Analyse

Thyssenkrupp gelingt Verkauf in Brasilien: "Gut, dass es zu Ende ist"

Thyssenkrupps Aktionäre hoffen nach dem Verkauf der Werke in den USA und Brasilien auf den kompletten Ausstieg aus dem Stahlgeschäft - jetzt könnte dem Stahlriesen der Umbau zum Technologiekonzern gelingen. Bei den Mitarbeitern in Deutschland hält sich dagegen die Freude in Grenzen.

Sechs Jahre nach seinem Amtsantritt kann Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger mit dem Verkauf des verlustreichen brasilianischen Stahlwerks CSA eine weitere Großbaustelle abhaken. Er muss aber noch eine Lösung für die europäische Stahlsparte des Konzerns finden. Die Gespräche über einen Zusammenschluss mit dem Konkurrenten Tata laufen auf Hochtouren.

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Das Fiasko um die geplante Amerika-Expansion endete für die Essener schließlich mit einem Minus von 8 Mrd. Euro. Zuvor hatte die Fehlinvestition Thyssenkrupp in eine existenzbedrohende Krise gestürzt. Nach dem Verkauf für rund 1,5 Mrd. Euro an den Konkurrenten Ternium muss der Konzern nun eine Wertberichtigung von rund 900 Mio. Euro vornehmen, weil das Werk zuletzt noch mit rund 2,4 Mrd. Euro in den Büchern stand.

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An der Börse legte der Kurs der Thyssenkrupp-Aktie jedoch deutlich zu. Jetzt fordern Analysten einen Zusammenschluss für die europäische Stahlsparte. Doch den Betriebsrat treiben ganz andere Gedanken um: Er sorgt sich um den Erhalt der Standorte in Deutschland.

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Der Bau des Brasilien-Werks war für Thyssenkrupp ein gigantischer Fehlschlag. Schnell explodierten die auf rund 1,3 Mrd. Euro veranschlagten Baukosten, hinzu kamen technische Probleme und enorme Anlaufschwierigkeiten. Veränderte Rahmenbedingungen wie drastisch gestiegene Lohnkosten in Brasilien ließen die Aussicht auf einen wirtschaftlichen Betrieb der Anlage schon bald schwinden.

Bereits ein Jahr nach seinem Start im Jänner 2011 zog der ehemalige Siemens-Manager Hiesinger die Notbremse und stellte CSA zusammen mit einer Anlage in den USA zum Verkauf. Der Thyssenkrupp-Chef hatte sich zuvor eine Stärkung des Industriegüter-Geschäfts beim größten deutschen Stahlkonzern zum Ziel gesetzt.

"Das ist kein gutes Ende. Aber es ist gut, dass es zu Ende ist"

Während das Werk im US-Bundesstaat Alabama für rund 1,5 Mrd. Euro den Besitzer wechselte, belasteten komplizierte Eigentumsverhältnisse, Verstöße gegen Umweltschutzauflagen und eine bis vor kurzem fehlende Betriebsgenehmigung über viele Jahre hinweg eine Trennung von dem Problem-Werk in Brasilien. "Das ist kein gutes Ende. Aber es ist gut, dass es zu Ende ist", sagte der Konzernbetriebsratschef von Thyssenkrupp, Wilhelm Segerath. Die Trennung von der brasilianischen Fabrik stabilisiere die Situation in Deutschland, weil die Werke hier nun auf eine bessere Auslastung hoffen könnten.

Kritisch sieht der Betriebsrat dagegen die noch laufende Suche nach einem Partner für das europäische Stahlgeschäft von Thyssenkrupp. Ein solcher Zusammenschluss würde die Probleme der unter Überkapazitäten leidenden Branche auch nicht beseitigen, meinte Segerath. Zudem könnten dadurch Werke in Deutschland in Gefahr geraten: "Wir würden nicht einsehen, wenn bei uns Anlagen und Standorte geschlossen würden."

Aktionäre und Analysten freuen sich schon auf kompletten Ausstieg aus dem Stahlgeschäft

Bei Analysten und Aktionärsvertretern macht sich nach dem Geschäft dagegen nun Hoffnung auch auf eine Lösung für die Stahlsparte in Europa breit. "Wenn jetzt noch das Joint Venture mit Tata kommt, ist man dem Stahlausstieg schon sehr nahe", glaubt etwa Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Nach dem Verkauf habe der Konzern bereits eine Baustelle weniger.

"Eine weitere Altlast ist beseitigt. Herr Hiesinger muss den Wandel zum Technologiekonzern nun weiter voran treiben", forderte auch Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment. Der Verkauf des brasilianischen Werks sei ein wichtiger Schritt in Richtung auf einen "reinen" Industrie- und Technologiekonzern, hieß es auch in einer Analyse von Independent Research. Der bedeutendste Punkt beim Konzernumbau wäre jedoch eine Einbringung der europäischen Stahlaktivitäten in ein Gemeinschaftsunternehmen. (dpa/apa/red)
 

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