Forschung

Siemens baut riesiges Forschungszentrum: Großer Schritt zurück nach Berlin

Siemens investiert 600 Millionen Euro in ein Forschungszentrum für Digitalisierung in Berlin, wo der Konzern einst gegründet wurde. Im Mittelpunkt steht die Forschung an dezentralen Energiesystemen, Elektroautos, additiver Fertigung, dem Internet der Dinge, KI und Datenanalyse.

Der Technologiekonzern Siemens baut in den nächsten Jahren in Berlin einen großen Innovationscampus. Die Bundeshauptstadt bekam diese Woche den Zuschlag für das Projekt. Siemens kündigte an, "bis zu 600 Millionen Euro in eine neue Arbeits- und Lebenswelt" zu investieren. Es ist die größte Einzelinvestition in der Geschichte von Siemens in Berlin.

Auf dem 70 Hektar großen Gelände im Westen Berlins sollen universitäre Forschung betrieben werden und Start-ups Platz finden. Die Fabriken von Siemens, die zum Teil denkmalgeschützt sind, blieben erhalten. Die Siemensstadt war vor rund 120 Jahren entstanden, als das expandierende Unternehmen Platz für seine Fabriken brauchte und Werkswohnungen für die Mitarbeiter baute.

In der Siemensstadt sollen aber auch bezahlbare Wohnungen gebaut werden, wie es offiziell heißt. Ungewohnte Worte zum Thema Wohnungsnot im Mittelstand und dem strukturellen Wandel kommen dazu von Konzernchef Kaeser: Joe Kaeser: Wir sind auf dem besten Weg in eine gespaltene Gesellschaft >>

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Forschung zur Digitalisierung im Mittelpunkt

Als Teil des großen Ganzen ist ein kleineres Industrie- und Wissenschaftszentrum geplant, in das die Beteiligten 60 Millionen Euro stecken. Dazu gehören die Stadt, die Technische Uni Berlin, die Fraunhofer-Gesellschaft und die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung. Auch dazu wurde eine Absichtserklärung unterzeichnet.

Als Schwerpunkte der Forschung auf dem künftigen Campus nannte Siemens dezentrale Energiesysteme, Elektromobilität, Industrie 4.0, 3D-Druck, das Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz und Datenanalyse. Zur möglichen Zahl neuer Arbeitsstellen äußerte sich Kaeser nicht konkret.

"Perspektiven" auch für die Kraftwerksparte

Auch der Kraftwerksparte von Siemens soll das Projekt neue Perspektiven geben. In einem "Industrie- und Wissenschaftscampus" zusammen mit der TU Berlin und dem Fraunhofer-Institut auf dem Gelände soll es auch um konventionelle Kraftwerkstechnik gehen. In dieser Sparte baut der Konzern gerade massiv Mitarbeiter ab - allein in Berlin sind 700 Arbeitsplätze betroffen.

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Kaeser: Kein Land vom Strukturwandel so hart betroffen wie Deutschland

Joe Kaeser sagte, auf dem Campus solle ausprobiert werden, wie in Zeiten des schnellen digitalen Wandels Forschung, Arbeit und Freizeit in Einklang zu bringen sind. Es gelte, den Strukturwandel in Deutschland zu gestalten. "Es gibt auch kein Land in der Welt, das so stark von der vierten industriellen Revolution betroffen sein wird. Diese Betroffenheit wollen wir als Chance begreifen und nicht als Bedrohung."

Der Siemens-Chef zeigte sich auch besorgt über die rasant zunehmende Spaltung der Gesellschaft. Als Beispiel nannte er München, wo es für Menschen, "die einen ganz normalen Job haben", schwer sei, eine vernünftige Wohnung zu finden. Das dürfe nicht der neue sozioökonomische Standard werden, "aber wir sind auf dem besten Weg dahin", fügte Kaeser hinzu.

Münchner Konzern kommt eigentlich aus Berlin

Das von Backsteinbauten geprägte Industriegelände im Stadtteil Spandau, auf dem Siemens seit 1897 produziert, soll bis 2030 zu einem "urbanen Stadtteil der Zukunft" umgebaut werden. "Der Senat von Berlin hat uns überzeugend dargelegt, dass er ein solches Großprojekt will", sagte Siemens-Vorstand Cedrik Neike. Stadtoberhaupt Müller sprach von einem "Kraftakt".

Siemens hat die Zentrale in München, seine Wurzeln aber in Berlin und beschäftigt dort zurzeit 11.400 Mitarbeiter. Die Stadt ist der Gründungsort des Konzerns, im Bezirk Spandau entstand ab 1900 der nach dem Unternehmen benannte Stadtteil Siemensstadt mit Fabriken und Werkssiedlungen. Der Campus entsteht auf dem Gelände, auf dem sich das alte Dynamowerk und das Schaltwerk befinden.

Gegen internationale Ausschreibung

Vorstandsmitglied Cedrik Neike für Siemens und Regierungschef Michael Müller (SPD) für das Land Berlin unterzeichneten eine Vereinbarung, gemeinsam die Siemensstadt als Technologiestandort auszubauen. Der Berliner Senat wird einen städtebaulichen Wettbewerb initiieren, der die Grundlage für das Projekt bilden soll. Außerdem wird eine Projektsteuerungsgruppe eingesetzt.

Neike hatte sich besonders dafür eingesetzt, dass der Campus nach Berlin kommt und nicht international ausgeschrieben wird. Der gebürtige Berliner bezeichnete die geplante Siemensstadt 2.0 als "Ökosystem, wo wir Arbeiten, Forschen, Wohnen und Lernen auf einem Areal vereinen".

Der Regierende Bürgermeister Müller sprach von einem "wichtigen Tag für den Wirtschaftsstandort Berlin und die Stadt insgesamt". Erst vor acht Wochen habe man konkret mit den Gesprächen begonnen und sei nun schneller fertig geworden als gedacht. Der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) nannte die Ansiedlung einen großen Erfolg für die Hauptstadt. "Ich habe Berlin und den regierenden Bürgermeister Michael Müller immer bei seinen Bemühungen unterstützt, den Siemens-Innovationscampus in Berlin anzusiedeln - und ich werde das Projekt weiter unterstützen", sagte er. Auch die Oppositionsparteien CDU und FDP im Abgeordnetenhaus begrüßten das Vorhaben. (dpa/reuters/apa/red)

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