Stahlindustrie

Thyssenkrupp: Ein Traditionskonzern ohne Chef

Der Aufsichtsrat des deutschen Industrieriesen hat den überraschenden Rücktritt von Konzernchef Heinrich Hiesinger genehmigt. Wer ihm nachfolgt, ist offen. Die Börsen feiern den Rücktritt - und die Finanzfirmen machen weiter Druck.

Mit dem völlig überraschenden Rücktritt von Konzernboss Heinrich Hiesinger steht das Traditionsunternehmen Thyssenkrupp mitten im Umbau ohne Chef da. Der Aufsichtsrat nahm vergangene Woche das Rücktrittsgesuch des Managers an und überließ vorerst seinen drei Vorstandskollegen die Leitung des Mischkonzerns mit 160.000 Beschäftigten. Die Nachfolge Hiesingers werde später geregelt. Hintergrund dazu: Thyssenkrupp: Deswegen will Konzernchef Hiesinger nicht mehr >>

Wann die angekündigte "geschärfte Strategie" vorgestellt werden soll, blieb offen. Die Börse feierte den Rücktritt Hiesingers mit einem Kurssprung der Aktie von zeitweise mehr als vier Prozent. Der 58-Jährige hatte Insidern zufolge vom Aufsichtsrat keine geschlossene Rückendeckung mehr. Die deutsche Gewerkschaft IG Metall forderte von den Verantwortlichen, die Reihen zu schließen.

Schon der vierte Chef eines Dax-Konzerns, der 2018 zurücktritt

Hiesinger ist nach Deutsche Bank-Chef John Cryan, Volkswagen-Boss Matthias Müller und Beiersdorf-Chef Stefan Heidenreich der vierte Vorstandsvorsitzende eines Dax-Konzerns, der in diesem Jahr seinen Hut nehmen muss.

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Finanzfirmen machen weiter Druck

Investoren wie der Großaktionär Cevian und der wenig zimperliche US-Hedgefonds Elliott hatten von Hiesinger mehr Tempo beim Konzernumbau gefordert. Seit dessen Amtsantritt im Jänner 2011 hat die Aktie fast 30 Prozent verloren, während der Dax 78 Prozent zulegte. Cevian und Elliott wollten sich zunächst nicht zur Entwicklung äußern.

Die Fondsgesellschaft Union Investment sah in dem Abgang des seit 2011 amtierenden Vorstandschefs einen möglichen Schritt nach vorne. "Nun besteht die Chance, eine neue Strategie zu entwickeln, den Konzernumbau voranzutreiben und damit den Konzern neu auszurichten", sagte Portfoliomanager Ingo Speich der Nachrichtenagentur Reuters. "Der Nachfolger sollte daher auch eine neue Perspektive einbringen und nicht an der bestehenden Strategie festhalten."

Drei Vorstände teilen sich vorübergehend die Konzernführung

Aufsichtsratschef Ulrich Lehner dankte Hiesinger für seine Arbeit. Nach einem Nachfolger solle nun in einem strukturierten Prozess gesucht werden. Solange sollen Finanzchef Guido Kerkhoff, Personalvorstand Oliver Burkhard und Compliance-Vorstand Donatus Kaufmann die Geschicke des Traditionskonzerns gemeinsam führen. Mehr dazu: Thyssenkrupp bekommt vorübergehend drei Konzernchefs gleichzeitig >>

"In dieser für das Unternehmen schwierigen Situation geht es nun zunächst darum, auf Kurs zu bleiben", erklärte Lehner. Der Vorstand habe eine mit dem Aufsichtsrat abgestimmte Strategie für die Weiterentwicklung des Konzerns. Dazu gehöre die Umsetzung des Gemeinschaftsunternehmens im Stahl. "Für die weiteren Geschäftsbereiche bestehen nach außen klar kommunizierte Ziele, an denen das Unternehmen weiter arbeiten wird."

Hiesinger hatte eigentlich diese Woche eine geschärfte Strategie für den Mischkonzern vorstellen wollen, zu dessen Geschäften neben dem Stahl auch der Bau von Aufzügen, Groß-Anlagen, Autoteilen oder U-Boote gehört.

Zuletzt hat Thyssenkrupp die Fusion der Stahlsparte mit dem indischen Konzern Tata Steel fixiert. Zur Strategie:

Thyssen und Tata besiegeln Stahlfusion: Die 5 wichtigsten Eckdaten >>
Gerüchte über die nächste Abspaltung bei Thyssenkrupp >>

Suche nach einem neuen Chef läuft

Die Suche nach einem neuen Chef werde sich schwierig gestalten, erklärten die Experten von Independent Research. Hiesinger sei es wohl leid gewesen, sich von den verschiedenen Interessen im Konzern, mit Cevian, Elliott, Arbeitnehmern und der Krupp-Stiftung aufreiben zu lassen.

Die Krupp-Stiftung ist mit rund 21 Prozent größter Einzelaktionär des Konzerns und hat zwei Vertreter im Aufsichtsrat. Hiesinger hatte wohl auch diese in seinem Abschiedsbrief an die Mitarbeiter gemeint, als er von den Grundlagen früherer Entscheidungen sprach. "Das gemeinsame Verständnis von Vorstand, Aufsichtsrat und wesentlichen Aktionären über die strategische Ausrichtung von Thyssenkrupp war für mich eine wichtige Voraussetzung, um als Vorstandsvorsitzender Thyssenkrupp erfolgreich zu führen."

Bedauern seitens der Krupp-Stiftung

Die Stiftung und ihre Chefin, Ursula Gather, drückten später ihr Bedauern über den Schritt Hiesingers aus. Dieser habe das Unternehmen wirtschaftlich neu ausgerichtet und eine moderne Unternehmenskultur eingeführt. "Die Stiftung und auch ich persönlich haben Herrn Hiesinger auf diesem Weg stets unterstützt, die Vorschläge des Vorstandes begrüßt und sie in den Entscheidungen mitgetragen", betonte Gather.

Der IG- Metall-Sekretär und Vize-Chef des Konzern-Aufsichtsrats, Markus Grolms, forderte Geschlossenheit. "Vorstand, Aufsichtsrat, Arbeitnehmervertreter und Aktionäre müssen im Sinne des Unternehmens und der Beschäftigten an einem Strang ziehen", sagte der Gewerkschafter Reuters. Der Konzern müsse zukunftsfähig weiterentwickelt werden. "Wer dabei die soziale Fairness gegenüber den Beschäftigten außer Acht lässt, bekommt es mit uns zu tun, aber richtig." (Reuters/apa/red)

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