Energiewirtschaft

Versorger im Endspurt: Umstrittene Smart Meter kommen

Heimische Energieversorger haben die aufwendigen Ausschreibungen für die umstrittenen digitalen Stromzähler mittlerweile meist hinter sich. Ein großer Teil der milliardenschweren Aufträge geht an Hersteller aus dem Ausland. Kritik am mangelnden Datenschutz und der Angreifbarkeit der Systeme lassen Sprecher der Energiewirtschaft nicht gelten.

Die E-Wirtschaft wird die neuen "intelligenten Stromzähler" in Österreich nun zügig ausrollen. Waren Ende 2016 erst 5 Prozent der gut 5,5 Millionen Zähler ausgetauscht, sollen es heuer 12 Prozent werden und bis 2020 rund 80 Prozent, was der EU-Vorgabe entspricht. 1,6 bis 1,8 Mrd. Euro kostet die Smart-Meter-Umstellung, die den Kunden mehr Übersicht über ihren Stromverbrauch bringen soll.

Mit den heurigen Installierungen liegt die Strombranche weit hinter dem national für 2017 fixierten Ziel von 70 Prozent. Dafür macht man wiederholte rechtliche Änderungen zu den Smart Meter verantwortlich. Jetzt erhofft man sich von dem für Energie zuständigen Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) eine Lockerung der entsprechenden Verordnung und ein Umschwenken auf den milderen EU-Zeitplan, wie die Generalsekretärin des Branchenverbandes Oesterreichs Energie, Barbara Schmidt, vor wenigen Tagen bei einem Hintergrundgespräch erklärte.

Die Netzgesellschaften haben die aufwendigen Ausschreibungen mittlerweile hinter sich und stehen meist kurz vor der Vergabe der Aufträge für die neuen Zähler. Bei manchen ist das Ausrollen schon voll im Gange, bei kleinen Playern teils auch schon abgeschlossen.

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Doch von den bisher schon erteilten Aufträgen profitiert die heimische Industrie kaum:

Zwar ist auch Siemens Österreich immer wieder beteiligt, doch der große Auftrag zur Installation der Zähler von der Energie Steiermark ging an die die französische Sagemcom und die Schweizer Landris+Gyr. Und die neuen Stromzähler für den Süden Österreichs kommen aus Slowenien vom Hersteller Iskraemeco - mit Option auf Verlängerung des Liefervertrags.

Wiener Netze: Größtes Einzelprojekt im deutschsprachigen Raum

Das größte Einzelprojekt im deutschsprachigen Raum verfolgen dabei die Wiener Netze mit mehr als 1,5 Millionen Zählertäuschen. Aktuell tausche man pro Minute einen Zähler, in der Spitze sollen es bis zu 420 pro Stunde sein; dafür seien bis zu 500 Mitarbeiter vorgesehen, sagte Karin Zipperer, die Geschäftsführerin der Wiener Netze, vor Journalisten.

Im Westen nehmen vier Unternehmen die Umstellung gemeinsam vor, nämlich Salzburg Netz, Vorarlberg Netz, Tinetz und die Innsbrucker IKB; in Summe schaffen die vier bis zu 1,2 Mio. Stück der neuen Messgeräte an und wollen beim Roll-Out bis zu 5.000 Zähler wöchentlich installieren, sagte Salzburg-Netz-Geschäftsführer Herwig Struber. Durch die Bündelung der Beschaffungsmengen seien die Geräte durch Skaleneffekte kostengünstiger, und man könne Know-how bündeln.

Bei den Wiener Netzen rechnet man mit einer 2- bis 3-prozentigen Opt-Out-Quote bei den Kunden, wie Zipperer sagte. In Salzburg gebe es weniger als ein Promille der Abnehmer, die sagten, sie seien prinzipiell gegen die neuen intelligenten Stromzähler, so Struber, der aber glaubt, dass man die Menschen mit Information zum Opt-In bringen kann. Der Regulator E-Control hatte kürzlich von einer bisher 1,5-prozentigen Opt-Out-Quote berichtet. "Wir wollen, dass die Kunden die Vorteile sehen", betonte Generalsekretärin Schmidt.

Verbraucher können den Einbau ablehnen

Wer sich für den Ausstieg (Opt-Out) entscheidet und den Einbau der digitalen Zähler ablehnt, verhindert die Speicherung der Daten alle 15 Minuten oder der Tagesverbrauchswerte. Auch keine tägliche Datenübertragung vom Zähler zum Netzbetreiber, so Gerald Obernosterer, Bereichsleiter zum Thema Netzmanagement bei Kärnten Netz und Vorsitzender des IKT-Ausschusses von Oesterreichs Energie.

Das Thema Datenschutz nehme die E-Wirtschaft sehr ernst, betonten Obernosterer und die anderen Branchenvertreter. Es gebe unabhängig von der Smart-Meter-Einführung den Datenschutz als Grundrecht und seit vielen Jahren das Datenschutzgesetz: "Wir unterliegen diesem Gesetz, seit es das gibt - auch wenn es jetzt vermehrt diskutiert wird."

Argumente der Energiewirtschaft gegen den "gläsernen Menschen"

Als Beispiele verwies der Experte auf die Argumente "Gläserner Mensch", "die Zähler messen falsch" oder "das Ausspionieren meiner Lebensgewohnheiten ist möglich, zum Beispiel wann bin ich zu Hause". Ein solches Ausspionieren sei nicht möglich, und die angeblich falschen Messungen hätten sich nach der Meinung von Obernosterer auf alte, technisch überholte Geräte bezogen.

Das ist offenbar eine Anspielung auf die jüngst bekannt gewordenen Ergebnisse einer Untersuchung aus den Niederlanden, die europaweit für Schlagzeilen gesorgt haben. Die Behauptung Obernosterers, es handle sich um veraltete Geräte, trifft nicht ganz zu - schließlich ging es um Geräte bis zum Baujahr 2014. Mehr dazu hier: Studie: Smart Meter messen dumm >>

Auch was die sparsame Verwendung der Nutzerdaten angeht, verweist die Wirtschaftsberatung PWC ausdrücklich auf eine neue "Datenflut" und die sich daraus ergebenden Geschäftsmöglichkeiten. Mehr dazu hier: Smart Meter: Schiefe Argumente für den Rollout >>

Alle Daten bräuchten eine Zweckbindung und eine Zustimmung der Betroffenen, sagt dagegen Kärnten Netz-Experte Obernosterer. "Eine Datenschutz-Verletzung ist kein Bagatelldelikt", so Obernosterer. Bis April 2018 müsse zudem die EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) umgesetzt werden - mit noch höheren Anforderungen an den Datenschutz und auch einer drastischen Erhöhung der Strafen auf 20 Mio. Euro bzw. 4 Prozent des Konzernjahresumsatzes.

Die in Österreich in der Branche festgelegten Smart-Meter-Mindeststandards - mit periodisch ausgetauschten Verschlüsselungen an je drei Schnittstellen - würden von den Geräteherstellern akzeptiert und seien vorbildhaft in Europa.

Der Kundennutzen sei vielfältig, erläuterten Obernosterer und Michael Strebl, der Sprecher Handel & Vertrieb von Oesterreichs Energie. Der Kärntner-Netz-Bereichsleiter verwies auf die künftig automatische Zählerablesung, ohne dass man daheim sein oder sich einen Termin vereinbaren müsse. Den Kunden werde der aktuelle Stromverbrauch sichtbar gemacht, im Netzkundenportal täglich, über die Online-Kundenschnittstelle sogar im Sekundentakt. "Der Kunde kann den Strom bewusster und damit sparsamer einsetzen", so Obernosterer.

USA: Versorger schaltet aus der Ferne den Kühlschrank ab

Wien-Energie-Geschäftsführer Strebl verwies vor allem auf Beispiele aus den USA. Sei das ursprüngliche Ziel der EU für Smart Meter die Erhöhung der Energieeffizienz gewesen, zeige ein Blick in die Vereinigten Staaten, wo die intelligenten Zähler 2008 verpflichtend eingeführt wurden, dass Stromkunden Kosteneinsparungen winken, wenn sie etwa ihre Kühlung durch den Versorger bei Bedarf vorübergehend aus der Ferne abschalten lassen. Das könne Kunden jährlich 100 Dollar (93 Euro) Rabatt bringen, wenn der Stromversorger dazu ermächtigt werde, bei einem Engpass Lasten wegzuschalten ("Demand Response"). Praktiziert würden solche Modelle etwa von PJM mit 30 Mio. Kunden im Osten der USA oder auch PGi in Kalifornien mit 16 Mio. Kunden.

Auch in Österreich würden sich bereits viele Energieversorger mit smarten Tarifen oder dem Thema Smart Home befassen; die Energie AG (EAG) habe Tarife für teurere und billigere Zeiten - und die Wien Energie den "intelligenten HausMaster", den Energieassistenten mit PV-Anlage, Batterie, Elektroheizstab, E-Ladestation und Monitoring-Funktion, jedoch hauptsächlich gedacht für Solarstrom erzeugende Eigenheimbesitzer. Strebl kündigte an, dass bei der Wien Energie der "HausMaster" auch für Mietwohnungen kommen soll.

Deutschland setzt ganz andere Grenzen

Übrigens geht Deutschland, das die Energiewende nach der Katastrophe von Fukushima maßgeblich angestoßen hat, beim Thema Smart Meter andere Wege als Österreich. Im Nachbarland will das Wirtschaftsministerium die Installation der schlauen Zähler, die mehrere hundert Euro pro Stück kosten sollen, erst ab einem Jahresstromverbrauch über 6.000 Kilowattstunden vorschreiben - und das auch erst in der dritten Stufe der Einführung, die ab dem Jahr 2021 geplant ist. Kleinere Unternehmen und die meisten Endverbraucher wären demnach von der Einbaupflicht ausgenommen.

Nicht so Österreich. Das Land hat sich ursprünglich die schärfsten Ziele der EU vorgenommen - und bleibt auch auch nach der jetzigen Lockerung der Zeitpläne überaus ambitioniert.

Der eigentliche Grund für den Rollout

Der eigentliche Grund für die Einführung der digitalen Zähler im breiten Markt ist weder die Energiewende noch das Ziel, den Verbrauchern mit einem Milliardenaufwand den jährlichen Termin für das Ablesen zu ersparen. Sondern neue, flexible Strompreistarife, deren Einführung sich abzeichnet. Denn große Energieverbraucher in der Industrie haben schon seit mehr als zehn Jahren Stunden- oder Viertelstunden-Abrechnungen über Smart Meter - freiwillig. Sie kaufen zu ganz anderen Tarifen ein und nehmen häufig selbst am Großhandel ein.

Jetzt soll dasselbe auch bei Kleinkunden gelten, die allerdings keine Abteilungen mit Spezialisten für Energiehandel beschäftigen. Die heutigen Tarifmodelle würden "höchstwahrscheinlich nicht den geänderten Marktbedingungen entsprechen können", bestätigt eine Studie von PwC Österreich zum Thema.

Mit einer minutengenauen Ablesung kommen neue Geschäftsmodelle - auch bei Kleinkunden: "Beim Rollout der Smart Meter werden bereits erste angepasste Tarifmodelle für Haushalte angeboten, bei denen sich der Strompreis gemäß Tageszeit ändert", heißt es in einer Studie zur Einführung der Smart Meter von PriceWaterhouseCoopers. Die Marktlogik dahinter ist einfach: Je stärker die Nachfrage dann, wenn alle Strom brauchen, desto teurer wird es.

(red/APA)


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