Klimaschutz

Siemens-Chef Wolfgang Hesoun: "Wir sollten unsere Technik einfach verschenken"

Siemens-Österreich-Chef Wolfgang Hesoun überrascht mit einer neuen Idee zur Klimapolitik: Statt mit hohem Kapitaleinsatz in entwickelten Ländern geringe Klimaschutzeffekte zu erzielen, will er Umwelttechnologie lieber verschenken.

Von
Siemens Wolfgang Hesoun

Siemens-Chef Hesoun: "Wir haben beim Umweltschutz ein Niveau erreicht, wo es sehr viel Geld braucht um ganz geringe Verbesserungen zu erzielen".

Herr Hesoun, die Stimmung im Land ist schlecht. Was ist in den letzten Jahren schief gelaufen?

Wolfgang Hesoun Ich glaube nicht, dass man die aktuelle Stimmungslage an der Arbeit der Regierung oder an einzelnen Politikern festmachen kann. Und die Stimmung ist schlechter als die Lage. Wenn ich den Zustand unseres Landes unter die Lupe nehme, und mich auf die Fakten ohne Stimmungsfärbung konzentriere, dann stoße ich auf solide Fundamente und eine akzeptable Performance der Unternehmen. Der Ist-Zustand, der für mich einschätzbaren Wirtschaftsbereiche, ist gar nicht so schlecht.

Die WIFO-Werte sprechen gerade mal so von Stagnation …..

Hesoun Ich komme gerade aus einer Sitzung des Fachverbandes (der Elektro- und Elektronikindustrie, Hesoun ist Mitglied des Präsidiums, Anm. Red), in der ich mit vielen Unternehmensvertretern gesprochen habe. Da war von Niedergeschlagenheit keine Spur. Ergebnisse, Umsatz und Auftragsvolumina stimmen. Es gibt eine wirklich gute Auslastung und es sind Zuwachsraten zu verzeichnen, die so nicht zu erwarten waren. Wenn man die Zahlen hernimmt, gibt es für die Depression keine reale Begründung.

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Österreich ist nicht abgesandelt?

Hesoun Unsere Entwicklung ist – im Gesamten beurteilt – nicht problematisch und schon gar nicht abgesandelt. Diesen Spruch halte ich für eines der großen Probleme: Leute, die es eigentlich besser wissen sollten, äußern sich negativ zu Entwicklungen, die so desaströs nicht sind. Und sie machen dies alles aus politischen Gründen. Es ist kein Wunder, wenn jene, die die Lage nicht so detailliert beurteilen können, anfangen, sich Sorgen zu machen und das Vertrauen zu verlieren. 

Sie reden vom Wirtschaftkammerpräsident Leitl...

Hesoun Es gibt einige wenige, die mit derartigen Wortmeldungen in die Öffentlichkeit gehen. Es werden damit jene Ängste geschürt, die uns in das Stimmungstief geführt haben. Man kann wecken und man kann schrecken. Ich bin der Meinung, Schreck zu verbreiten hat nicht viel Sinn, noch dazu, wenn die Aussage in einer Situation fällt, in der Aufmunterung gefragt ist und kein Jammern. Das hat nichts mit kaschieren und zudecken zu tun. Situationen müssen verbessert und nicht zugespitzt werden – auch wenn man Politik machen will.

Also alles in Ordnung im Staate Österreich?

Hesoun Das sage ich nicht. Aber ich neige nicht zur Dramatisierung. Die Regierung muss dafür sorgen, dass sich die Situation bessert. Es ist für alle Bürgerinnen und Bürger wahrnehmbar, dass sich an der österreichischen Bürokratie nichts ändert. In den letzten Jahren und Jahrzehnten  wurde hier wenig unternommen. Auch die berühmte Verwaltungsreform ist nichts anderes als eine Fata Morgana. Wir erledigen in Österreich alles zehnmal – neunmal in den Ländern und einmal im Bund. Da hat sich nichts verbessert. Wir sehen keine Bewegung. Das ist für die Industrie und für die Wirtschaft extrem frustrierend.

Voestalpine-Chef Wolfgang Eder gilt als besonders pointierter Kritiker der österreichischen und europäischen Klimastrategie. Sollen Österreich und Europa  den Kampf gegen den Klimawandel zugunsten günstiger Produktions- und Energiekosten überdenken?

Hesoun Die Betroffenheit der voestalpine als energieintensives Unternehmen ist in allen Fragen des Klimaschutzes überproportional. In seiner speziellen Betroffenheit hat jeder Recht. Die voestalpine hat in den letzten Jahren sehr viele zusätzliche Lasten übernehmen müssen. Wenn man die Ergebnisse des Klimagipfels in Paris analysiert, sieht man, dass man wieder nur auf regionale Maßnahmen abstellt. In Europa haben wir im Bereich des Klima- und Umweltschutzes bereits ein Niveau erreicht, wo es sehr viel Geld braucht, um vergleichsweise geringe Verbesserungen zu erzielen. Wenn ich das Thema aber global betrachte, könnten wir mit diesen Mitteln außerhalb Europas und Nordamerikas weitaus mehr erreichen. Vereinfacht formuliert: Wir könnten den Entwicklungs- und Schwellenländern die Umwelttechnologie schenken, wenn im Gegenzug die österreichische Wirtschaft entlastet und die Unternehmen die Lieferung der Technologie übernehmen könnten.

Das würde für das Weltklima einen ungleich bedeutenderen Vorteil bringen als wenn ich in Europa mit einem hohen Mitteleinsatz die letzten Nanogramm aus einem bereits fortgeschrittenen System raushole. Mir fehlen hier die Relationen. Die Konsequenzen der aktuellen Strategien richten sich gegen den Industriestandort Europa und Österreich, ohne dass dem Weltklima geholfen ist.

Ist es nicht naiv, Klimaschutzmaßnahmen von wirtschaftlichen Wettbewerbspositionen abhängig zu machen?

Hesoun Mir ist die Problematik schon bewusst, dass die Umsetzbarkeit von Klimaschutzbestimmungen schwindet, je mehr Staaten eingebunden sind. Mindestens so naiv ist es aber, sich auf den eigenen Vorgarten zu beschränken und zuzuschauen, wie die Nachbarschaft das gemeinsame Problem marginalisiert oder es einfach aus eigener Kraft nicht lösen kann.

Also sollte die Klimastrategie verändert werden?

Hesoun In der beschriebenen Form, ja.

Österreich hat einen neuen Regierungschef, um den ein wahrer Hype ausgebrochen ist. Kann ein einzelner Mann so große Hoffnungen stemmen?

Hesoun Die Forderungen der österreichischen Industrie sind unabhängig von den handelnden Personen in der Regierung. Wir werden sehen, ob und wie sich die neue Besetzung mit unseren Problemen auseinandersetzt.

Glauben Sie an den neuen Stil der Regierung?

Hesoun Ich kann das erst beurteilen, wenn die ersten Taten sichtbar werden. Der Wechsel im Bundeskanzleramt ist da noch viel zu frisch. Ich bin mit meinem Urteil bewusst zurückhaltend. Ich weiß zuwenig, was mit den einzelnen Schlagworten konkret gemeint wurde. Mit den Verkürzungen in den medialen Auftritten, die mir zugänglich sind, will ich kein Urteil abgeben.

Hat die Europäische Union die massive Kritik der letzten Jahre verdient?

Hesoun Wir nehmen die positiven Seiten der EU und des Gemeinsamen Marktes als selbstverständlich zur Kenntnis. Das ist auch legitim. Wir brauchen nicht jeden Tag Danke sagen. Gleichzeitig überinterpretieren wir die Probleme, die das Vereinte Europa zweifellos mit sich bringt. Wir brauchen ein Mehr an Union, um am Weltmarkt gegen die großen Marktteilnehmer aus Nordamerika und Asien auf Augenhöhe agieren zu können. Das beginnt bei einer gemeinsamen Fiskalpolitik und endet bei Normen und Lebensmittelzulassungen.

Siemens ist ein Technologiekonzern, der als Treiber von Industrie 4.0 und des digitalen Wandels auftritt. Wie wird die Digitalisierung die Welt verändern?

Hesoun Ich mache meine Antwort an einem Beispiel fest: Siemens betreibt in Amberg in der deutschen Operpfalz einen Produktionsstandort, der nach den Kriterien der digitalen Produktion funktioniert. Das Konzept läuft bereits seit Jahren. Dort beschäftigt Siemens gleich viele Mitarbeiter wie in den 90ern. Aber der Output des Werkes hat sich in der Zeit verachtfacht. Die Frage der Arbeitsplatzanzahl ist nicht die drängendste, wenn man über die Auswirkungen nachdenkt. Ich benötige auch in der Produktion der Zukunft Menschen, die den Prozess steuern.

Aber viel weniger….

Hesoun Es wird keinen großen Schnitt geben. Es wird eine Umqualifikation in Teilbereichen geben. Wichtig bleibt, die gesteigerte Produktivität im Markt unterzubringen.

Kann man sich der Digitalisierung verweigern?

Hesoun Wenn jemand beschließt, diese Entwicklung zu negieren, dann wird das zu 100 Prozent zum Verlust aller betroffenen Arbeitsplätze führen. Wer an der Digitalisierung der Produktion nicht teilnimmt, schießt sein Unternehmen und den Standort aus dem Markt.

Wird sich durch digitale Produktionsprozesse die Kluft zwischen arm und reich vergrößern?

Hesoun Das glaube ich nicht. Unser Beispiel in Amberg unterstreicht, dass die Weiterqualifikation der Mitarbeiter sich bezahlt macht und der Mitarbeiterstand gleich bleibt. Ich sehe keine zusätzlichen Gräben, die sich öffnen. Wo sich Unterschiede vergrößern werden: zwischen schlecht und gut ausgebildeten Mitarbeitern. Die Sockelarbeitslosigkeit, die in Österreich bei ca. 200.000 Beschäftigten liegt, findet praktisch ausschließlich im Bereich der Minderqualifikation statt. Und hier droht durch die Digitalisierung eine weitere Zunahme, der man nur durch Qualifikation entgegenarbeiten kann.

Siemens Österreich hatte vor 25 Jahren 28.000 Mitarbeiter. Aktuell arbeiten 10.200 Menschen für den Konzern. Beschreibt dies die Entwicklung, den der Stellenwert von Siemens Österreich in unserem Land genommen hat?

Hesoun Ich glaube, man kann die Entwicklung von Siemens in Österreich nicht an der Zahl der Mitarbeiter festmachen. Die Veränderungen sind das Ergebnis von An- und Verkäufen von Unternehmensteilen. Die Akquisition der VA Tech und deren Verkauf hat in diese Zahlen viel Bewegung hineingebracht. Die Jobs gibt es noch, werden aber im Gesamtverbund nicht mehr angeführt. Was die Bedeutung von Siemens Österreich besser illustriert ist die Tatsache, dass wir unverändert die Verantwortung für 18 Länder Osteuropas in Wien haben. Wir sind eines von 30 Lead Countries im Konzern. Österreich ist dabei jenes mit dem größten und komplexesten Wirkungsbereich. Das traut der Konzern uns zu und das macht mich durchaus stolz.

Was bliebe vom Wiener Konzernsitz übrig, wenn der Konzern-CEO Joe Kaeser die Osteuropa-Kompetenz aus Österreich abziehen würde?

Hesoun Österreich hat nach der Wende die CEE Länder für den Konzern entwickelt. Es gibt keinerlei Anzeichen dass sich daran etwas ändern sollte.

München und Wien liegen wenige hundert Kilometer auseinander. Und die einstige Brückenkopffunktion zum Osten, die die österreichische Bundeshauptstadt einst innehatte, spielt mittlerweile keine Rolle mehr. Da drängen sich derartige Szenarien auf.

Hesoun Es gibt keine Lead Country-Funktion, die von einem deutschen Standort aus wahrgenommen wird. Die Regionalführung ist so nahe wie möglich am Markt. Das ist auch das besondere Asset von Siemens und der Erfolg gibt uns recht.

Nach dem Verlust des Auftrages für die Niederflurstraßenbahnen vor einem Jahr steht bis Ende 2016 die Entscheidung für 45 U-Bahn-Garnituren der Wiener U5 ins Haus. Verkehrstechnik ist eine der Kernkompetenzen von Siemens Österreich. Hätte eine neuerliche Niederlage im Ausschreibungsverfahren Auswirkungen auf Ihre Funktion?

Hesoun Dass man Ausschreibungen verlieren kann, kommt in jeder Abteilung und in jeder Weltregion des Konzerns vor. Dass wir das nicht wollen, versteht sich von selbst. Ich bin mir sicher, dass wir gerade im Bereich der U-Bahnen über eine Kundenzufriedenheit verfügen, die sehr hoch ist – zumindest erfahre ich dies so in meinen Gesprächen. Wir werden sicher in der Lage sein, ein marktkonformes Angebot zu legen. Ich hoffe natürlich sehr, dass wir den Auftrag gewinnen.

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