Studie von PWC

Virtuelle Kraftwerke, Google, neue Konkurrenz: Österreichs Energiebranche im Umbruch

76 Prozent der heimischen Energieversorger sehen branchenfremde Akteure als Bedrohung - ihre Dominanz am Markt behalten sie trotzdem. Unterdessen wollen schon 41 Prozent der Industrie bei virtuellen Kraftwerken mitmachen. Hier die Eckdaten einer großen neuen Studie zum Energiemarkt in Österreich.

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Die heimische Strombranche steht vor einem Umbruch. Alteingesessene Energieversorger müssen ihren Markt gegen neue Konkurrenz verteidigen, die seit der Liberalisierung und verstärkt in den vergangenen zwei, drei Jahren hineindrängen.

Zusätzlich machen sich völlig branchenfremde Internetriesen daran, am Energiehandel teilzuhaben. Und schließlich schreitet die Digitalisierung auch im Energiesektors voran - mit allen Chancen und Schwierigkeiten.

Energieversorger: Für 76 Prozent sind neue Anbieter "eine "Bedrohung"

Vor allem neue Anbieter sorgen gerade für Unruhe in der Stromwirtschaft. Einer Studie des Wirtschaftsberatungsunternehmens PriveWaterhouseCoopers (PWC) nehmen 76 Prozent der heimischen Energieversorger die branchenfremden Akteure als Bedrohung wahr. Dabei sehen 23 Prozent der Stromlieferanten ihr bestehendes Geschäft durch solche neuen Mitspieler "stark" bedroht, drei Prozent "sehr stark" und 50 Prozent "etwas" bedroht.

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Für die Studie wurden 150 Unternehmen der energieintensiven Industrie und der heimischen Energiewirtschaft zu aktuellen Treibern und künftigen Entwicklungen der Branche befragt. Die Befragung ergänzen ausführliche Interviews mit ausgewählten Führungskräften von Großunternehmen. Von den Firmen kommmen 90 aus der Industrie und je 30 von Energieversorgern und Netzbetreibern.

Google will in erster Linie Daten sammeln, nicht Energie verkaufen

Großkonzerne wie Google oder Amazon kommen kommen aus der IT-Welt und drängen gerade in den Handel mit Energie. Der Studie zufolge sind sie dabei, sich auch in diesem Markt zu etablieren alteingesessenen Versorgern Marktsanteile abzujagen, etwa mit Investitionen in Windparks.

Doch das eigentliche Ziel von Konzernen wie Google ist laut PWC nicht der Handel mit Energie oder gar die Umstellung auf erneuerbare Energien, sondern die Daten der Haushalte. Deshalb hat Google auch vor zwei Jahren für etwa drei Milliarden US-Dollar (2,8 Mrd. Euro) das Unternehmen Nest gekauft, das unter anderem vernetzte Thermostate und Rauchmelder herstellt. Im Vorjahr gründete auch der Technologiekonzern Bosch aus denselben Erwägungen heraus eine Tochterfirma für vernetzte Heimprodukte.

Tiwag-Chef: "Auch Google kocht nur mit Wasser"

Allerdings bleiben auch rund zehn Jahre nach der Liberalisierung des Strommarktes die großen Energieversorger marktbeherrschend - obwohl sich hier inzwischen mehr als 145 Lieferanten tummeln. "Die größten zehn Lieferanten versorgen über 70 Prozent der Gewerbekunden und nehmen bei den Haushalten sogar einen Marktanteil von rund 80 Prozent ein", so die Studienautoren.

Während daher Google und neue Anbieter den einen als Gefahr erscheinen, geben sich andere entsprechend gelassen. "Auch Google kocht nur mit Wasser", so das Fazit von Thomas Gasser, Vorstandsdirektor des Tiroler Versorgers Tiwag in einem Kommentar zum Thema. Denn erstens sei die Bedrohung nicht konkret. "Es gibt noch keine Killerapplikation von Google oder Ähnlichen, die ein Alleinstellungsmerkmal darstellen könnte. Ob diese zeitnah kommen wird, ist außerdem unwahrscheinlich."

Und im Industriesegment zähle vor allem der Preis, so der Tiwag-Manager weiter. "In diesem Preiswettkampf werden sich in erster Linie nur die großen Etablierten durchsetzen."

Zweitens gebe es kein Patentrezept, sich gegen marktfremde Mitbewerber zu wappnen. Die wichtigste Frage sei, wie an das Thema herangegangen werde: "Es ist nicht zielführend, aus Panik absurde Tarifmodelle zu designen, kurzfristige Rabattaktionen herauszugeben oder den Kunden Dinge zu schenken, die sie noch nie gebraucht haben. Letztendlich senkt das nur den Deckungsbeitrag." Dennoch müsse die Branche handeln, so Gasser.

Strompreise: Tendenz nach oben ab 2020

Was die Strompreise im Großhandel angeht, so sind sie in den letzten fünf Jahren bekanntlich stark gesunken. Der wichtigste Grund dafür ist die von Deutschland vorangetriebene Energiewende und der Ökostrom, der im gemeinsamen Markt mit Österreich die teureren konventionellen Kraftwerke aus dem Markt verdrängt. Für Österreich hat das insgesamt große Vorteile gebracht. Entsprechend stark ist die Gegenwehr aus der Alpenrepublik gegen Pläne in Deutschland und auf EU-Ebene, die gemeinsame Stromhandelszone aufzuspalten. Mehr zum Thema: Deutsch-österreichischer Stromhandelszone droht das Aus

Der Strompreis werde auch in den kommenden Jahren auf niedrigem Niveau bleiben, heißt es bei PWC mit Verweis auf die aktuellen Termingeschäfte auf den Energiebörsen. Der billige Strom werde auch den Verfall der Großhandelspreise für Kohle, Erdgas und Erdöl begünstigen. Erst nach 2020 gebe es ein Potenzial nach oben. Laut der Studie gehen aktuell 74 Prozent der Industrie und 70 Prozent der Stromlieferanten davon aus, dass die Strompreise mittelfristig steigen werden.

Virtuelle Kraftwerke: Elf Prozent der Industrie machen bereits mit

Das größte Potential für Einsparungen bieten keineswegs kleine Unternehmen und Haushalte, sondern vor allem das Gewerbe und die Industrie, auf die in Österreich knapp 70 Prozent des Stromverbrauchs entfallen. Aus diesem Grund hat der Verbund als größter heimischer Versorger Angebote im Bereich "Demand Response" gezielt für die Industrie auf den Markt gebracht. Große Unternehmen bieten ihr Lastmanagement über "virtuelle Kraftwerke" an und erschließen sich so eine lukrative neue Einnahmequelle. Mehr dazu unter: Demand Response: Wie die Industrie jetzt ihren Energiebedarf in virtuellen Pools optimiert

Offenbar ist der Verbund bei virtuellen Kraftwerken seinen Mitbewerbern einen Schritt voraus. "Etablierte Energieversorger nutzen diese Möglichkeiten bisher kaum", so die Autoren der PWC-Studie. Doch bereits elf Prozent aller energieintensiven Industriebetriebe passen demnach ihren Stromverbrauch dem Strommarkt an. Unter den Industrieunternehmen mit einem Umsatz von über einer Milliarde Euro sind es der Analyse zufolge sogar 87 Prozent. Insgesamt wollen 41 Prozent der Industrieunternehmen in den nächsten fünf Jahren dieses sogenannte Demand Side Management implementieren.

Die Handlungsempfehlungen von PWC

Die Handlungsempfehlungen von PWC klingen schließlich, wie in manch anderen Studien von Unternehmensberatern auch, recht allgemein und zum Teil einfach naheliegend. Den Stromlieferanten und Netzbetreibern empfehlen sie etwa, eine Strategie für die Digitalisierung herauszuarbeiten, Innovationen zu fördern und sich vom Lieferanten zum Energiedienstleister zu wandeln.

Die energieintensive Industrie soll wiederum die vorhandenen Flexibilitäten stärker nutzen und vermarkten sowie bei Effizienznetzwerken mitmachen - und dabei auch ihre eigene Versorgungssicherheit nicht vergessen.   ///

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