Stahlindustrie

Stahlindustrie gegen zu schnellen Ausstieg aus der Kohle

Die deutsche Stahlindustrie warnt vor einem zu schnellen Ausstieg aus der Kohle: Mit dem drohenden Anstieg der Strompreise wäre die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt massiv gefährdet.

Die Stahlindustrie in Deutschland hat vor einer raschen Stilllegung der Kohlekraftwerke gewarnt. Ein Ausstieg aus der Kohleverstromung dürfe der Industrie nicht schaden und sollte nicht übereilt erfolgen, sagte der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff.

Stahlindustrie weltweit rechnet für 2018 mit starkem Plus

Weltweit rechnet die Branche für das laufende Jahr noch mit einem kräftigen Anstieg der Stahlnachfrage um 3,9 Prozent auf knapp 1,7 Mrd. Tonnen. Vor dem Hintergrund der steigenden Risiken etwa durch Handelskonflikte geht sie jedoch für 2019 nur von einem leichten Plus von 1,4 Prozent aus.

Gleichzeitig machen den Herstellern Überkapazitäten zu schaffen, die sich nach Schätzungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf mehr als 500 Mio. Tonnen belaufen. Vor allem chinesische Hersteller werfen viel billigen Stahl auf den Weltmarkt.

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Hohe Zusatzkosten wegen teurem Strom

Durch den damit verbundenen Anstieg der Strompreise wären Zusatzkosten für die Stahlindustrie von 140 bis 220 Mio. Euro im Jahr zu erwarten. Um die internationale Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Branchen wie der Stahlindustrie nicht zu gefährden, müssten solche Strompreissteigerungen auf geeignete Weise ausgeglichen werden, forderte er.

Der energiehungrigen Stahlindustrie machen seit Jahren neben den Überkapazitäten und Billigimporten aus Asien immer schärfere Klimaschutzauflagen zu schaffen. Eine von der Bundesregierung einberufene Kommission soll bis Ende des Jahres einen verbindlichen Fahrplan für ein Ende der Kohleverstromung vorlegen. Die Interessen der energieintensiven Industrie seien dabei bisher nicht ausreichend berücksichtigt worden, kritisierte Verbandspräsident Kerkhoff.

Der Lobbyist äußerte sich anlässlich des 1. Nationalen Stahlgipfels in Saarbrücken. Zu dem Treffen in Saarbrücken werden Vertreter der Branche sowie der Landesregierungen aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und dem Saarland erwartet. Gerechnet wird auch mit IG-Metall-Chef Jörg Hofmann, der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Kerkhoff.

Industrie will, dass Verschmutzungsrechte billig bleiben

Ziel sei es, für die Stahlindustrie zu kämpfen, hieß es. Wie das "Handelsblatt" und die "Süddeutsche Zeitung" berichteten, wollen sich sechs Länder bei der EU-Kommission und der deutschen Regierung für Entlastungen im Emissionsrechtehandel einsetzen. Das geht aus einer gemeinsamen Erklärung hervor, die auf dem Stahlgipfel verabschiedet werden soll. Konkret geht es um die deutschen Bundesländer Brandenburg, Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und das Saarland.

Hiesige Stahlhersteller stünden vor "immensen Herausforderungen", zitierte auch die "SZ" aus dem Papier. Die Länder fordern, dass die EU der Stahlindustrie mehr CO2-Emissionsrechte kostenlos zuteilen sollte, um vergleichsweise klimafreundliche Werke in Deutschland zu stärken. Außerdem sollten Stahlhersteller "vollumfänglich" dafür kompensiert werden, dass Strompreise wegen der teureren Emissionsrechte steigen.

Auch Gewerkschaft gegen weitere Verschärfungen

IG-Metall-Chef Hofmann erwartet von dem Bündnis Impulse: "Die Stahlallianz soll deutlich machen, dass es gemeinsame Anstrengungen von Unternehmen und Politik braucht, damit die Branche im Wettbewerb dauerhaft bestehen kann." Der Gewerkschafter sieht die Stahlindustrie vor Herausforderungen: durch ein Überangebot auf dem Weltmarkt, durch Klimaschutz und Emissionshandel sowie durch die Digitalisierung.

Der "Welt" sagte Kerkhoff vor dem Treffen in Saarbrücken, die Politik müsse auch die steigenden Klimaschutz- und Energiekosten der Betriebe im Auge haben: "Im kommenden Jahrzehnt drohen der Stahlindustrie in Deutschland allein durch den Kauf von Zertifikaten im Rahmen des EU-Emissionsrechtehandels Zusatzkosten von insgesamt 3,5 Milliarden Euro. Hinzu kommt der Anstieg der Stromkosten."

Auch Roland Döhrn vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) sieht zunehmende Risiken für die Branche in Deutschland. "Vielleicht hat das massive Problem schon angefangen, und wir haben es noch nicht mitbekommen", sagte er. Angesichts des Wandels der Autoindustrie zur E-Mobilität müsse die Stahlbranche im laufenden Jahr mit einem Produktionsrückgang rechnen, meinte er. 2017 hatten die deutschen Hersteller noch rund 42,7 Mio. Tonnen Stahl produziert.

"Wir brauchen die Stahlindustrie mehr denn je"

Stahlverbandspräsident Kerkhoff wies zudem auf die unter US-Präsident Donald Trump eingeführten Zölle auf Stahl aus Europa hin. Er betonte die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Branche: "Die Stahlindustrie in Deutschland ist Basis erfolgreicher industrieller Cluster in den Regionen und darüber hinaus." Der Staatssekretär im NRW-Wirtschaftsministerium, Christoph Dammermann, unterstrich ihren Stellenwert für die Sicherung von Zehntausenden von Arbeitsplätzen. "Wir brauchen die Stahlindustrie mehr denn je", sagte er. (Reuters/dpa/AFP/APA/red)