Hintergrund

Siemens: Aus dem Großkonzern soll ein "Flottenverband" werden

Die radikale Umgestaltung von Siemens geht weiter. Aus einem großen Konzern soll ein Verband selbstständiger Sparten entstehen - und die hoch lukrative Medizinsparte soll gleich ganz an die Börse. Hier die Hintergründe zur Strategie dahinter.

Siemens bringt sein Aushängeschild bis Mitte kommenden Jahres an die Börse. Mit dem erwarteten Milliardenerlös für die Medizintechnik sollen nicht nur Zukäufe finanziert werden, sagte der zuständige Vorstand Michael Sen.

Die auf den Namen "Healthineers" getaufte Sparte brauche auch Flexibilität für die Expansion. "Es gibt so viele Optionen, das Geschäft auszubauen und zu stärken." Im dritten Quartal steuerte Healthineers erneut den größten Teil zum Konzerngewinn bei.

Finanzfirmen wollen mehr Rendite sehen - Börsengang in den USA

Bei den Ergebnissen der Kraftwerks-Sparte und der kürzlich fusionierten Windkraft-Tochter Siemens Gamesa lief es dagegen schlechter als gedacht. Auch das Ergebnis aus dem Industriegeschäft - also der operative Gewinn - stieg "nur" um drei Prozent auf 2,3 Mrd. Euro. Beobachter und Finanzfirmen hatten mehr erwartet.

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Auch der Zeitplan für den Börsengang von Healthineers enttäuschte viele. Beobachter hatten ihn eigentlich noch in diesem Jahr erwartet. Angekündigt hatte Siemens-Chef Joe Kaeser die Pläne schon im vergangenen Herbst - doch dann wurde es erst einmal ruhig um das Vorhaben.

Joe Kaeser will einen Verbund selbstständiger Sparten

Die Emission der Sparte für Medizintechnik dürfte in den USA stattfinden, wie Sen andeutete - schließlich seien dort auch die meisten Konkurrenten gelistet.

Zeitweise liebäugelte Kaeser auch damit, die Sparte mit einem börsennotierten Konkurrenten zu fusionieren. Das habe aber nicht geklappt, räumte er nun ein. Der Börsengang passt zu seiner Strategie: Kaeser sieht Siemens künftig als "Flottenverbund" selbstständiger Sparten.

Siemens werde, anders als bei der ehemaligen Lichttechnik-Sparte Osram, aber nur einen Minderheitsanteil abgeben, machte Kaeser klar. Damit bleiben die sprudelnden Gewinne der Medizintechnik im Konzern.

Die auf einen Wert von bis zu 40 Mrd. Euro taxierte Healthineers wäre die zweite Sparte nach Siemens Gamesa, die separat an der Börse notiert ist.

Sparte für Bahnindustrie vor einschneidenden Veränderungen

Vor einem Umbruch steht auch das Geschäft mit Eisenbahnen und Signaltechnik. Die Branche wurde davon aufgeschreckt, dass - fast unbemerkt von den Wettbewerbsbehörden - in China durch eine Fusion der Weltmarktführer CRRC entstanden sei. "Natürlich wird man eine starke Nummer zwei bauen müssen", sagte Kaeser. "Ich würde nicht darauf wetten, dass es schnell geht."

Insidern zufolge stehen die Verhandlungen mit dem kanadischen Rivalen Bombardier über eine Zusammenlegung ihrer Bahn-Sparten vor dem Abschluss. Allerdings wurden Beschlüsse dazu im Siemens-Aufsichtsrat kurzfristig von der Tagesordnung genommen und vertagt. Offenbar geht es um Bewertungsfragen. Bei Siemens laufe das Bahn-Geschäft gut, betonte Kaeser.

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Windkraftgeschäft schwächelt

Bei Siemens Gamesa läuft es nicht rund: Das Windkraft-Geschäft sei zu 90 Prozent dafür verantwortlich, dass der Konzern die Gewinnerwartungen verfehlt habe, rechneten die Analysten von Helvea Baader vor. "Das war ein holpriger Stapellauf", gab auch Kaeser zu.

Der Auftragseingang brach im Quartal um die Hälfte ein. "Das Geschäft hat sein Potenzial nicht ausgeschöpft", kritisierte Sen. Eine neue Führungsriege um Siemens-Manager Markus Tacke soll nun durchgreifen und die geplanten Synergien von 230 Mio. Euro schon in drei statt in vier Jahren realisieren. Aktuell dazu: Siemens Gamesa mit Millionenauftrag aus Mexiko >>

Kurswechsel auch bei der Sparte für Kraftwerke

Einen Kurswechsel mahnte Finanzvorstand Ralf Thomas auch in der Kraftwerks-Sparte Power & Gas an. Die großen Turbinen, auf die Siemens bisher gesetzt hat, sind kaum noch gefragt.

Der Auftragseingang brach um 41 Prozent ein, der Gewinn um fast ein Viertel. "Wir haben ein hartes Jahr vor uns", sagte Thomas. "Strukturelle Veränderungen werden unvermeidbar sein."

Shareholder zufrieden - Kaeser bekommt Vertragsverlängerung

Ehemaliger Finanzvorstand Joe Kaeser, der seit 2013 an der Spitze von Siemens steht, soll den Münchner Industriekonzern bis 2021 führen. Dann ist er 63 Jahre alt. "Er ist nicht nur der Garant des Erfolgs, sondern auch der Stabilität in zunehmend unruhigen Zeiten", begründete Aufsichtsratschef Gerhard Cromme die erwartete Vertragsverlängerung.  Aktuell dazu: Der Radikalumbauer des Industrieriesen Siemens >>

Für das laufende Geschäftsjahr 2016/17 (Ende September) ist Kaeser trotz aller Widrigkeiten zuversichtlich: "Siemens bleibt auf Kurs für ein weiteres operatives Rekordjahr."

Der Umsatz soll wie geplant leicht steigen, der Autragseingang darüber liegen. Im dritten Quartal kletterte zwar der Umsatz um 8 Prozent auf 21,4 Mrd. Euro, die Neuaufträge schrumpften aber um 6 Prozent.

Bei der Marge im Industriegeschäft hinkt Siemens dem großen US-Konkurrenten GE weiter hinterher. Im dritten Quartal ging sie wegen der Zukäufe von Gamesa und der Softwarefirma Mentor Graphics auf 10,4 von 10,8 Prozent zurück.

Bei General Electric lag sie zuletzt bei 13,2 Prozent. Für das Gesamtjahr nimmt Kaeser weiterhin 11 bis 12 Prozent Marge ins Visier.  (reuters/apa/red)

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