativ“, erklärt der IV-Vorarlberg-Geschäftsführer. 59 Prozent waren weibliche und 41 Prozent männliche Schüler. Durchgeführt wurde die MaturantInnenbefragung vom Dr. Auer Institut für Management und Marketing.

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