Bauindustrie

Porr-Chef Strauss will Kritik an der Entsenderichtlinie nicht nachvollziehen

Viele kleinere Baubetriebe in Österreich sehen in der geltenden Entsenderichtlinie eine existenzielle Bedrohung. Doch diese Regel zu verschärfen hält Konzernchef Strauss für "die Schnapsidee des Jahres".

Porr-Chef Karl-Heinz Strauss sieht seinen Baukonzern auf Kurs - trotz der momentan ergebnismindernden Effekte der Zukäufe sowie der Verteuerungen bei Katar-Projekten durch das dortige arabische Embargo. Gegen Scheinfirmen sowie Lohn- und Sozialdumping müsse man vorgehen, so Strauss zur APA, Pläne einer Verschärfung der EU-Entsenderichtlinie halte er aber "für die Schnapsidee des Jahres".

Zahlreiche Betriebe des Mittelstands sehen sich existenziell bedroht

In der Baubranche vor allem in Ländern wie Österreich und Deutschland, aber auch in Frankreich sehen sich viele kleinere Unternehmen durch Arbeiterkolonnen aus Niedriglohnländern existenziell bedroht - oder bereits in die Pleite getrieben. Die Baugewerkschaft kämpft daher für eine Verschärfung dieser Regel.

Vor wenigen Tagen war die Entsenderichtline auch ein Thema beim Treffen von Kanzler Christian Kern und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in Salzburg, bei dem sich diese mit den Regierungschefs von Tschechien und Slowakei für den EU-Gipfel im Oktober auf eine derartige gemeinsame Position verständigt hatten.

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Strauss lobt dagegen "mobile Arbeitsmärkte"

Bekanntlich  setzen vor allem große Baukonzerne massiv auf Auslagerung auf sogenannte Subunternehmen, Entsprechend betont auch Karl-Heinz Straus die Vorzüge im Preiskampf auf dem Markt. Mit einer Halbierung der Entsendemöglichkeit von zwei Jahren auf eines wären "zwei Grundfreiheiten in Gefahr", nämlich die Freizügigkeit der Arbeitnehmer und die Freiheit der Dienstleistungserbringung, warnte Strauss

Die ohnedies nicht sehr mobilen Arbeitsmärkte drohten durch solche Beschränkungen noch immobiler zu werden, glaubt der Konzernchef. Die Zahl der nach Österreich entsendeten Mitarbeiter hält er für Übertreibungen: In Bauindustrie und Baugewerbe gehe es im Jahr nur um rund 2.800 Vollzeitäquivalente, habe Porr gemeinsam mit der Bauarbeiter-Urlaubs- und Abfertigungskasse (BUAK) erhoben, und nicht um behauptete 60.000 bis 80.000.

Ein Fünftel mehr Bauleistung

Den von ihm geleiteten Porr-Baukonzern mit zuletzt fast 16.600 Mitarbeitern sieht Strauss auch mit den jüngsten kostentreibenden Deutschland-Akquisitionen und Katar-Logistikprobleme durch das Wirtschaftsembargo benachbarter arabischer Staaten weiter auf Kurs. Der Anstieg der Produktionsleistung um 21 Prozent auf 2,02 Mrd. Euro bis Juni sei etwa je zur Hälfte durch organisches Wachstum und durch M&A erfolgt, in Österreich habe man auch als Marktführer um 4 Prozent zugelegt.

In Deutschland, dem zweitwichtigsten Markt für Porr, verfolge man seit drei Jahren das Ziel, flächendeckend vertreten zu sein. Deshalb verstärke man dort die Position im Verkehrswege- und Spezialtiefbau im Hinblick auf die großen Infrastrukturprojekte, die im Nachbarland anstünden. Davon werde der Tiefbau in Deutschland jedenfalls noch die nächsten zehn Jahre profitieren.

Kostentreiber in Deutschland und Katar

In Katar würden trotz der politischen Spannungen alle Projekte der Porr "im grünen Bereich" laufen, betont Strauss. Man müsse nur für bestimmte Materialien neue logistische Wege einschlagen. Weil etwa eine Bearbeitung in Dubai (VAE) derzeit nicht möglich sei, liefere der italienische Produzent Stahlerzeugnisse direkt nach Katar. Die Mehrbelastung bei den Kosten, die sich jetzt im abgelaufenen zweiten Quartal niedergeschlagen habe und auch für die nächsten Monate zu erwarten sei, betrage zwar "ein paar Prozentpunkte", werde aber vertraglich von den Auftraggebern getragen werden - wenn auch erst im Jahr 2018 bei der Abrechnung. Katar zahle pünktlich, "und wir stehen ausdrücklich zu Katar", betont Strauss. In Katar ist Porr beim U- Bahn-Bau engagiert sowie als Systemlieferant bei Festen Fahrbahnen (Slab Tracks), außerdem baut man am Al-Wakrah-Stadion in Doha mit. Bis 2019 sei Porr in Katar ausgelastet, man erhoffe sich auch Folgeaufträge. Dennoch habe man von Anfang an festgelegt, das Exposure dort mit maximal einem Zehntel des Konzernvolumens zu deckeln, faktisch liege man nur bei etwa der Hälfte dessen.

Der Iran wird von Porr laut Strauss "aufmerksam beobachtet". Falls das Land reif für einen Einstieg scheine, etwa beim Tunnel-oder Bahnbau, dann "würden wir das tun", sagt der Vorstandschef. Momentan sei es dafür aber "noch etwas zu früh".

Durch Akquisitions-Anlaufkosten und Katar sind die Porr-Gewinne heuer bis Juni weggebröckelt, wie schon vorige Woche vorab mitgeteilt. Laut endgültigen Zahlen von Mittwoch sank das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) um 16 Prozent auf 56,9 Mio. Euro, der Vorsteuergewinn (EBT) um fast 82 Prozent auf 4,0 Mio. Euro und das Periodenergebnis ebenso stark auf 2,9 Mio. Euro.

Der Vorstand erwartet, dass im Gesamtjahr 2017 das Ergebnis bei unveränderten Rahmenbedingungen - trotz stark wachsender Produktionsleistung - leicht unter 2016 liegen wird, welches das bisherige Rekordjahr gewesen ist.

Positiv entwickelte sich der Auftragsstand, der per Ende Juni gegenüber dem Vorjahresstichtag von 5,48 auf 5,70 Mrd. Euro zulegte und einen "historischen Höchststand" erreichte. Der Auftragseingang stieg um 14 Prozent auf 2,91 Mrd. Euro.

Der Zuwachs der Leistung lag laut Porr in den Übernahmen der deutschen Bauunternehmen Franki und Oevermann begründet, aber auch im organischen Wachstum vor allem in den Heimmärkten Deutschland, Polen, Schweiz, aber auch Österreich und Katar.

Im Schnitt beschäftigte der Porr-Konzern im Halbjahr 16.589 Mitarbeiter - um 2.116 Personen oder 14,6 Prozent mehr. 568 Mitarbeiter (rund 27 Prozent der Veränderung) seien auf die deutschen Zukäufe zurückzuführen. Zudem habe man in Katar aufgestockt, auch in Polen. (apa/red)

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