Industriellenvereinigung

Querschüsse gegen IV-Chef Georg Kapsch

Die letzte Amtsperiode von IV-Präsident Georg Kapsch kommt frühzeitig unter Beschuss.

Es ist ein Beweis für die Ambivalenz der deutsch-österreichischen Beziehungen. Fast ganz Österreich rief „Cordoba“, als der Europäische Gerichtshof die Pläne für die deutsche PKW-Maut in die Tonne trat. Für mindestens einen Österreicher bedeutete die Nachricht aber eine Katastrophe: Georg Kapsch, Chef des Telekommunikationslösungsanbieters Kapsch-TrafficCom, verlor durch den Entscheid einen Auftrag in Höhe von 1,6 Milliarden Euro.

Frühzeitige Abgesänge

Damit wird der Spätfrühling 2019 für Georg Kapsch endgültig unter „gebrauchte Zeit“ laufen. Schon im Herbst war die Frage: „Und, wer wird neuer IV-Präsident?“ häufiger Konversationsstarter in Industriekreisen. Anfang Mai – eine Woche vor dem Auftauchen des berühmten Ibiza-Videos – erschienen erste Medienmeldungen, die vom zunehmenden Druck auf den IV-Präsidenten berichteten. Diskussion um den Zwölfstundentag und die Karfreitagsregelung, mangelnde Kommunikation mit den Vorstandskollegen, der Fokus auf Themen, die ausschließlich Kapsch wichtig seien – die durchwegs anonym vorgetragenen Vorwürfe liefen auf einen Satz hinaus: „Unter Kapsch hat die Interessenvertretung an Standing verloren“, hieß es in der Wiener Tageszeitung „Die Presse“.

Obwohl die nächsten Präsidentenwahlen in der IV erst im Juni 2020 anstehen – Georg Kapsch darf nach zwei Amtsperioden nicht mehr antreten –, brachten sich erste Bewerber sehr frühzeitig in Stellung. Von vielen Beobachtern wurde diese ungewohnte Vorgangsweise auch als Wink an den aktuellen Präsidenten verstanden, in Zukunft mit dem „Gutmenschenkurs zu brechen“, wie es ein ehemaliges Präsidiumsmitglied einer IV-Landesorganisation formulierte. „Es hat immer wieder Anrufe aus den Regierungskabinetten gegeben, die gefragt haben, was bei uns am Schwarzenbergplatz los sei“, so der Industrielle. Man vermisste die „Unterstützung der IV bei den gesellschaftspolitischen Agenden“ von Türkis-Blau.

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Atempause?

Die Implosion des Kurz-Strache-Kabinetts lässt vorübergehend den Druck auf die IV geringer werden. Dies wird allerdings nur als Ruhepause gewertet: Bei einem prognostizierten Ausgang der Septemberwahlen und einer Neuauflage der bisherigen Koalition werde es „more of the same“ geben, zeigt sich ein Ex-Kabinettsmitarbeiter eines türkisen Ministeriums schon heute hoffnungsfroh. Georg Kapsch gilt in den Augen vieler der ehemaligen Regierung, aber auch emeritierter IV-Spitzenfunktionäre als „unguided missile“. Die aktuellen Warnschüsse in Richtung des Präsidenten werden als Aufforderung verstanden, das letzte Amtsjahr kompatibler mit den Anliegen einer neuen türkisgeführten Regierung zu gestalten.

Aktuelle Zurückhaltung

Die einzelnen Frühkandidaturen dürfen dabei nur indirekt als Ergebnis dieses Richtungsstreits gelten. Denn weder Henn-Mehrheitseigentümer Martin Ohneberg noch SAG-Chefin Karin Exner-Wöhrer – beide haben sich im Frühjahr ins Spiel gebracht – wollen mit diesen Überlegungen in Verbindung gebracht werden. Martin Ohneberg bestätigte gegenüber dem INDUSTRIEMAGAZIN nur, dass er zur Verfügung stehe, falls er gefragt werden würde. Karin Exner-Wöhrer äußerte sich zu dem Thema auf Anfrage gleich gar nicht. Für sie springt dafür eine prominente Unternehmerin in die Bresche. Iris Ortner, Geschäftsführerin der IGO-Ortner-Gruppe und Eigentümervertreterin im Aufsichtsrat bei Porr und UBM, findet, dass „gemischte Teams einfach produktiver arbeiten. Mehr Frauen auf Führungsebene täten auch einer Institution wie der IV gut.“ >> Lesen Sie dazu auch: Das sind die 100 wichtigsten Frauen des Jahres