Transformation

Stiwa-Advanced-Products-Chef Brandmayr: "Wir müssen kurzzyklischer denken"

Wegbrechende Umsätze im Automobilbereich will das Stiwa-Zulieferwerk Gampern durch Neugeschäft in der Unterhaltungsindustrie auffangen. Der Wandel durch Advanced-Products-Chef Josef Brandmayr ist eingeleitet. 

Von

"Wir generieren heute 100 Millionen Euro Umsatz mit Produkten, die allesamt spätestens 2030 nicht mehr benötigt werden."
Josef Brandmayr, Geschäftsführer Advanced Products, Stiwa

INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Brandmayr, Sie leiten seit 2019 die Produktionsbereiche in der Stiwa-Gruppe. Jetzt gibt es da von Ihnen eine ziemlich radikale Ansage: Ein Drittel des abschmelzenden Automotive-Umsatzes soll bis 2025 durch Neugeschäft außerhalb der Fahrzeugwelt kompensiert werden. Ein worst-case-Szenario oder mehr nüchterne Bestandsaufnahme? 

Josef Brandmayr: Es geht nicht darum, schon 2021 oder 2022 große Umsätze mit den neuen Themen zu machen. Aktuell sind die Abrufzahlen im Zuliefergeschäft und die daraus generierten Umsätze stabil hoch. Aber man darf sich nicht täuschen lassen. Wir arbeiten aktuell mit 100 Millionen Euro Jahresumsatz an Themen, die allesamt spätestens 2030 nicht mehr benötigt werden. Lenkungskomponenten, die durch Steer-by-wire ersetzt werden und Getriebekomponenten, die die E-Mobilität substituiert. Dafür treffen wir Vorbereitungen. Wir müssen mit völlig neuen Ideen außerhalb der Autoindustrie punkten. 

Zu den neuen Produkten für die Consumerwelt zählen Lösungen, wie man sie sonst eher nur von Technologiegiganten kennt. Darunter ein haptisches Bedienelement für die Gamingindustrie. Wie landet man so einen Wurf? 

White Paper zum Thema

© www.stiwa.com

Mitarbeiter im Stiwa-Zulieferwerk Gampern nach Verleihung des Volkswagen-Group-Awards 2020

Brandmayr: Das Gamingumfeld ist hochinnovativ und deshalb haben wir es ausgewählt: Der MRF(magnetorheologische Flüssigkeit, Anm.)-Technologie, auf der wir aufsetzen, nur ja kein verstaubtes Image zu verpassen, war der Gedanke. Es gab schnell sehr positive Rückmeldungen von wirklich großen Playern aus der Spieleindustrie.  

Um die Innovation voranzutreiben, gründeten Sie mit der Montafoner Technologieschmiede Inventus das Startup Xeeltech. Warum dieser Schritt - und nicht etwa der Aufbau eines Inhouse-Inkubators?

Brandmayr: Wir wollen neue Ansätze von der Technologie- als auch der Marktseite gleichermaßen hereinbekommen. Wir können sehr, sehr viel, aber wenn man unsere Stärken mit jenen anderer kombiniert, kommt etwas viel besseres heraus. Inventus ist als Innovationsschmiede ein Begriff, hier passieren richtig coole Dinge. Und durch die Zusammenarbeit kommt diese Coolness in die Serienprodukte. Gemeinsam gründeten wir die Firma Xeeltech. Und machen etwas, was man laut Lehre eigentlich nicht machen darf, weil die Gefahr besteht, viel Geld zu versenken: Wir setzen auf neue Technologie, neue Kunden, neue Märkte.

Das klingt nach Druck. Im Vorjahr stockten Sie Ihre Entwicklertruppe um ein Viertel auf, während andere auf die Bremse traten. 

Mitarbeiter des mit Inventus gegründeten Startups Xeeltech

Brandmayr: Wir sind mit dem Unterfangen schon sehr weit. Aktuell arbeiten wir bereits mit 30 Kunden beziehungsweise potenziellen Kunden zusammen. Die Erfolgsaussichten, dieses Produkt umfassend in Großserie zu bringen, sind daher extrem vielversprechend. 

Auch andere Einsatzfelder sind mit der Technologie möglich. Das Revolutionäre liegt also auch in der Fülle an Möglichkeiten...

Brandmayr: Ja. Die Technologie ist tatsächlich in allen Lebensbereichen von Modern Living über New Mobility, Gaming bis Smart Home Lösungen einsetzbar. Ich denke da beispielsweise an revolutionäre Bedienkonzepte, etwa für Maschinensteuerungen in der Industrie bis zu intuitiven Bedienelementen im Haushalt oder an innovative Lenk- oder Sicherheitsysteme in der Mobilität. 

Ende des Vorjahrs lief die Vorserienfertigung für Kunden aus der Gamingindustrie und einen Industriesteuerungshersteller. Verbauen Sie die Teile Stand heute bereits in Serie? 

Brandmayr: Für die Bedienung von Werkzeugmaschinen werden Stand heute Serienteile in in kleineren Mengen verbaut, der Anlauf ist natürlich ein flacher. Für die Gamingindustrie starten wir heuer im zweiten Quartal die Serienproduktion. 

Ein neues Produkt spült sehr unmittelbar Kapazitäten in ein Werk. Wie flexibel ist eine Autoteile-Produktion eigentlich umrüstbar?

Brandmayr: Kurzfristig besteht keine Notwendigkeit, Maschinen im großen Stil umzurüsten, die konventionelle Teileproduktion ist mittelfristig gesichert. Wichtiger als neues Produktionsequipment wie Investitionen in neue, große Serienanlagen ist es, am Mind-Set der Mitarbeiter zu investieren. Wir müssen viel kurzzyklischer werden, wegkommen von den Zehnjahreszyklen in der Zulieferindustrie. Entscheidend ist die positive Emotionalisierung der Mitarbeiter - egal ob in der Entwicklung oder Produktionsplanung. 

Wie schnell geht so etwas? 

Brandmayr: Uns helfen enorm quick wins. Ich meine keine kaufmännischen quick wins, keine schnellen Umsätze oder Investitionsförderungen. Sondern solche, die die Emotion schüren. Unser Besuch auf der Unterhaltungselektronikfachmesse CES in Las Vegas 2019 war so ein quick win. Das spornt an, an die Grenzen zu gehen. 

Als Aussteller der CES wird man von der alteingesessenen Industrie wohl hauptsächlich noch belächelt....

Brandmayr: Die mitteleuropäische Industrie war über Jahrzehnte höchst erfolgreich, und ist es nach wie vor. „More oft the same“ wird aber nicht die Zukunft sein. Auf der CES waren afrikanische Gemeinschaftsstände vertreten, asiatische sowieso. Nicht vertreten waren aber im Startup-Bereich deutsche oder österreichische Länderstände. Das stimmt bedenklich. Wir müssen weg vom Einzelkämpfertum zu netzwerkartigem Agieren. 

Das heißt, die Mentalität der kontinuierlichen Verbesserung, eigentlich eine Ingenieurstugend, hat sich in Teilen überlebt? 

Brandmayr: Bei den neuen Themen in der Advanced Products reicht KVP nicht mehr aus. Es braucht Innovation durch Disruption. Wir müssen wirklich an die Grenzen gehen, um Quantenspünge zu schaffen.

STIWA, Group, Brandmayr © STIWA Group / JOHANNA PÖCHTRAGER

Stiwa-Advanced-Products-Chef Josef Brandmayr mit Bedienelement Hapticore

2010 schaffte Stiwa die Etablierung als Tier-One-Lieferant für den VW-Konzern, elf Jahre später braucht es die Transformation vom Zulieferer zum Endprodukthersteller. Hätten Sie gedacht, dass dem klassischen Autobau so wenig Zeit bleiben wird?

Brandmayr: New Mobility wird auch in Zukunft ein wesentlicher Faktor für uns sein. Allerdings werden wir nicht auf die Batteriefertigung fokussieren, sondern wollen bei neuen Konzepten, bei denen wir selbst Trends setzen können, ganz vorne dabei sein – beispielsweise bei elektromechanischen Bremsen, innovativen Bedien- oder Sicherheitssystemen.

Strahlt der eingeleitete Wandel im Zuliefergeschäft eigentlich auch auf die Automatisierungsschwester ab, die rund 2/3 Drittel des Konzernumsatzes generiert? 

Brandmayr: Die neuen Zugänge in der Stiwa Advanced Products haben auch für die Automatisierung Auswirkungen – mit produktiven Diskussionen, wie die Lösungen der Zukunft aussehen könnten. Michael Fuchshuber ist seit Jahresende neuer Geschäftsführer der Stiwa Automation. Mit ihm teile ich nicht nur viele Ansichten, sondern wir haben auch gemeinsam vor über 20 Jahren, 1999, im Unternehmen begonnen. Dieser gemeinsame Werdegang schweißt natürlich zusammen.

ZUR PERSON
Josef Brandmayr, 44, 

ist seit 2019 CEO der Stiwa Advanced Products. Der ausgebildete Betriebswirt ist seit über 22 Jahren im Unternehmen, er startete 1999 im Bereich Controlling. Beim Aufbau des Produktionsstandorts Gampern 2002 war Brandmayr aktiv involviert. Seit 2019 ist Brandmayr Geschäftsführer der Stiwa Advanced Products und des neu gegründeten Joint-Ventures Xeeltech. Dabei zeichnet er für die Produktionsbereiche der Stiwa Group sowie für die Entwicklung neuer, innovativer Serienprodukte verantwortlich. Josef Brandmayr ist verheiratet und Vater von drei Kindern.