Redakteurin INDUSTRIEMAGAZIN

Kommentar

Rang aus Zwang?

Ohne verpflichtende Frauenquote in Führungsgremien wird sich am Status quo nichts ändern, meint IM-Autorin Michaela Holy.

Wir schreiben das Jahr 2020. Selbstfahrende Autos sind keine Zukunftsvision, Roboter auch im privaten Bereich keine Seltenheit mehr und künstliche Intelligenz bei weitem kein Fremdwort. Doch wir sprechen auch 2020 immer noch über den Sinn oder Un­sinn einer Frauenquote. Bringt eine ver­pflichtende Quote unqualifizierte Frauen in hohe Positionen – oder ermöglicht sie endlich die nötige Öffnung der Führungsetagen? Braucht es den Zwang des Gesetzgebers? Bei der Frauenquote für Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen scheiden sich die Geister. Niemand will die „Quotenfrau“ sein, keine Frau will den Anschein erwecken, sie wurde nicht aufgrund ihrer Qualifikation, sondern ihres Geschlechts wegen eingestellt.

Zahlreiche Spitzenmanagerinnen sprechen sich gegen eine Quote aus. Verständlicherweise, will man denken, haben sie den Karriereaufstieg doch aus eigener Kraft geschafft. Doch mussten sie dafür wohl einige Dinge in Kauf nehmen, über die männliche Management­-Kollegen gar nicht nachdenken müssen. Und leise schieben sie dann doch noch einen Halbsatz ein: Nämlich dass Quoten einen notwendigen Wan­del im Unternehmen anstoßen könnten. Und das tun sie tatsächlich – allerdings auch nur dort, wo sie verpflichtend sind. Der Frauenanteil in den heimischen Vorständen ist zwar gestiegen, dümpelt aber bereits jahrelang vor sich hin.

Die Frage, ob ein gewisser Zwang sinnvoll oder wirtschaftlich ist, ist absolut zulässig. Fakt ist jedenfalls, dass Frauen im Management eine nicht zu unterschätzende Vorbildwirkung haben. Sichtbarkeit schafft Realität; was man nicht sieht, ist oft nicht existent. Holt man also jene, die es geschafft haben, vor den Vorhang, gibt man jungen, ambitionierten Frauen ein reales Beispiel, wie ein Aufstieg gelingen kann – selbst mit Kind(ern). Doch dazu ist es auch notwendig, ehrlich, klar und deutlich auszusprechen, welche Hürden es als Frau gibt – und wie man sie meistern kann. Und solange gesellschaftspolitische Strukturen immer noch Frauen die Verantwortung für alles Private umhängen, wird sich ohne einen gewissen Zwang wohl nichts ändern.