Stahlindustrie

Thyssen mit Tata: Betriebsräte und Finanzfirmen gegen Fusionspläne

Weder bei Tata Steel noch bei Thyssenkrupp glauben Betriebsräte daran, dass die Fusion zum Vorteil der Unternehmen sei. Auch Finanzfirmen wettern immer stärker gegen die Pläne - aus ihrer Sicht macht Tata Steel nicht genug Rendite.

Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger bekommt bei seinen Bemühungen um ein Joint Venture der Stahlsparte mit Tata Steel weiteren Gegenwind. Der europäische Betriebsrat von Tata Steel teilte mit, er sei nicht davon überzeugt, dass die Pläne im besten Interesse des Unternehmens und seiner Beschäftigten seien. "Die Situation ist sehr bedauerlich."

"Die Situation ist sehr bedauerlich"

Er warf Thyssenkrupp vor, sich gemeinsamen Gesprächen zu verschließen und stellte eine Reihe von Forderungen auf, die für eine Zustimmung notwendig seien. Stellenstreichungen müssten bei Tata bis 2022 ausgesetzt werden. Zudem dürften bis 2026 keine Werke stillgelegt werden.

Thyssen-Betriebsrat Segerath stellt Fusion infrage

Auch Thyssenkrupp-Gesamtbetriebsratschef Wilhelm Segerath hatte in der vergangenen Woche in einem Gespräch mit der "WAZ" zum wiederholten Male die geplante Stahlfusion infrage gestellt. "Wir haben nach wie vor Zweifel, ob das Joint Venture unter diesen Vorzeichen eine tragfähige Lösung sein kann", sagte Segerath und verwies auf Bedenken hinsichtlich der Leistungsfähigkeit des europäischen Tata-Geschäfts in England.

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Fusion soll noch im Juni fixiert werden

Die Fusion, die nach den Plänen des Konzerns noch in diesem Monat besiegelt werden soll, ist ein strategisches Kernprojekt von Hiesinger und Voraussetzung für die Vorlage einer dringend erwarteten neuen Konzernstrategie. Investoren hatten zuletzt das mangelnde Tempo beim Umbau des Essener Konzerns angemahnt.

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Auch Finanzfirmen machen immer stärker Druck

Nur wenige Tage vor der geplanten Entscheidung über die Thyssenkrupp-Stahlfusion mit Tata ist das Gemeinschaftsunternehmen aber auch in die Kritik von Investoren geraten.

Der als aktivistisch geltende US-Investor Paul Singer und sein Hedgefonds Elliott hätten die bereits verabredeten Bedingungen des Geschäfts kritisiert, berichtete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Dabei bezog sich die Zeitung auf einen Brief Elliotts an Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger.

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Auch der schwedische Großaktionär Cevian zeige sich unglücklich über die Gewinnperspektiven der beiden Partner, berichtete das Blatt. Der Cevian-Vertreter im Aufsichtsrat habe im April an Mitaufsichtsräte einen kritischen Brief dazu geschrieben. Ein Unternehmenssprecher wollte den Bericht auf Anfrage nicht kommentieren.

Elliott kritisiere vor allem die stark unterschiedliche Gewinnentwicklung der beiden designierten Partner. Denn während Thyssenkrupps Hüttenwerke ihre Gewinne kräftig steigerten, habe sich Tata Steel Europe zuletzt schwach entwickelt. Grundsätzlich halte Elliott es aber für sinnvoll, dass Thyssenkrupp bei der Konsolidierung der europäischen Stahlbranche mitmische.

Tata Steel beim Vorsteuergewinn 28 Prozent hinter Thyssenkrupp

Elliott sehe die Fusion der Stahlsparten laut Brief zwar als sinnvoll an. Die Bewertungsgrundlagen hätten sich aber geändert, weil die Gewinnentwicklung der beiden Partner divergiere. Elliott argumentiere mit der Betrachtung der jeweils letzten zwölf Monate bis zu einem bestimmten Stichtag. Da liege Tata Steel Europe mit seinem Gewinn zu Ende März bei etwa 500 Millionen Euro und damit 28 Prozent unter dem Stand Ende Juni 2017, also kurz vor der Gemeinschaftsvereinbarung. ThyssenKrupps Einheit habe den entsprechenden Wert dagegen seither um 38 Prozent gesteigert.

Elliott gegen 50:50-Konstruktion

Zwar hätten die beiden Firmen schon im September unterschiedliche Bewertungen konstatiert und ThyssenKrupp dürfe daher mehr Schulden einbringen. Aber Elliott sehe wegen der unterschiedlichen Geschäftsentwicklung noch einmal eine Bewertungsverschiebung von 1,9 Milliarden Euro.

Wollte man die 50:50-Konstruktion aufrechterhalten, müsse Tata nach dieser Rechnung eben jenen Betrag als Ausgleich zahlen oder entsprechend weniger Schulden einbringen oder Thyssen-Krupp entsprechend noch einmal mehr Schulden auf das JV abladen.

Ansonsten müsste Thyssen-Krupp der Kalkulation zufolge 82 Prozent des Gemeinschaftsunternehmen erhalten, Tata Steel Europe 18 Prozent. Unter Berufung auf ThyssenKrupp-Kreise berichtete die "FAZ", man sei sich der veränderten Bedingungen seit September bewusst. Die von Elliott berechnete Differenz sei aber viel zu hoch.

(red, Reuters/APA)