Rücktritt

Thyssenkrupp: Deswegen will Konzernchef Hiesinger nicht mehr

Thyssen hat seine Stahlsparte ausgelagert und bereitet gerade weitere Einschnitte vor. Trotzdem war im Vorstand der Druck der Anteilseigner und der angelsächsisch geprägten Investoren offenbar zu hoch: Heinrich Hiesinger bittet den Vorstand, sein Mandat aufzulösen.

Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger wirft unter dem wachsenden Druck von Investoren das Handtuch. Er habe den Aufsichtsrat um Gespräche zur einvernehmlichen Auflösung seines Mandats als Vorsitzender des Vorstands gebeten, teilte der deutsche Industrieriese mit.

Zur Stunde berät der Aufsichtsrat über das Gesuch. Eine Annahme gilt als wahrscheinlich. Als möglicher Interimschef des Unternehmens mit Sitz in Essen im Ruhrgebiet wurde im Vorfeld Finanzvorstand Guido Kerkhoff gehandelt.

Finanzfirmen setzen den einst stolzen Industrieriesen massiv unter Druck

Heinrich Hiesinger, 58, steht seit Anfang 2011 an der Spitze des Konzerns und hat noch einen Vertrag bis 2020.

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Die Finanzfirma Cevian als Großaktionär, der als besonders aggressiv bekannte Hedgefonds Elliott sowie weitere Investoren hatten dem Manager vorgeworfen, den Umbau des Konzerns nicht schnell genug voranzutreiben.

Publizist Gabor Steingart schreibt dazu, sowohl die "angelsächsisch geprägten Investoren" als auch René Obermann, ehemals Chef der Deutschen Telekom, sowie die deutsche HSBC-Chefin Carola von Schmettow hätten Hiesinger das Vertrauen entzogen.

Fonds wollen mehr Rendite

Die Fondsgesellschaft Union Investment fordert eine neue Strategie für den Mischkonzern. "Nun besteht die Chance, eine neue Strategie zu entwickeln, den Konzernumbau voranzutreiben und damit den Konzern neu auszurichten", sagte Fondsmanager Ingo Speich. "Der Nachfolger sollte daher auch eine neue Perspektive einbringen und nicht an der bestehenden Strategie festhalten", fügte Speich hinzu.

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Hiesinger hat die Strategie stark verändert - zum Besseren

Unter Hiesingers Führung schaffte der Konzern es, nach dem milliardenschweren Desaster im amerikanischen Stahlgeschäft wieder in ruhiges Fahrwasser zu kommen. Zuletzt hatte der aus einer Bauernfamilie stammende Manager wenig Fortune. Sein als Befreiungsschlag gedachtes Stahl-Joint-Venture mit Tata Steel dauerte über zwei Jahre, ehe es zustande vor wenigen Tagen zustande kam. Am Markt löste dies keine Begeisterung aus. Die Gespräche am Freitag im Aufsichtsrat dürften daher reine Formsache sein.

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Mitarbeiter alarmiert

Hiesingers Abgang alarmiert die Arbeitnehmer. Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath warnte vor einer Zerschlagung und einem Ausverkauf des Industriekonzerns. Er sehe die Gefahr, dass der Rest des Mischkonzerns von Finanzinvestoren zerschlagen werde, sagte Segerath der Deutschen Presse-Agentur. Der IG-Metall-Vertreter gehört dem Aufsichtsrat von ThyssenKrupp an, der an diesem Freitag über die Bitte Hiesingers über Auflösung seines Mandats als Vorstandschef entscheiden will.

"Ohne Heinrich Hiesinger würde es Thyssenkrupp nicht mehr geben", erklärte Aufsichtsratschef Ulrich Lehner, der bis zuletzt als eine Art Schutzpatron von Hiesinger galt. Hiesinger war 2010 von Siemens zu dem Mischkonzern ins Ruhrgebiet gewechselt.

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Das sagt Hiesinger selbst

"Ich gehe diesen Schritt bewusst, um eine grundsätzliche Diskussion im Aufsichtsrat über die Zukunft von Thyssenkrupp zu ermöglichen", erklärte Hiesinger. "Ein gemeinsames Verständnis von Vorstand und Aufsichtsrat über die strategische Ausrichtung des Unternehmens ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Unternehmensführung", fügte er hinzu. Insidern zufolge stand zuletzt auch der Aufsichtsrat nicht mehr geschlossen hinter ihm. Eine für kommende Woche geplante Strategieschärfung drohte zum Rohrkrepierer zu werden.

Hiesinger hat in einem Brief an die Mitarbeiter seine Beweggründe näher erläutert. "Diese Entscheidung habe ich mir nicht leicht gemacht - ganz im Gegenteil", hieß in einem der Nachrichtenagentur Reuters vorliegenden internen Schreiben des Managers. Er verwies darauf, dass eine große Rückendeckung notwendig sei, um als Vorstand voranzukommen. "Die breite Unterstützung der Aktionäre und im Aufsichtsrat war Grundlage für den Erfolg der Strategischen Weiterentwicklung von ThyssenKrupp seit 2011, bei der wir uns immer gleichermaßen an den Interessen von Kunden, Mitarbeitern und Aktionären orientiert haben", schrieb der 58-Jährige.

"Es war mir eine Ehre, dieses Unternehmen zu führen"

Zum Abschluss sprach er den Beschäftigten Mut aus. "Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Sie können stolz sein auf das, was Sie erreicht haben. Ich danke Ihnen allen von Herzen." Bei seinen vielen Besuchen vor Ort, in den Werken, an den Standorten sei er immer wieder vom Einsatz und der Verbundenheit der Mitarbeiter tief beeindruckt gewesen. "Bewahren Sie sich bitte diese Haltung. Bewahren Sie sich Ihre Zuversicht und Ihren Mut auf dem Weg nach vorne. Ich sage Danke. Es war mir eine Ehre, dieses Unternehmen zu führen."

Die Reaktionen

"Ohne Heinrich Hiesinger würde es Thyssenkrupp nicht mehr geben", erklärte Aufsichtsratschef Ulrich Lehner, der bis zuletzt als eine Art Schutzpatron von Hiesinger galt. Hiesinger war 2010 von Siemens zu dem Mischkonzern ins Ruhrgebiet gewechselt.

Die IG Metall bedauerte den angekündigten Rücktritt von Hiesinger. "Auch wenn wir in der Sache oft unterschiedlicher Meinung waren - Herr Hiesinger ist ein integrer Mensch", sagte Detlef Wetzel, früherer IG-Metall-Chef und stellvertretender Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp Steel, der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (Freitag). Er bedauere, dass Hiesinger den Konzern verlassen wolle.

Nun bekommt Thyssenkrupp vorübergehend drei Konzernchefs gleichzeitig, bis eine Nachfolge feststeht. 

(red mit Reuters, dpa, APA)