Hans-Florian Zangerl, Herausgeber Industriemagazin

Kommentar

Serie im Garten Eden

Der Hyundai Nexo ist derzeit wohl das aufregendste strombetriebene Fahrzeug am Markt – auch wenn er manchmal ein wenig langweilig daherkommt. Ein sehr persönliches Fazit.

Als Techniker denkt man sich: So muss Stromspeichern wohl im Garten Eden funktionieren. Aus Strom und Wasser wird flüssiger Wasserstoff, der lässt sich schnell in den Tank bringen, und von dort entnommen wird aus dem Nektar wieder Strom und Wasser. Ganz wundersam und sauber. Keine schweren Batterien, keine ausgetrockneten Seen in Südamerika und kein lähmendes Warten an den E-Tankstellen, wo man sich mit anderen E-Autofahrern die Mobilitätswende schönredet.

Vor allem den letztgenannten Vorzug hat Hyundai gut auf die Straße gebracht. Mit gerade einmal 6 Kilo des flüssigen Gases kommt man mit dem Brennstoffzellen-Nexo ehrliche 500 Kilometer weit. Auch im Winter, auch wenn die Pack oder der Semmering auf der Strecke liegen. Sofern man eine Tankstelle erreicht, ist die Treibstoffaufnahme dort ein eingelernter, unkomplizierter Vorgang. Manchmal pfeifft und zischt es dabei ein wenig, das macht das Ganze sogar noch aufregend. Ganz diametral dazu ist die Fortbewerbung mit dem Nexo. Die teils recht aufdringlichen Assistenzsysteme machen einen bald willenlos, man lässt sich auf ein leises Gleiten ein und beschäftigt sich mehr mit dem Tempomaten statt dem Gaspedal. Der Nexo hat selbst den Drang in der Spur zu fahren, will den Abstand zum nächsten Auto halten und klingelt bei jedem noch so kleinen Vergehen. Hat man alle diese Funktionen identifiziert, um sie abzuschalten, sind sie doch beim nächsten

Start wieder aktiv und man resigniert vor der Zukunft des Autofahrens. Der Wagen sieht ein bisschen aus wie ein SUV, hat aber nur Vorderradantrieb und kostet runde 75.000 Euro. Das ist viel Geld für viel visionäre Technik.

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Endlich suchtfrei

Trotzdem: Nach vielen Jahren des Autotestens ist der Nexo die erste uneingeschränkt positive Erfahrung mit der Elektromobilität. Er erspart seinem Besitzer nämlich das ständige Zittern um den Ort und die Wartezeit für die nächste Batterieladung, das zuweilen an die Unruhe des Rauchers bei der vorletzten Zigarette an einem Sonntagabend erinnert. Gewiss, im Schnitt fahren Menschen 25 Kilometer pro Tag, aber das Leben ist eben kein Median, auf dem sich eine Fahrt quer durch Österreich machen lässt. Einzige Einschränkung ist das derzeit spärlich ausgebaute Netz. Entlang der West-Strecke lässt sich mit dem Nexo gut reisen. Schwierig wird’s auf der Alpensüdseite, wo es außer in Graz schlichtweg noch keine einzige Tankstelle gibt.

Leider nicht ideologiefrei

Ginge es nach mir, müsste sich die faszinierende Wasserstofftechnologie durchsetzen. Ob sie das tut, ist fraglich in Anbetracht der ideologischen Verhärmung, mit der mittlerweile die Diskussion geführt wird. Ausgerechnet viele Elektroauto-Pioniere, die seit Jahren jeden Dieselfahrer als Technologiereaktionär abstempeln, sprechen dem System die Zukunftsfähigkeit ab – und erinnern dabei an die Zweifel an Batterieautos in der Zeit vor Tesla. Die Brennstoffzelle sei zu schwer, ihr Wirkungsgrad sei zu niedrig und überhaupt werde Wasserstoff vor allem aus Erdgas hergestellt, statt mittels überschüssigem Ökostrom gewonnen. Diese Argumente haben alle ihre Berechtigung. Zumindest jetzt noch. Allerdings zeigt Hyundai – wie auch Toyota oder Honda – wie ausgereift PKWs mit Brennstoffzellen schon sind. Mit dem Hybridantrieb haben die asiatischen Hersteller schon einmal bewiesen, wie gut sie eine vermeintlich viel zu komplexe Technologie in den Griff bekommen. Mit dem Nexo ist das auf jeden Fall ein zweites Mal gelungen.

Hier gehts zum Artikel über die Ausfahrt mit dem Nexo

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