Hintergrund

Siemens: Der stille Abschied des Joe Kaeser

Wegen der Coronakrise wird Joe Kaeser seine letzte Bilanzpräsentation ohne vor Ort anwesendes Publikum abhalten. Kaeser, seit über 40 Jahren bei Siemens und seit sieben Jahren an der Konzernspitze, hat in seiner Amtszeit einen gigantischen Umbau des Industrieriesen durchgedrückt - der alles andere als unumstritten war.

So hätte sich Joe Kaeser seinen letzten großen Auftritt als Siemens-Chef vor der Presse sicher nicht vorgestellt. Coronabedingt wird er zusammen mit seinem Nachfolger Roland Busch und mit Ralf Thomas, seinem treuen Begleiter als Finanzvorstand, allein im großen Auditorium am Wittelsbacherplatz in München sitzen. Mit den Journalisten können sie sich nur über Video unterhalten.

Die Aufgaben in der virtuellen Bilanzpressekonferenz sind klar verteilt: Kaeser ist für das abgelaufene, von der Coronakrise geprägte Geschäftsjahr zuständig, Busch, der erste Ingenieur an der Siemens-Spitze seit 28 Jahren, spricht über die Zukunft des Unternehmens, das sich unter seiner Ägide wieder vom Industrie- zum Technologiekonzern wandeln soll.

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Operativ hat schon Roland Busch das Sagen

Kaeser darf sich zwar noch bis zur Hauptversammlung am 3. Februar 2021 Vorstandschef nennen, doch operativ hat Busch schon seit 1. Oktober allein das Sagen. Die Vorstandssitzungen, in denen es zwangsläufig mehr um die Zukunft geht, leitet schon der bisherige Technologievorstand. Kaesers Verantwortung umfasst nur noch die abgespaltene Energiesparte Siemens Energy, deren Aufsichtsratschef er seit dem Börsengang Ende September ist. Der eigentümliche Übergang ist dem Ego Kaesers geschuldet, der lange mit einer Vertragsverlängerung kokettiert hatte. Weiters dazu: Bei Siemens entscheidet nun Roland Busch >>

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Gigantischer Konzernumbau

Was von dem 63-jährigen Niederbayern nach mehr als 40 Jahren in Diensten des Konzerns und nach gut sieben Jahren an dessen Spitze bleiben wird, ist der größte Umbau der Firmengeschichte seit der Fusion der drei selbstständigen Siemens-Gesellschaften zur Siemens AG in den 1960er Jahren: Die Lichttechnik-Tochter Osram hatte er als Finanzvorstand, kurz vor dem Wechsel auf den Chefsessel, abgespalten und an die Börse gebracht. Mit der Abgabe von Bosch Siemens Hausgeräte an den langjährigen Partner Bosch kappte Kaeser die letzte Verbindung von Siemens zum Verbraucher. Die Erlanger Medizintechnik-Tochter Siemens Healthineers ist seit zwei Jahren an der Börse und dort fast 40 Mrd. Euro wert.

Während es dort um die großen Chancen ging, die die Sparte wahrnehmen können sollte, entledigte sich Kaeser mit Siemens Energy eines Problemfalls, der mit dem Umbau von Kohle und Gas zu erneuerbaren Energien vor großen Herausforderungen steht. Die Zukunftshoffnung, die Windkrafttochter Siemens Gamesa, schreibt noch tiefrote Zahlen. Der geforderte Ausstieg aus der Kohleverstromung schwebt als Damoklesschwert über dem Konzern.

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Von der Börse kommt für Abspaltungen Applaus

Nur logisch, dass die Siemens-Aktie Ende September kaum an Boden verlor, als mit Siemens Energy ein Drittel des Umsatzes und ein Viertel der Belegschaft abhandenkam. Kurzfristig fällt Kaesers Bilanz aus Sicht der Aktionäre positiv aus: Wer von ihnen die zugeteilten Siemens-Energy-Aktien behalten hat, hat - auch ohne den Kurssprung vom Montag - gut zehn Prozent mehr im Depot als vorher. Doch trotz allen Portfolio-Managements hinkt die Siemens-Aktie seit dem ersten vollen Geschäftsjahr unter Kaeser mit einem Kursplus von 46 Prozent dem Leitindex Dax um acht Prozentpunkte hinterher.

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Auftragseingang um viele Milliarden höher als zu Kaesers Amtsantritt

Dabei sieht die operative Bilanz gar nicht so schlecht aus: Der Auftragseingang lag im Geschäftsjahr 2018/19, dem letzten vor der Coronakrise und vor der Abspaltung von Siemens Energy, bei 98 Mrd. Euro, 16 Milliarden über dem Wert zu Kaesers Amtsantritt. Der Umsatz stieg auf 86,8 von 75,9 Milliarden. Der Nettogewinn erhöhte sich auf 5,6 von 4,4 Mrd. Euro, die Dividende kletterte um 30 Prozent auf 3,90 Euro je Aktie. Die Belegschaft wuchs trotz aller Verkäufe um 23.000 auf 385.000. Doch die Kapitalrendite - für den Finanzexperten Kaeser eine entscheidende Größe - sank auf 11,1 von 13,8 Prozent, gedrückt vor allem von Siemens Energy.

Die Coronakrise hat Siemens überraschend gut überstanden: Analysten zufolge dürfte es bei einem Umsatz von 53,2 Mrd. Euro - ohne Siemens Energy - zu einem Nettogewinn von fast vier (2018/19: 5,6) Mrd. Euro reichen. Das ist zwar mindestens eine Milliarde weniger als vor Beginn der Pandemie geplant, sieht aber weit besser aus als bei vielen Konkurrenten. Kaesers Abschied von den Aktionären könnte damit versöhnlich ausfallen - aber unpersönlich: Die Hauptversammlung 2021, das zeichnet sich bereits ab, wird nicht in der Olympiahalle stattfinden, sondern online. (reuters/apa/red)

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