Serie Lieferkette optimieren

Hoerbiger: Makrodaten als Anti-Druckmittel

Ein auf makroökonomischen Daten basierendes Indikatorsystem ließ die Planungsgenauigkeit beim Kompressortechnikhersteller Hoerbiger in die Höhe schnalzen.

Wie aus dem Nichts kollabierende Märkte: Die Krise überraschte 2009 auch den auf Kompressortechnik spezialisierten Maschinenbauer Hoerbiger. Mit Umsatzeinbrüchen in der US-Gesellschaft von 40 Prozent lagen die Planungsdefizite der Vergangenheit plötzlich schonungslos offen: Mit einer Planung, bei der das Vorjahresergebnis – neben Kunden-Incentives – „wie selbstverständlich“ die Basis fürs laufende Jahr darstellte, „waren wir nicht sonderlich ehrlich zu uns“, sagt Hannes Hunschofsky, Chef der Globalen Produktionsdivision von Hoerbiger Kompressortechnik. Er leitet zugleich das Hoerbiger-Werk in Pompano Beach, Florida.

Zwar fanden einige makroökonomische Daten und Wirtschaftsindikatoren bisher schon im Zuge der Budgetierung Beachtung – etwa die künftigen Erdgaspreise und die Anzahl aktiver Bohrtürme. Zumindest Ersterer aber stand – so stellte sich später heraus – „in keiner klaren Korrelation zum Umsatz“, so Hunschofsky. Externen Marktpotenzialen schenkte der Betrieb „zu wenig Aufmerksamkeit“. Deshalb krempelte der Betrieb vor drei Jahren seine Strategie um. Für eine höhere Planungsgenauigkeit entwickelte Hoerbiger ein streng auf basismakroökonomischen Daten basierendes, anpassungsfähiges Indikatorensystem. „Wir tauchten dazu tief in die (US-amerikanische) Literatur ein“, so Hunschofsky. Insgesamt identifizierte der Betrieb mehr als 20 Wirtschaftsindikatoren, die mit der Unternehmensentwicklung über zehn Jahre korrelieren und den Umsätzen „bis zu 15 Monate vorlaufen“.

Von den fünf Kernindikatoren – wie dem Stand der US-Industrieproduktion oder dem Neuverkauf von Werkzeugmaschinen – blicken drei sogar bis zu 36 Monate in die Zukunft. Die halbjährliche Rollierung „erhöht die Prognosequalität zusätzlich“, so Hunschofsky. Die Indikatordaten werden zudem monatlich aktualisiert – oder aus den Top Ten geschmissen. „Wir prüfen ständig, welche Indikatoren an Bedeutung zulegen“, sagt Hunschofsky.
 
Entspannung für die Lieferkette
 
Die bessere Datenqualität bringt seither Entspannung in die Hoerbiger-Lieferkette. Die Abweichungen vom Umsatz-Plansoll liegen jedes Jahr im unteren einstelligen Prozentbereich. Durch die realitätsnähere Planung „fällt enormer Anpassungsdruck von der Organisation“, sagt Hunschofsky. Wohl auch, weil der Kompressortechnikspezialist nun sogar die Planungssicherheit seiner zwei größten Lieferanten – im Stahl- und Polymerbereich angesiedelt – per Zwölfmonatsvorschau steigern kann. Freilich: Dafür musste der Betrieb alte Denkschemata aufbrechen. „Das Verständnis dafür, den Kundenforecast einer Makroplanung unterzuordnen, musste sich erst durchsetzen“, sagt Hunschofsky. Das makroökonomische Forecasting klinge in vielen Ohren „nach Alchemie“.

Im Werk in Florida setzten sich die Forecasts jedenfalls spektakulär durch. Werke mit weniger homogenen Produkt- und Kundensegmenten wie das Wiener Werk planen ebenso den Einsatz des Prognosetools. Mittlerweile ist sogar auf wissenschaftlicher Ebene das G ́riss um die Hoerbiger-Strategie groß. Hunschofsky: „Wirtschaftswissenschaftliche Lehrstühle haben Interesse angemeldet.“

Lesen Sie weiter: Osram: Eine Zahl, zu der alle stehen

Verwandte tecfindr-Einträge