Expertendiskussion

"Die Kommunen wollen die Smart City"

Fünf Experten sprechen über Bürgerbeteiligung, Technikverliebtheit und Eigenverantwortung auf dem Weg zur smarten Stadt und welche Voraussetzungen Bürgermeister schaffen können, um ihrer Gemeinde Nachhaltigkeit zu verleihen.

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Was bedeutet smart im Zusammenhang mit künftiger Energieversorgung?

Schwarz Wir können nicht davon ausgehen, dass künftige Energiemärkte so statisch und stabil wie heute sind. Die Umweltrahmenbedingungen werden nicht mehr so vorhersagbar sein. Energiesysteme, die an diese neuen Bedingungen der dezentralen Erzeugung angepasst sind, sind keine Systeme, die zentral aufrechterhalten werden. Weil einerseits erneuerbare Energien volatil sind – manchmal wird mehr und manchmal weniger produziert – und weil andererseits die neuen Technologien, die diese Energiesysteme steuern, auch auf eine neue Art verwundbar sind. Etwa bei Hackerangriffen.

Wie kann man das vermeiden?
Schwarz Das ist eine Frage der Resilienz. Da brauchen wir Einheiten, die autonom sein können, die aber auch miteinander vernetzt sind. Eine technische Autonomie, sodass ich einerseits schlechter verwundbar bin und andererseits flexibler reagieren kann und drittens nicht nur auf einen Energieträger abziele, sondern auf eine Vielfalt von vorhandenen Möglichkeiten. Wir müssen uns von dieser Sichtweise, dass alles zentral gesteuert sein muss, verabschieden. Das heißt, es gibt dann nicht nur eineStromregelung in Österreich, die entsprechend verwundbar ist. Ein Hackerangriff kann dann vielleicht mal Wien eine Zeit lang lahmlegen, aber der Rest Österreichs dürfte davon weitgehend unberührt sein. Legt man heute die Wiener Stromversorgung lahm, bricht das gesamt Stromnetz Österreichs und Deutschlands zusammen.

Das wird die Rahmenbedingungen für bestehende Energieversorger kräftig Durcheinanderwirbeln.
Riegler Ja, aber davor muss man sich nicht fürchten – im Gegenteil. Ein Energieversorger soll nicht nur Kilowattstunden verkaufen, sondern auch Nutzen stiften. Wenn ein analoger Kamerahersteller nicht weiß, wie man Digitalfotografie macht, dann wird er relativ rasch vom Markt verschwinden. 
Stieldorf Ich glaube, dass es nicht nur um Dezentralisierung geht, sondern auch um die Eigenverantwortung von Nutzern. Der Nutzer ist immer noch ein unbekanntes Wesen, und da gibt es noch viele ungehobene Potenziale. Der Nutzer braucht Unterstützung, einen Anreiz, braucht auch Serviceleistungen, um sich so zu verhalten, wie es dann sinnvoll ist. 
Schuller Und Menschen brauchen Unterhaltung. Wir alle werden gerne unterhalten, auch mit diesen Dingen. In der Kombination aller Aspekte wird die Technologie angenommen werden.
Schwarz Und das bietet eine große Chance, weil ich mich plötzlich damit befasse und mich einbringen kann. In Realtime über die sozialen Netzwerke.

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Eine wesentliche Frage dezentraler Energiesysteme ist das Thema der Speicherung – etwa von Strom, der aus Photovoltaik gewonnen wird.
Schuller Wir haben in Hartberg ein großes Fernwärmenetz, viele Photovoltaikanlagen, eine Gasversorgung und einen regionalen Energiedienstleister. Dieser versucht aktuell in einem Smart-City-Projekt diese Energieformen möglichst effektiv zu kombinieren. Aber wir möchten da möglichst ohne zusätzliche Speicher auskommen, sondern die Energie in vorhandene Wärmesenken speisen, etwa als Warmwasser, in die speichernde Betondecke oder in den Estrich. Diesen Gedanken gibt es bei uns schon lange, was uns noch fehlt, ist ein leistungs- und zeitabhängiges Tarifmodell. Damit kann man dann Anreize für einzelne Hausbesitzer oder Unternehmen schaffen, damit sie als Zwischenspeicher fungieren und sich den Mehraufwand für Technik und Koordination antun.
Schwarz Wir haben heute schon in jedem Haushalt so ein Speichersystem: Das ist der Kühlschrank. Dem ist es relativ egal, ob er jetzt Energie gibt oder in 15 oder 30 Minuten. Jetzt stellen Sie sich mal das Potenzial vor, wenn man alle Kühlschränke in Österreich intelligent vernetzen könnte. Damit könnte man genau dieses Trägernetz zur Energiezwischenspeicherung schaffen.
Riegler Das ist ein sehr gutes Beispiel für die notwendige smarte Verzahnung, die heute noch fehlt. Für die notwendige Koordination, denn man braucht die privaten Haushalte, die Hersteller der Kühlschränke, die Stromversorger, jene, die die Smart Meter vertreiben, und jene, die die Software schreiben. Das sind viele Einzelinteressen, die zusammenspielen müssen, um so ein Projekt umzusetzen.

Sie haben den Smart Meter angesprochen. Er soll die notwendige Vernetzung bringen, auch im Sinne bidirektionaler Netze, also wo der Strom in beide Richtungen fließen kann, je nachdem, wo er gebraucht wird. Viele Menschen fürchten sich vor dieser Vernetzung ihres Heims, fühlen sich verwundbar.
Riegler Diese Sorgen kann ich nicht ganz nachvollziehen. Ich verstehe das Thema, aber wenn ich heute Geld auf meinem Bankkonto habe, dann ist das ja auch dort digital gespeichert. Ich kenne keine Bank, die im Internet vollkommen abgeschottet ist, und die meisten Menschen vertrauen der Bank ihr gesamtes Vermögen an. Wenn ich da Sorge hätte, müsste ich alles in Frage stellen, was man in anderen Bereichen schon seit Jahrzehnten macht.

Was wird uns der Smart Meter bringen?
Riegler Der bringt uns nur Nutzen, wenn er flächendeckend eingeführt wird, über die Vernetzung. Dann kann ich als Energieversorger vom Kunden wieder Strom zurückbekommen. Ein Beispiel: Ein Kunde hat sein Elektroauto aufgeladen, braucht es aber nicht. Dann kann ich diesen Speicher in Zukunft nutzen und bei Bedarf das Auto entladen.
Schwarz Man darf nicht vergessen, Technologie ist ein Bestandteil der Lösung, aber nicht der generischen Problemstellung. Wir glauben immer noch – das kommt aus den Zeiten des raschen Wirtschaftswachstums der 60er, 70er und zum Teil der 80er Jahre –, dass Technologie ein zentraler Faktor wäre in der Systemsteuerung. Ist er aber nicht. Es stellt sich die Frage der Angepasstheit und Angemessenheit. Auch ein Hammer kann smart sein, wenn er richtig eingesetzt wird.
Schuller Ich denke auch, dass es zu wenig ist, nur möglichst viel Technik ins Haus hineinzubringen, möglichst viel Technik im Auto zu haben, im öffentlichen Raum, wo auch immer. Nur damit Technik drinnen ist, nur damit das Ganze als smart empfunden wird, aber eigentlich keinen Nutzen in ökologischer Hinsicht hat.
 

Heißt das, aus technologischer Sicht kann Smart City auch ein Schritt zurück sein?
Schwarz Ja, aus der Sicht des früheren Fortschrittdenkens ist das ein absoluter Rückschritt. Wir sprechen von angepassten Technologien, nicht nur von Spitzentechnologie, sondern einer Technologie, die an die Situation angepasst ist.
Riegler Das ist eigentlich der große Schritt, den wir jetzt bewältigen müssen, uns von dieser reinen Technologiesicht und von dieser reinen Sicht des Einzelnen zu lösen. Zu sagen, wie können wir alle Möglichkeiten, die wir jetzt schon haben, technologisch, aber auch gesellschaftlich und sozial, gut kombinieren, um niederschwellig und nutzenstiftend Lösungen zu finden. Und das braucht aber auch eine große Anstrengung in der Koordination der einzelnen Bausteine. Die Frage ist letztlich, wer erbringt diese Vorleistung, das alles richtig zusammenzufügen? 
Dankl Ich würde sagen, dass auch die Energieversorgungsunternehmen da eine ganz zentrale Rolle haben. Mit dem Energieeffizienzgesetz muss dem Kunden die Effizienz und das Energiesparen nahegebracht werden, aber eigentlich wäre es ja die Aufgabe, Energie zu verkaufen. Es sind viele Rollen im Umbruch, und die Energieversorger müssen sich erst wieder neu definieren und neu finden. Als künftige Betreiber von Smart Grids und bidirektionalen Netzen. Bis das dann wirklich funktioniert und die Leute ihre Rollen gefunden haben, das wird noch eine Weile dauern.
Schwarz Das liegt natürlich auch an der öffentlichen Hand, würde ich sagen. Dazu gibt es die Kommunen, die lernen auch dazu, die wollen die Smart City, die werden auch besser verstehen, was smart ist, im Kontext der Smart City. Das ist Learning by Doing und das ist natürlich oft zwei Schritte vor und einer zurück.
Riegler Die Vorleistung der Koordination der einzelnen Bausteine hat keinen unmittelbaren ökonomischen Wert. Daher sind die Kommunen gefordert, hier in Vorleistung zu treten. Die Frage ist nur, wer bezahlt diese Vorleistung auch den Kommunen bzw. gibt es einen Anreiz, ohne diese Bezahlung in Vorleistung zu gehen?