Serie Lieferkette optimieren

Infineon: Werksbau auf Verdacht

Mit einer Szenarioplanung – und weit vorausschauender Werksplanung – eliminiert der Chiphersteller Infineon die größten Unwägbarkeiten aus der Lieferkette.

Minimale Ausschläge im Bruttosozialprodukt reichen – und das Umsatzziel wackelt gehörig. In dieser Situation ist der Halbleiterhersteller Infineon. Die Münchener sind immer wieder damit konfrontiert, was in der Literatur als Bullwhip-Effekt bezeichnet wird: Rutschen die Bedarfszahlen allzu plötzlich ab, schaukeln sich die negativen Ausschläge durch den Abbau von Lagerbeständen bis hinunter zu den Vorlieferanten auf. Kein angenehmes Marktumfeld für die über 10.000 abrufbaren Produkte – aber der Halbleiterhersteller weiß mächtige Absicherungsinstrumente in seiner Hand: Neben der Kundensegmentierung, die eine (lieferkettenschonende) auftragsbezogene Fertigung möglich macht, holt sich der Betrieb auch hochqualitative Informationen aus den Kundenbetrieben.

120 Customer Logistics Manager – über jeden Zweifel erhabene Lieferkettenprofis – kommunizieren mit dem Kunden in derselben Zeitzone und Sprache „unter anderem auch über Bedarfe,“ heißt es bei Infineon. Für VNL-Obmann Franz Staberhofer eine feine Sache. „Ohne ordentliche Daten als Basis – das klingt trivial und vielleicht furchtbar lästig – geht es nicht“, weiß er. Bei Infineon sind sie mehr als ordentlich. Für Tier-One-Kunden gebe es gar „einen zentralen Ansprechpartner“ für alle weltweiten Kundenwerke, so Kurt Gruber, Supply-Chain-Chef von Infineon. Das stopft die Löcher, die weniger aussagekräftige Kunden-Forecastings hinterlassen: „Die Konjunkturkrise hat bewiesen, dass der Kunde Abwärtstendenzen nicht immer erkennt“, so Gruber. Mentale Barrieren – „der unbedingte Glaube ans Umsatzziel“ – sei, mitausschlaggebend dafür, sich täuschen zu lassen.
 
Stresstests
 
Für den Kurzfristhorizont ist Infineon mit der gelebten Integration des Kunden gut gewappnet. Schwieriger fällt die Mittel- und Langfristplanung – hier gebe es „viele Unwägbarkeiten“, so Gruber. Der Konzern behilft sich deshalb mit Flexibilität. Die global aufgestellten Infineaner fahren etwa doppelgleisig. Sie statten unterschiedliche Werke mit denselben Produktionslinien aus, um Steigerungen von 30 bis 100 Prozent bei abgerufenen Mengen abzufangen. Die Fertigungsstrategie des Chipherstellers ist zudem weit in die Zukunft schauend ausgerichtet, um Ausschlägen wirkungsvoll entgegenzutreten. Das zeigt sich bei der Errichtung neuer Werke. Den Rohbau – die strategische Hülle, deren Bau zwei bis drei Jahre dauert – stellt der Betrieb quasi auf Verdacht auf die grüne Wiese. „Dann müssen wir nur noch das Equipment einbringen und die Produktion hochfahren, wenn die Zeit reif ist“, erzählt Infineon-Mann Kurt Gruber. Am Standort Kulim in Malaysia wartet aktuell genau so eine Hülle darauf, zum Leben erweckt zu werden.

Zusätzlich sichert sich der Halbleiterhersteller mittels Szenarioplanung ab. Gegenüber konventionellen Forecasts – einer Nachfragelinie durch Summierung der Kundenbewertungen – greifen „Stresstests“ tiefer. Zur Vermeidung von Engpässen eingeführt, „stellen wir dabei mithilfe eines S&OP-Tools nach unten und oben Vergleichsrechnungen an“, sagt Gruber. Eine schulungsintensive Angelegenheit zwar. Aber der Konzern hob dafür eine elektronische Lernplattform aus der Taufe. Aktueller Stand: 60 Module – Tendenz steigend.

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