Energie

Virtuelle Kraftwerke

Schwankungen in den Stromnetzen will der Verbund zu einem lukrativen Geschäft für die Industrie machen: Großbetriebe sollen sich zu einem virtuellen Kraftwerk zusammenschließen.

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Im virtuellen Kraftwerk können Betriebe künftig Energie für andere bereitstellen: "Suchen Flexibilitäten in jedem Produktionsprozess."

Als größter Stromkonzern Österreichs betreibt der Verbund viele ganz reale Kraftwerke. In wenigen Wochen will der Versorger erstmals auch ein virtuelles Kraftwerk in Betrieb nehmen. Gemeinsam mit dem auf diesen Bereich spezialisierten Münchner Anbieter Entelios touren Manager des Verbund in diesen Tagen quer durch die Republik, um unter großen Industriebetrieben die ersten Mitstreiter für diesen sogenannten „Verbund Power Pool“ zu gewinnen. Denn sechs bis zehn große teilnehmende Betriebe sind die wichtigste Voraussetzung, damit das virtuelle Kraftwerk starten kann. Der Probebetrieb soll im Jänner 2014 anlaufen.

Flexibilität als Produkt

Wie Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber die Industrie dafür gewinnen will? „Die meisten Großverbraucher haben eine gewisse Flexibilität in ihren Produktionsprozessen.“ Entelios-Chef Oliver Stahl verweist dabei auf Systeme in Deutschland, wonach etwa ein großer Metallverarbeiter pro Jahr mit dem Verkauf seiner Flexibilität einen bis zu siebenstelligen Betrag verdienen kann – ohne Beeinträchtigungen seiner Produktion. Die wichtigsten Eckdaten zum „Power Pool“: Die Mindestgröße eines Pools umfasse sechs bis zehn industrielle Teilnehmer und erreiche so ein Mindestpotenzial von fünf bis zehn flexibel einsetzbaren Megawatt, sagt Wolfgang Pell, Leiter Innovation des Verbund. Zwei Voraussetzungen für die Teilnahme: Die Betriebe verfügen über flexibel einsetzbare Produktionsanlagen – etwa große Pumpen, Mühlen, Öfen, Kühlanlagen oder Druckluft. Im Idealfall haben sie auch eigene Energieerzeugungsanlagen. Im Fokus stehen etwa Betriebe der Stahl- und Metallindustrie und Unternehmen der Wasser- und Abwasserwirtschaft.

Fahrpläne für bereitgestellte Leistung

Gemeinsam mit Experten des „Power Pool“ werden dann die Flexibilitäten in jedem Produktionsprozess gefunden. Ein Beispiel: Gibt es einen Energiemangel im Netz, kann ein Aluhersteller seine Schmelzöfen eine bestimmte Zeit abschalten, ohne dass das Aluminium sich verändert. Gibt es umgekehrt zu viel Strom im Netz, erklärt sich derselbe Hersteller bereit, diesen Strom zu verbrauchen. Die genauen Fahrpläne, welcher Betrieb welche Leistung bereitstellen oder verbrauchen kann, geben die Teilnehmer eine Woche vorher bekannt. Dieses Paket vermarktet der Verbund am Regelenergiemarkt, die Einnahmen fließen an die Unternehmen zurück.

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Entscheidungsfreiheit beim Betrieb

Die Vorteile für Betriebe: Sie haben immer das letzte Wort, ob sie zusätzliche Energie bereitstellen bzw. verbrauchen wollen – wer gerade feste Produktionsabläufe hat, setzt aus oder weist die Anfrage des Pools zurück. Zweitens greift das System sowohl bei einem Energiemangel in den Netzen als auch bei einem Überschuss – im letzteren Fall bekommt ein Hersteller die Energie gratis und zusätzlich Geld für seine Flexibilität. Die Erklärung dafür ist der dritte Punkt, nämlich die Finanzen. Allein bei einer Teilnahme am Pool wird einem Unternehmen der Leistungspreis gezahlt – wer sich also bereit erklärt, am nächsten Dienstag um die Uhrzeit x die Strommenge y zu verbrauchen oder einzuspeisen, bekommt Geld.

Findet der Abruf tatsächlich statt, wird dem Unternehmen zusätzlich der sogenannte Arbeitspreis gezahlt. Wie viel? Für pauschale Angaben für den österreichischen Markt sei es noch zu früh, meint Bertram Weiss vom Verbund. In wenigen Tagen rechne Anzengruber jedenfalls mit fixen Zusagen „sehr bekannter“ Großbetriebe.
Peter Martens

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