Strategie

Siemens als "Flottenverbund": Die letzte Phase zeichnet sich ab

Joe Kaeser schichtet das gesamte Geschäft des traditionsreichen Industrietankers um. Immer klarer wird, wie die letzte Phase in diesem Plan aussieht. Hier die jüngsten Schritte sowie die Einschätzungen von Insidern und Experten.

Bei Siemens zeichnen sich Grundzüge der neuen Strategie von Vorstandschef Joe Kaeser ab. Die Zahl der Divisionen im Industriegeschäft solle mit Beginn des neuen Geschäftsjahres am 1. Oktober auf drei von bisher fünf sinken, sagte eine mit den Plänen vertraute Person. Das sei bereits im Aufsichtsrat besprochen worden.

Joe Kaeser: Die Rendite fest im Blick

Die Sparten sollten höhere Rendite-Vorgaben erhalten als bisher, berichtete das "Manager Magazin". Siemens wolle die unter dem Arbeitstitel "Vision 2020+" bekannten Pläne im August vorstellen, sagten zwei Insider. Große Umwälzungen erwarten sie aber nicht: "Das wird eher eine Evolution als eine Revolution", sagte einer von ihnen.

Finanzfirmen machen massiv Druck

Mit der Umstrukturierung seien höhere Margenziele verbunden, so der Bericht. Finanzfirmen fordern demnach 13 bis 14 Prozent operative Umsatzrendite. Siemens erwartet für das laufende Jahr 11 bis 12 Prozent an. Die Ziele für die einzelnen Sparten für 2020 klaffen dabei weit auseinander: von fünf bis acht Prozent für den Windkraftkonzern Siemens Gamesa bis zu 14 bis 20 Prozent für die Digitale Fabrik.

Siemens wollte sich konkret zu den Plänen nicht äußern. Man arbeite "mit Ruhe und Sorgfalt an der Weiterentwicklung der Unternehmensstrategie", erklärte der Münchner Industriekonzern. Beschlüsse gebe es noch nicht. "Dort, wo Änderungen nötig sind, werden wir handeln. Dabei werden wir immer die Kundennähe, die Wettbewerbs- und die Innovationsfähigkeit im Fokus haben."

Aufspaltungen: Der neue Trend

Aufspaltungen und Zerschlagungen scheinen ein großer neuer Trend bei großen Industrieunternehmen zu sein - betroffen ist keineswegs nur Siemens, sondern auch General Electric mit der Abspaltung von GE Jenbacher oder Thyssenkrupp mit Tata: Aufspaltung oder Zerschlagung: Wie die Industrie ihr Gesicht verändert >>

Der Plan: Siemens als "Flottenverbund"

Die Industriesparten will Joe Kaeser als ein "Flottenverbund" von operativ weitgehend selbstständigen Unternehmen aufstellen. Sie sollen flexibler und schneller sein als der traditionsreiche, breit aufgestellte Industrietanker Siemens. Auf einer Investorenkonferenz in New York meinte Kaeser dem Bericht zufolge, Siemens Gamesa und die künftige Siemens Alstom könnten in fünf Jahren "so gut sein, dass sie alleine überleben". Mehr zu den Plänen: Siemens als Flottenverband - und die Risiken für Joe Kaeser >>

Neben seinen Industrie-Divisionen verfügt Siemens noch über eine eigene Finanzsparte namens SFS. Hier sind keine Details bekannt. Folgend die Pläne für die Industriesparten.

(1) Bahnindustrie: Siemens mit Alstom

Die in Österreich besonders starke Bahnindustriesparte wird mit der Zugsparte des französischen Konkurrenten Alstom zusammengelegt - später als gedacht, nach derzeitigen Plänen möglicherweise erst 2019.

Siemens bringt in das neue Unternehmen 30.500 Mitarbeiter und einen Umsatz von 8,1 Milliarden Euro ein. Nach der Fusion soll Siemens Alstom 65.000 Mitarbeiter sowie einen Umsatz von 15,6 Milliarden Euro haben und damit zweitgrößter Zugbauer der Welt werden. Weltgrößter Zugbauer ist das chinesische Unternehmen CRRC mit einem rund doppelt so hohen Umsatz.

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(2) Kraftwerksparte: Kürzungen und möglicher Verkauf

Die Ziele, die Vorstandschef Kaeser bei seinem Amtsantritt für das Jahr 2020 ausgegeben hatte, hat Siemens zum großen Teil erreicht. Er hatte die neue Strategie eigentlich schon für das Frühjahr in Aussicht gestellt, wollte dann aber die Einigung über die Zukunft der angeschlagenen Kraftwerkssparte abwarten. Über den dort geplanten Abbau von rund 6.000 Stellen hatte sich der Vorstand im Mai mit den Arbeitnehmervertreten grundsätzlich verständigt. Die Details sollen bis Ende September verhandelt werden.

Inzwischen gibt es Spekulationen, dass auch diese Sparte, ähnlich wie beim Konkurrenten General Electric, verkauft werden könnte. Auf einer Investorenkonferenz in New York hatte Kaeser die Frage nach Plänen für eine Vereinfachung der Spartenstruktur mit einem "Ja" beantwortet, sich aber weiter nicht geäußert.

Auf einen Bericht, wonach das Geschäft mit großen Gasturbinen zum Verkauf stehen, hatte der Siemens-Chef zuletzt ausweichend reagiert. Die fossile Kraftwerkssparte sei offenbar nicht mehr Teil von Kaesers Zukunftsvision, schreibt der Analyst James Stettler von der britischen Großbank Barclays. Mehr dazu: Bericht: Auch Siemens könnte Sparte für Gasturbinen und Kraftwerke verkaufen >>

(3) Automatisierung kommt zur "Digitalen Fabrik"

Wie ein Insider sagt, soll das Geschäft mit der Automatisierung in der Prozessindustrie der "Digitalen Fabrik" zugeschlagen werden, dem Aushängeschild von Siemens, das sich mit der Digitalisierung von Prozessen in der Produktion beschäftigt. Barclays-Analyst Stettler geht davon aus, dass die mechanischen Antriebe, die zur Automatisierungs-Sparte gehören, verkauft werden sollen.

(4) Energiemanagement soll zur Stromsparte

Die Sparte "Energy Management" soll aufgeteilt werden: Die Stromverteilnetze gehen in der Gebäudetechnik auf, die Hochspannungsnetze werden mit der margenschwachen fossilen Kraftwerkstechnik zusammengefasst. "Das wäre ein logischer Schritt", sagt Analyst Stettler.

(5) Medizintechnik: Healthineers an die Börse

Die Sparte für Medizintechnik hat Siemens kürzlich an die Börse gebracht - trotz anfänglicher Enttäuschungen im Naqchhinein durchaus erfolgreich: 

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(6) Windkraft: Siemens Gamesa Nummer zwei am Markt

Auch das geschäft mit Windrädern hat Siemens mit Gamesa aus Spanien fusioniert. Das neue Unternehmen ist nach dem dänischen Hersteller Vestas inzwischen die Nummer zwei auf dem Weltmarkt für Windkraftanlagen: 

Harter Preiskampf zwischen Vestas und Siemens Gamesa >>
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(red mit Reuters/APA und Agenturen)
 

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