Plattformökonomie

„Technische Marktführerschaft wird es nicht mehr geben“

Das Linz Center of Mechatronics will technisches Wissen in Software gießen. Dann sollen nicht mehr allein Ingenieure, sondern Computer neue Maschinen, Motoren und Prozesse entwickeln – auf Knopfdruck und in beeindruckend kurzer Zeit.

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Bei einem vorschnellen Blick könnte man fälschlicherweise meinen: Hier soll die freie Marktwirtschaft abgeschafft werden. Denn die Idee, an der unter anderem auch das Linz Center of Mechatronics LCM arbeitet, scheint mit vielem, was wir bislang über technischen Wettbewerb wussten, unvereinbar.

„Auf längere Sicht gesehen wird technisches Wissen in Software abgebildet sein. Dadurch entsteht die Möglichkeit, dieses Wissen auch als Service anzubieten. Jeder Interessent wird es auf Plattformen abrufen und nutzen können. Technische Marktführerschaft in der Art, wie wir sie heute kennen, wird es dann nicht mehr geben“, sagt der Geschäftsführer von LCM Gerald Schatz. Als Vergleich bringt er die Welt der Textverarbeitung. „Dort ist es schon heute so. Kein Unternehmen der Welt würde auf die Idee kommen, selbst ein eigenes Textverarbeitungsprogramm zu schreiben. Von ein paar Exoten abgesehen, existiert eigentlich auf der ganzen Welt nur noch ein einziges solches Programm, das alle User nutzen.“

Eine Lösung für alle

Wie Schatz ist auch sein Geschäftsführer-Kollege Johann Hoffelner überzeugt, dass es solche allgemein zugänglichen Lösungen in Zukunft nicht nur bei unterstützenden Prozessen wie der Buchhaltung oder eben Textverarbeitung geben wird, sondern auch bei den Kernthemen eines Unternehmens. Im Bereich von integrierten elektrischen Antriebssystemen ist das zum Teil schon heute der Fall. Eine vom LCM implementierte Plattform beweist es. Der User braucht neben dem Grunddesign nur Parameter wie etwa Drehzahl, Drehmoment, Baugröße und Leistung eingeben und der entsprechende Antrieb wird auf der Plattform per Software voll automatisiert designt und optimiert. Möglich ist das, weil auf der Plattform alle relevanten Entwickler ihr Wissen in Form von Algorithmen teilen und für andere zugänglich machen.

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„Natürlich hat es am Anfang Überzeugungsarbeit gebraucht, um die entscheidenden Player zum Mitmachen zu bewegen. Andererseits tritt bei solchen Plattformen recht schnell ein Dominoeffekt ein, ab dem sich ein Anbieter von Komponenten oder Teillösungen gar nicht leisten kann, nicht dabei zu sein“, erzählen Bernhard Bergmair und Johannes Klinglmayr, beide für Strategie und Business Development bei LCM zuständig. Zumindest im DACH-Raum hat die von LCM entwickelte Lösung daher schon einen beträchtlichen Verbreitungsgrad. Rund 200 Anwender zeigen großes Interesse daran. Inzwischen arbeiten die Linzer, vorerst intern, an einer weiteren Design-Plattform, diesmal für Hydraulik-Lösungen.

Neue Geschäftsmodelle

Für die Produktionswelt der Zukunft werden Plattformen, auf denen technisches Wissen digitalisiert verfügbar gemacht wird, einen Wandel von kaum noch absehbarem Ausmaß bedeuten. Wenn jede Konstruktion, jeder chemische Prozess, jeder metallurgische Prozess in Software abgebildet und zugänglich ist, dann kann sich, zumindest theoretisch, jedes Unternehmen der Welt per Mausklick den technisch bestmöglichen Motor, die technisch bestmögliche Maschine, den technisch bestmöglichen Werkstoff berechnen lassen.

„Wissensintensive Prozesse in Software abzubilden, meint allerdings nicht, dass in Zukunft alle Unternehmen gleich sein werden“, beruhigt Johann Hoffelner. „Während Anbieter heute aber ihre USP noch vielfach darin sehen, technisch bessere Lösungen als die Konkurrenz zu liefern, werden wir in Zukunft noch stärker als heute den Trend erleben, dass Unternehmen ganz genau die Bedürfnisse ihrer Kunden kennen werden und ihnen dann von sich aus die individuell optimierte Lösung anbieten. Im Optimalfall noch bevor der Kunde selbst ein konkretes Bedürfnis identifiziert hat.“

Ein TÜV für Algorithmen

Vieles an der zukünftigen Entwicklung ist freilich noch offen, etwa die Kosten, mit denen der Zugang und die Einbindung in digitalisierte Wissensdrehscheiben verbunden sein werden. Können die Kosten relativ niedrig gehalten werden, dann genügt, bildlich gesprochen, ein Computer im Nirgendwo, um Know-how an die Weltmarktführer in jeder beliebigen Branche anzubieten. Werden die Kosten hingegen eher hoch sein, dürfte das die Entstehung von Monopolen fördern.

Wenn auf Konstruktionsplattformen das digitalisierte Wissen verschiedenster Akteure zusammengefügt wird, stellt sich aber auch die Frage nach dem Abrechnungsmodus. „Die Entscheidung darüber, wie lizenziert wird, wird sehr stark mitbestimmen, ob solche Lösungen angenommen werden“, urteilt LCM-Geschäftsführer Schatz. Er ortet aber auch noch eine weitere organisatorische Herausforderung: Viele Anbieter werden für zukünftige Plattformen zwar möglicherweise Algorithmen zur Verfügung stellen, aber nicht unbedingt das gesamte dahinterliegende Wissen und die Entstehungsgeschichte des Algorithmus offenlegen wollen. „Es wird daher Zertifizierer geben müssen, die Zugang zu allen Daten haben, und dann bestätigen, dass der Algorithmus tatsächlich das leistet, was sein Anbieter verspricht.“

Die Chancen, die ein Zusammenführen von Wissen unterschiedlichster Herkunft zu einem einzigen System bietet, sind allerdings derart groß, dass die organisatorischen Hürden ziemlich sicher bald gelöst werden. „Ein einzelner Mensch, aber auch eine Gruppe von Menschen können heute das für viele Prozesse nötige Wissen nicht optimal verwalten und einsetzen, weil es zu komplex geworden ist“, sagt Johann Hoffelner.

Noch mehr Kreativität

Übernehmen Computer die Aufbereitung des vorhandenen Wissens, dann bleibt dem Menschen mehr Zeit, um kreativ zu sein und dabei möglicherweise auch zu völlig neuen Einsichten zu kommen. „Schon in der Vergangenheit ist ja sehr viel an technischem Fortschritt durch Herumexperimentieren zustande gekommen, in Zukunft werden wir genau dafür wieder mehr Zeit haben“, sagt Hoffelner.

Bei vielen österreichischen Unternehmen ist das Interesse an dem Plattform- Thema jedenfalls groß. LCM, das dazu Workshops in Form von sogenannten Open-Foresight-Expeditionen veranstaltet, kann das bestätigen. Zwei solcher Expeditionen gingen bereits über die Bühne und konnten jede Menge österreichischer Industrie-Prominenz anziehen wie etwa Engel, Fronius, Greiner und Voestalpine Stahl sowie auch Vertreter anderer Branchen wie Atos, die Energie AG, Fabasoft und Oberbank. Die dritte Expedition startet demnächst und soll bis Ende 2020 dauern.