Stahlindustrie

Voest: Milliardenabschreibung wegen Texas - Aufhellung in Sicht

Stolze 1,5 Milliarden Euro hat die Voestalpine bisher in das riesige Werk in Texas investiert - und den Standort heuer auf knapp 450 Millionen Euro abgewertet. Auch sonst rüstet sich der Industrieriese für eine längere Durststrecke. Konzernchef Eigenbsteiner betont aber: "Es gibt auch eine Zeit nach Covid."

Der Stahlkonzern Voestalpine hat noch eine längere Durststrecke vor sich. Wegen hoher Sonderabschreibungen wird das Unternehmen auch im gesamten Geschäftsjahr 2020/21 erneut einen Nettoverlust einfahren. "Da wird sich wahrscheinlich kein Jahresüberschuss ausgehen", räumte Finanzchef Robert Ottel in einer Telefonkonferenz ein. Im ersten Halbjahr summierte sich der Fehlbetrag bereits auf 276 Mio. Euro. In der Steiermark verlieren derzeit 550 Mitarbeiter ihren Job.

Den voraussichtlichen Nettoverlust im Gesamtjahr begründete der Finanzvorstand mit den Abschreibungen, die der Konzern vornehmen muss. Zu den üblichen Wertberichtigungen von rund 800 Mio. Euro addierten sich nun im zweiten Quartal Sonderabschreibungen von rund 200 Mio. Euro. Der Großteil davon entfiel den Angaben zufolge mit 168 Mio. Euro auf das Roheisenwerk in Corpus Christi (Texas).

Die "mittelfristige Ergebniserwartung" sei angepasst worden. Das sei in der Sonderabschreibung eingepreist, so Ottel. Das Werk wurde nun dem Finanzchef zufolge auf 448 Mio. Euro abgewertet. Alles in allem gekostet hat die Eisenschwammanlage am Golf von Mexiko, das vor vier Jahren eröffnet wurde, bisher 1,5 Mrd. Euro, wie auf der jüngsten Hauptversammlung im Sommer bekannt wurde. Details dazu: Voestalpine: Milliardenausgaben in Texas und hohe Boni für Eder >>

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Konzernumsatz im Quartal um ein Fünftel gesunken

Der Konzernumsatz schmolz heuer im Zeitraum April bis September im Vergleich zur Vorjahresperiode um fast 22 Prozent auf 5,1 Mrd. Euro zusammen. "Allein durch Covid haben wir 1,4 Mrd. Euro, ein Fünftel unseres Umsatzes, verloren", betonte Ottel. Bei den Zulieferungen für die Luftfahrt- sowie für die Öl- und Gasindustrie seien die Verkaufserlöse um fast 30 Prozent zurückgegangen.

Das operative Ergebnis (EBIT) der Voestalpine drehte heuer während der ersten sechs Coronamonate von plus 230 Mio. Euro auf minus 215 Mio. Euro in den negativen Bereich. Grund dafür seien neben der rein operativen Entwicklung vor allem die genannten Sonderabschreibungen von in Summe rund 200 Mio. Euro in Texas und bei der Voestalpine Tubulars im steirischen Kindberg, wo der Konzern Nahtlosrohre für die Öl- und Gasindustrie herstellt.

Bahnsparte bleibt stabil

Während sich die Konzernbereiche Bahninfrastruktur sowie Lagersysteme auch in der Krise stabil entwickelten, sei die Situation in den Zuliefersegmenten Luftfahrt sowie Öl und Gas, die besonders hart von den Folgen der Pandemie betroffen seien, "unverändert schwierig". "Wir sind jetzt hauptsächlich dran, die Verwerfungen am Öl- und Gasmarkt zu bewältigen und neue Märkte zu suchen", so Voestalpine-Chef Herbert Eibensteiner. "Die Nachfrage in der Luftfahrt wird noch längere Zeit schwach bleiben, aber es gibt auch eine Zeit nach Covid", ist sich der CEO sicher. "Wir rechnen schon noch mit einer Dürreperiode, einer Durststrecke von eineinhalb bis zwei Jahren", ergänzte Ottel. Erst dann sei wieder eine normale Produktionsrate zu erwarten.

Um die Auswirkungen der Coronakrise und die Verluste in den Griff zu bekommen, baut die Voestalpine auch massiv Personal ab und schickt Tausende Beschäftigte in Kurzarbeit. An zwei steirischen Standorten werden derzeit insgesamt rund 550 Stellen gestrichen - rund 250 bei Voestalpine Tubulars in Kindberg und 300 bei Voestalpine Böhler Aerospace in Kapfenberg. "Der Sozialplan ist im Wesentlichen abgeschlossen und es gibt jetzt unterschiedliche Kündigungsfristen", sagte Konzernchef Eibensteiner.

Erste Signale einer Entspannung

Inmitten der Krise gibt es den Angaben zufolge aber auch Signale der Entspannung. Das erste Quartal des laufenden Geschäftsjahres 2020/21 sei noch von einem massiven Nachfrageeinbruch in beinahe allen Kundensegmenten und Regionen geprägt gewesen, doch im zweiten Quartal sei es zu einer spürbaren Erholung in wesentlichen Branchen gekommen. Insbesondere die europäische und amerikanische Automobil-, aber auch die Konsumgüter- und die Bauindustrie hätten nach den Lockdown-Maßnahmen im Frühjahr rasch wieder an Dynamik gewonnen. Die Werke in China hätten bereits im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres (per Ende März 2021) wieder eine Produktionsauslastung auf Vorkrisenniveau erreicht.

Im September fuhr die Voest angesichts wachsender Nachfrage nach hochqualitativen Stahlprodukten auch den vorübergehend stillgelegten kleinen Hochofen in Linz wieder an. "Wir haben jetzt in unserem Werk in Linz für die nächsten Monate eine Vollauslastung geplant im Flachstahlbereich", erklärte Eibensteiner. Der Hochofen in Donawitz (Steiermark) sei bereits "zugestellt", also nach der Wartung wieder betriebsbereit. "Wir werden den Hochofen jetzt aber noch nicht hochfahren, weil die Nachfrage noch nicht gegeben ist - das dauert noch, wahrscheinlich bis Jänner", so der Voestalpine-Chef. Details: Nachfrage steigt: Voestalpine fährt Hochofen in Linz wieder hoch >>

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Sehr viel weniger Mitarbeiter in Österreich in Kurzarbeit

In der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres wurde der Mitarbeiterstand (per Ende September) gegenüber dem Vorjahr weltweit um 6,5 Prozent auf 47.917 Arbeitnehmer zurückgefahren. Die Reduktion sei über den "Abbau von Urlaub, Zeitguthaben, Zeitarbeitern, aber leider auch eigenen Mitarbeitern" erfolgt, so Eibensteiner. Natürlich gebe es noch da und dort "Personalanpassungen" - "aber in Österreich nicht", stellte der CEO in Aussicht.

Für Österreich rechnet der Konzern "aktuell mit 2.500 Mitarbeitern in der dritten Kurzarbeitsregelung" - zu Beginn der Covid-Pandemie seien es über 10.000 gewesen. In Deutschland seien derzeit rund 1.200 Arbeitnehmer in Kurzarbeit, in weiteren Ländern mit kurzarbeitsähnlichen Modellen kämen nochmals 1.800 hinzu.

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Die Flaute hat schon vor der Coronakrise begonnen

Schon vor der Covid-19-Pandemie setzten dem Unternehmen die nachlassende Konjunktur, hohe Erz- bei gleichzeitig niedrigen Stahlpreisen, US-Strafzölle auf Stahlprodukte, die Kostenexplosion im Roheisenwerk in Texas und überbordende Anlaufkosten im amerikanischen Automotive-Werk in Cartersville (Georgia) zu. "Die großen Schwierigkeiten, die wir in Cartersville schon gehabt haben, die denke ich, haben wir überstanden", berichtete Eibensteiner. "Es hat schon Einzelmonate gegeben, in denen Cartersville operativ positiv war - es gibt in jedem Werk Verbesserungspotenzial, aber das große Blutbad ist beendet", präzisierte Ottel.

Voest braucht keine Kredite

Die Voestalpine verfüge über Liquiditätsreserven von 2 Mrd. Euro, davon "eine Milliarde in Cash", so der Finanzvorstand. "Daher sehe ich für die nächste Zeit keinerlei Aufnahme von Mitteln notwendig", klärte er über die finanzielle Lage des Konzerns auf. Im ersten Halbjahr habe die Voestalpine 1 Mrd. Euro an Schulden abgebaut. Das Eigenkapital, das neben der operativen Entwicklung auch durch die Sonderabschreibungen belastet wurde, sei von 6 auf 5,3 Mrd. Euro gesunken. Die Nettofinanzverschuldung sei zugleich dank guter Cashflow-Entwicklung von 4,5 auf 3,5 Mrd. Euro verringert worden. Die Verschuldungskennzahl Gearing Ratio (Nettofinanzverschuldung im Verhältnis zum Eigenkapital) verbesserte sich per Ende September im Jahresabstand von 75,1 Prozent auf 66,2 Prozent. (APA/red)