Wirtschaftsstandort Österreich

Voestalpine-Chef Wolfgang Eder: „Inzwischen würde ich mich den Warnungen anschliessen“

Noch-Voestalpine-Boss Wolfgang Eder über unmenschliche Aufgaben, sein wichtigstes Ereignis als Topmanager, die Auswirkungen der politischen Realitäten der letzten Jahre - und was er der Klimaaktivistin Greta Thunberg als Chef des größten heimischen CO2-Produzenten sagen würde.

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In weniger als einem Monat steht bei der Voestalpine ein Chefwechsel an: Wolfgang Eder, über 40 Jahre im Unternehmen und 15 Jahre als Vorstandsvorsitzender tätig, nahm sich oftmals kein Blatt vor den Mund, wenn es um den Wirtschaftsstandort Österreich ging. Kurz vor seiner Ablöse sprach er nun mit dem Ö1-Wirtschaftsmagazin Saldo Tacheles: Sehr deutlich äußerte er sich über die wirtschaftlichen Auswirkungen, die die Politik der letzten 15 bis 20 Jahre verursachte - es sei schon vor Ibizagate schwierig gewesen, Österreichs Parteipolitik im Ausland zu erklären.  

„Die Situation in Österreich ist eine eher kritische - aber nicht, was die Bedingungen für die Wirtschaft, sondern eher, was das Image Österreichs betrifft. Das färbt auf die Wirtschaft ab“, sagt Eder im Gespräch mit Esther Mitterstieler. In den letzten Wochen hätte es bei vielen internationalen Kontakten, „um es vornehm auszudrücken“, breites Kopfschütteln gegeben. Es stehe sehr oft die Frage im Raum, wie verlässlich Österreich als Partner sei: „Kann man langfristig auf Österreich bauen, oder droht mit einer gewissen Regelmäßigkeit ein weiterer und immer weiterer Ibiza-Supergau?“

"Die Wirtschaft ist sehr sensibel"

Eder wäre in der Vergangenheit immer skeptisch gewesen, wenn jemand gewarnt habe, dass es in Österreich politisch nicht so läuft, wie man es erwartet habe. „Inzwischen würde ich mich den Warnungen anschließen“, sagt der Voestalpine-Chef. „Es ist tatsächlich so, dass in Österreich in den letzten 15, 20 Jahren zu viel Außergewöhnliches vorgefallen ist, und das prägt sich natürlich in das Gedächtnis unserer Partner im Ausland. Vor allem die Wirtschaft ist da sehr sensibel, und wir laufen meiner Meinung nach erstmals wirklich Gefahr, Schaden zu nehmen.“

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Generell empfehle er politischen Entscheidungsträgern in Zeiten von mangelnder und überzeichneter politischer und gesellschaftlicher Diskussion, sich aus dem Tagesgeschäft auszuklinken und ein paar Tage darüber nachzudenken, was das Land eigentlich brauche. „Eine Auszeit und fundiertes Nachdenken könnte nicht schaden, so wie das jedes Unternehmen macht, wenn es Grundsatzfragen der Strategie gibt: Man zieht sich immer noch einige Tage auf eine Klausur zurück, da kann man sinnvoll denken und reden. So einfache Dinge fehlen jetzt.“ 

Bleibt Österreich - und Europa - ein Stahlstandort?

Eine „faszinierende, aber auch fast unmenschliche Aufgabe“ werde die Entscheidung sein, ob es in Österreich beziehungsweise in Europa langfristig noch Stahlerzeugung geben werde, stellt Eder klar. „Das wird sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren entscheiden - und es wird spannend. Die Politik muss sich im Klaren sein, dass diese Frage sich in der nächsten Managergeneration stellen wird“, so Eder gegenüber „Saldo“. Eine solch große Dimension einer Entscheidung hätte es bei ihm persönlich in den letzten 41 Jahren nicht gegeben. Sein wichtigstes Ereignis als Topmanager hingegen war die Privatisierung des Konzerns, an der er maßgeblich beteiligt war. „Es war der Tag, an dem der Staat die letzte Aktie an der Voestalpine abgegeben hat. Ich glaube, dass der Erfolgsweg der Voestalpine mit einem weiter eingebundenen Staat nie so hätte funktionieren können, wie es gelaufen ist.“

Was würden Sie Greta Thunberg sagen?

Die Voestalpine ist der größte heimische CO2-Produzent. Eder warnte dabei jahrelang vor zu ambitionierten Klimazielen. „Der Unterschied zu vor 15, 20 Jahren, wenn wir über Klimapolitik reden, war, dass es keine breite gesellschaftliche Bewegung war so wie heute. Wir wissen, dass wir unseren Beitrag leisten müssen. Greta Thunberg würde ich sagen, dass wir intensiv miteinander reden und versuchen müssen, eine gemeinsame Linie, die das Notwendige und das Mögliche verbindet, zu entwickeln.“ Man könne nicht in zehn Jahren die Welt völlig umdrehen, doch wenn man vernünftig miteinander umgehe und rede, könne man über die nächsten 30, 40 Jahre einen soliden Plan entwickeln. „Das lässt uns die Zeit, das, was wir technisch noch schaffen müssen, umzusetzen, und gibt andererseits dem Klima die Möglichkeit, sich langfristig zu erholen.“

Allmorgendliche Twitter-Eskapaden

Angesprochen auf faire, wirtschaftliche Regeln im Zusammenhang mit China, brachte Eder die Schaffung eines „global playing level field“ zur Sprache: „Einheitliche Voraussetzungen für die Wirtschaft weltweit - keine einseitigen Subventionen, keine einseitigen Zölle, und wenn, dann für alle im Gleichschritt. Die derzeitige Politik geht in die gegenteilige Richtung: Protektionismus, Anti-Dumping-Verfahren, die allmorgendlichen Twitter-Eskapaden, wo wieder irgendein Land erfährt, dass es mit Zöllen belegt wird: Das ist nicht die Welt, wo man davon ausgehen kann, dass es faire Konditionen im globalen Wettbewerb gibt.“

Drei Punkte, die er sich von der Politik wünschen würde, wäre sowohl die begonnene Steuerreform zu Ende zu führen, Entbürokratisierung und die Beantwortung von Grundsatzfragen - wie etwa einer Pensionsreform. Doch vorerst freue sich Eder darauf, sich über den Sommer mehr Auszeiten nehmen zu können und über die Zukunft nachzudenken. Neben seinen Aufsichtsratsposten bei Infineon und zukünftig auch bei Voestalpine komme „vielleicht noch etwas Ähnliches dazu“, so Eder abschließend. 

Das Interview mit Wolfgang Eder war am 7. Juni auf Ö1 im Wirtschaftsmagazin „Saldo“ zu hören, das noch bis 14. Juni hier nachzuhören ist.

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