Stahlindustrie

Ruhrgebiet: Das industrielle Herz Deutschlands in der Krise

Viele Jahre "kochte" der Pott - das Ruhrgebiet als industrielles Herz Deutschlands war der Wachstumsmotor des Wirtschaftswunders. Als die Nachfrage nach Kohle und Stahl zurückging, wurde das stolze und reiche Ruhrgebiet zur Krisenregion - und hat beim Wandel noch einen langen Weg vor sich.

Ein abbruchreifes Haus, aufgenommen am 25.07.2016 im Stadtteil Bruckhausen in Duisburg im Bundesland Nordrhein-Westfalen, im Hintergrund zwei Hochöfen. Nach dem Niedergang für Kohle und Stahl braucht das Ruhrgebiet, umgangssprachlich auch "Ruhrpott" oder einfach "Pott" genannt, heute dringend weitere Schritte für den Wandel.

Als vor 70 Jahren in London die Gründung Nordrhein-Westfalens verkündet wurde, hatten die meisten Bürger des neuen Bundeslandes einen leeren Magen. Und mit Beginn des berüchtigten Kältewinters 1946/47 fingen sie erbärmlich an zu frieren.

Doch im Ruhrgebiet sorgte die bundesweit gewaltige Nachfrage nach Kohle für einen rasanten Wiederaufbau. Das Revier als Energie- und Stahllieferant avancierte zum Motor des deutschen Wirtschaftswunders - eine Erfolgsgeschichte. Zugleich konzentrierte sich die Region aber wie schon vor dem Krieg und gegen warnende Stimmen allzu einseitig auf den Ausbau der Schwerindustrie.

Als Ende der 1950er Jahre der Siegeszug des Erdöls begann und günstigere Kohle zunehmend aus dem Ausland importiert wurde, fand die Region lange kaum Antworten. Schnell gingen Zehntausende Stellen verloren. Bergbauunternehmen weigerten sich sogar, frei werdende Flächen an branchenfremde Firmen abzugeben.

Eine Universität bekam die bevölkerungsstärkste Region Deutschlands erst 1965 mit dem Bau der Ruhr-Universität Bochum. Die Weichen für die Zukunft stellten NRW und die Region 1968 - mehr als zehn Jahre nach Beginn der Krise - mit ihrem "Entwicklungsprogramm Ruhr". Da hatte das Revier schon viel Zeit verloren.

Startprobleme beim technologischen Wandel, zu viel Kirchturmdenken und Selbstbefassung und eine gewisse Versorgungsmentalität sowie Konzentration auf die großen industriellen Arbeitgeber - das werfen Kritiker wie der Wirtschaftsforscher Michael Bahrke vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) der Region bis heute vor. Das Ruhrgebiet verpasse bisher die große Chance, die inzwischen zahlreichen Hochschulen der Region, Forschungseinrichtungen und die vielen jungen Leute in der 5,3 Millionen-Einwohner-Region miteinander zu vernetzen, sagt er.

Wer heute von einer der alten Bergehalden über das einstige Revier schaut, sieht kaum noch rauchende Schornsteine, stattdessen sehr viel Grün. Die Natur hat sich erholt, schwarze Wäsche auf der Leine gibt es schon lange nicht mehr und nach 30 Jahren wird sogar wieder über die Freigabe des Essener Baldeneysees für Schwimmer nachgedacht.

Zugleich ist die einst reiche Region, deren Glanz man noch an prächtigen Rathäusern etwa in Duisburg sieht, so verarmt, dass sogar Kritiker wie Bahrke mehr staatliche Förderung befürworten.

Straßen, öffentliche Einrichtungen - vieles ist marode: In manchen Essener Schulen vermeiden Kinder freiwillig die Nutzung der Toilette - viel zu dreckig. Ein Bürger forderte den Essener Oberbürgermeister vor kurzem zum Minigolf-Spiel in den Schlaglöchern einer befahrenen Ausfallstraße auf. Danach wurde die Straße neu asphaltiert.

In Gelsenkirchen kostet ein Kindergartenplatz bis zu 770 Euro - die wenigen gut verdienenden Familien müssen die vielen anderen mitfinanzieren. Für zwei Drittel der Kinder zahlen die Eltern gar keinen Beitrag, weil sie zu wenig Einkommen haben.

Und in Oberhausen klagen Bürger über das extrem ausgedünnte Busnetz. "Hab ich Frühschicht, stellt sich nicht die Frage, wann fahre ich. Ich muss laufen", schreibt eine Oberhausenerin.

Die Arbeitslosenzahlen stehen im Juni NRW-weit mit 7,6 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit 23 Jahren - das Revier spielt aber mit 10,7 Prozent in einer ganz anderen Liga.

Die Langzeitarbeitslosigkeit drückt den Kommunen wegen der hohen Sozialkosten finanziell die Luft ab, sagt die Chefin des Regionalverbandes Ruhr, Karola Geiß-Netthöfel. Sie stecken im Teufelskreis, weil ihnen das Geld für Investitionen in die Zukunft fehlt.

Lichtblicke gibt es, vor allem die sehr erfolgreichen Ruhr-Hochschulen mit inzwischen annähernd 300.000 Studenten oder der aufblühende Duisburger Hafen. In der Umweltwirtschaft sind bereits rund 100.000 Menschen beschäftigt, sagt Geiß-Netthöfel.

Dafür leiden aber mit den Stromkonzernen RWE, Eon und Steag gleich drei große Ruhrgebiets-Arbeitgeber unter der Energiewende. In einem IW-Regionalranking mit 402 Teilnehmern waren vor kurzem unter den zehn schlechtesten Regionen fünf Ruhrgebietsstädte - die rote Laterne ging an das einst stolze Duisburg.

Geiß-Netthöfel hält ein neues Konjunkturpaket für die Region in Milliardenhöhe für erforderlich - allerdings möglichst ohne direkt kassenwirksame Eigenanteile der Kommunen. Denn dafür wäre - so sinnvoll die Maßnahme - leider kein Geld vorhanden.

(von Rolf Schraa / dpa/apa/red)

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