Alpbach

Voestalpine bekennt sich zu Europa

In Sachen Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Europa konzentriere man sich zu sehr "auf die Züge mit Verspätung", findet Alain Pilloux von der EBRD. Auch Wienerberger-Chef Heimo Scheuch fordert mehr Optimismus und verweist auf das Selbstbewußtsein Amerikas. Voestalpine bekennt sich ebenfalls zu Europa.

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Die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Europa haben Manager und Experten beim Alpbacher Finanzsymposium unter die Lupe genommen. Dabei wurde deutlich, dass mehr Optimismus angebracht wäre. "Wir konzentrieren uns zu sehr auf die Züge mit Verspätung", brachte Alain Pilloux von der EBRD bei einer Diskussion einen symbolischen Vergleich.

Der Vorstandsvorsitzende von Wienerberger, Heimo Scheuch, forderte eine positivere Einstellung. "Wir brauchen mehr Optimismus in Europa". Wenn er in Nordamerika auf einem Podium zur Standortqualität des Landes säße, wäre schon mehrmals das Wort "great" gefallen, spielte er auf das im Vergleich zu den Europäern deutlich ausgeprägtere Selbstbewusstsein der US-Amerikaner an.

Auch Voestalpine steht zu Europa

Die Voestalpine wiederum sieht seine US-Investitionen nicht als Abkehr vom Standort Österreich und Europa, so Voestalpine-Finanzvorstand Robert Ottel. Es gehe nicht darum, sich von Europa wegzuwenden. Der Stahlkocher wachse stark und erziele weiterhin die Mehrheit seiner Umsätze in Europa. Die USA als Produktionsstandort seien für die Voestalpine wegen der geringeren Energiekosten und der niedrigen Grundstückkosten attraktiv. Der Grundpreis sei etwa ein Hundertstel vom Preis in Europa, durch das Schiefergas liege der Gaspreis bei einem Drittel vom europäischen. Die Produktionskosten seien in den USA also deutlich günstiger.

Betrachte man aber die industrielle Qualität, so liege der Standort Europa vorne, resümierte Ottel: "Die industrielle Qualität, die wir dort bekommen, ist schwer mit Europa zu vergleichen." Das liege an den Mitarbeitern, die in Europa besser gebildet und ausgebildet seien. In den USA sei es schwierig, qualifiziertes Personal zu finden oder auch selber aufzuqualifizieren. Da biete das europäische Bildungssystem mit der Lehre klare Vorteile.

"Amis können es besser verkaufen"

Andreas Ludwig, Chef der Schalungstechnik- und Ladenbaugruppe Umdasch, sieht in den USA den Wettbewerb um Wirtschaftsbetriebe stärker ausgeprägt als in Europa. Dadurch könnten die Unternehmen auch günstigere Bedingungen heraushandeln. Probleme ortet er bei der Entsendung von Fachkräften aus Österreich in die USA. Positiv wiederum sei die größere Begeisterungsfähigkeit in einem US-amerikanischen Management-Team.

Der US-Chefökonom der deutschen Commerzbank, Bernd Weidensteiner, ortet in den USA das bessere Eigen-Marketing. "Die Amis können es halt besser verkaufen", meinte er. Während Europäer oft herumjammerten, würden US-Amerikaner gleich "die Fahne hissen" und beseelt von patriotischen Gefühlen die Ärmel aufkrempeln. Dazu komme die technologische Vorreiterfunktion: Die Zukunftstechnologien der Welt würden heute in Kalifornien entwickelt. Auch bei der Umsetzung seien die Amis top: Wenn eine Idee Erfolg verspreche, gebe es sehr schnell sehr viel Kapital, um den Aufbau in großem Stil zu finanzieren.

Neben der Spitzentechnologie und den Spitzenleistungen an Universitäten in der vom Staat und vom Militär finanzierten Grundlagenforschung klaffe aber eine große Lücke in der Mitte, im Handwerklichen, gab Ludwig zu bedenken. "Da wird nur das Mindeste gemacht, dass es funktioniert". Das führe zwar zu mangelnder Qualität der Produkte und Dienstleistungen, sei aber eben auch billiger.

Nicht das Geld, der Wille fehle

Große Probleme bereite der Industrie die Austeritätspolitik in Europa. Weil der öffentliche Sektor unter dem Spardruck praktisch als Investor ausfalle, schlage dies auf die Industrie zurück. Scheuch forderte mehr öffentliche Investitionen in Europas Infrastruktur. So seien etwa in Norditalien nur 40 Prozent am öffentlichen Kanalnetz angeschlossen. In deutschen Städten gebe es lecke Trinkwasserleitungen. "Das Geld ist da, es fehlt der Wille", meinte wiederum Heimo Scheuch.

Der Juncker-Plan wolle die Investitionen in Europa ankurbeln, schilderte Christoph Kuhn von der Europäischen Investitionsbank (EIB). Europa sei zwar nach wie vor in der Produktivität stark, die Investitionsbereitschaft sinke jedoch massiv. Heuer seien bereits 20 Projekte durch den Juncker-Plan unterstützt worden, im nächsten Jahr wolle man 200 Projekte finanzieren. Als Beispiel eines bereits durchgeführten Projekts nannte er ein spanisches Medizintechnikunternehmen, das keine Finanzierung von den Banken für seine Investitionen bekommen habe. Dabei wolle die EU nicht gegen die Banken arbeiten und ihnen den Markt wegnehmen, sondern mit den Geldhäusern kooperieren, betonte er.

Wo sind die großen Visionen?

Alain Pilloux von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) sieht als Grundproblem in Europa mangelnden Optimismus. Weil die Menschen nicht mehr daran glaubten, dass es ihren Kindern besser gehen werde als ihnen selber, würden sie auch weniger Kinder bekommen. Wenn die Umgebung "sicher" sei - von körperlicher bis zu wirtschaftlicher und sozialer Sicherheit - würde das auch helfen, das demografische Problem zu lösen, meinte er. Auch der Zustrom von Flüchtlingen könne dazu beitragen.

Ludovit Odor von der slowakischen Organisation CBR, die das Budget kontrollieren will, vermisst große Visionen für Europa. Die Europäer hätten ihre Potenziale noch lange nicht ausgeschöpft. Dazu fehlten allerdings Vorbilder mit Führungskraft. (apa)

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