Personalia

Plötzlich debattiert Siemens über die Nachfolge von Joe Kaeser

Joe Kaeser solle seinen Vertrag nicht in zwei Jahren verlängern, sondern schon nächstes Jahr gehen, heißt es laut Eingeweihten in den Kreisen der Aufsichtsräte. Anlass ist die Ernennung des Chef der neuen Energiesparte, die Siemens nächstes Jahr abspaltet.

In wenigen Tagen entscheidet der Aufsichtsrat von Siemens darüber, wer der Chef der neuen, weitgehend selbstständigen Energiesparte wird. Kern der künftigen Energiesparte soll die jetzige Kraftwerkssparte von Siemens sein. Als Favoriten für die Führung der Sparte mit dem Arbeitstitel "Powerhouse" gelten der Vorstand Michael Sen und der Technologievorstand Roland Busch.

Der 50-jährige Michael Sen bringt für diesen Posten als ehemaliger Finanzvorstand des Energiekonzerns Eon Erfahrung in der Branche mit. Im Vorstand von Siemens ist er für die Windkraft-Tochter Gamesa zuständig, die ebenfalls der Energiesparte zugeordnet werden soll. "Er würde perfekt passen. Wenn er den Posten will, bekommt er ihn", sagt einer der Insider.

Der 54-jährige Roland Busch war vor einem Jahr zum Chief Operating Officer ernannt worden und ist für das Tagesgeschäft zuständig.

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Die Amerikanerin Lisa Davis, die derzeit die jetzige Kraftwerkssparte leitet, sei für die Führung der neuen Sparte aus dem Rennen, hieß es in Aufsichtsratskreisen. Die Amerikanerin hatte lange vor der Entscheidung über die Abspaltung aus privaten Gründen entschieden, ihren bis Oktober 2020 laufenden Vertrag um maximal noch ein Jahr zu verlängern. Siemens hatte ihr über den Sommer Zeit gegeben, ihre Lebensplanung nochmals zu überdenken. Vorstandschef Joe Kaeser hatte aber bereits angedeutet, dass sie eher nicht mehr für den Posten an der Spitze der börsennotierten Tochter infrage käme.

Plötzlich kommt eine Diskussion um Nachfolge von Joe Kaeser auf

Gleichzeitig mit der Besetzung dieses Postens ist bei Siemens offenbar auch eine Diskussion um die Nachfolge des Konzernchefs Joe Kaeser ausgebrochen. Denn sowohl Sen als auch Busch galten bisher auch als aussichtsreichste Kandidaten für Kaesers Nachfolge.

"Siemens AG braucht wieder einen Techniker an der Spitze"

Der Vertrag von Joe Kaeser läuft Anfang 2021 aus. Der 62-Jährige hält sich sich bisher bedeckt, ob er noch einmal verlängern würde. In Aufsichtsratskreisen wird allerdings laut Berichten der Nachrichtenagentur Reuters der Ruf lauter, dass Kaeser seinen Platz im Laufe des nächsten Jahres räumen sollte. Eine Entscheidung über Kaesers Nachfolge wird trotzdem nicht nächste Woche erwartet.

"Die neue, verkleinerte Siemens AG braucht einen Techniker an der Spitze, der der Belegschaft und den Aktionären wieder eine Vision vermitteln kann", sagte einer der Insider. Ein anderer Eingeweihter meint dazu, Kaesers Stärken, etwa auf dem internationalen Parkett über große Kraftwerksaufträge und Infrastrukturaufträge zu verhandeln, kämen in der neuen Struktur nicht mehr so stark zum Tragen. "Da sind andere Führungsfähigkeiten gefragt."

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Abspaltung der Energiesparte 2020

Nach der Abspaltung der Energiesparte, die für September 2020 geplant ist, befasst sich der Konzern noch mit Industrieautomatisierung und Infrastrukturtechnik; dazu kommt desweiteren die Sparte für Verkehrstechnik inklusive der Bahnindustriesparte.

Siemens hatte heuer im Mai beschlossen, die Mehrheit an der Energiesparte "Siemens Power" im September 2020 an die eigenen Aktionäre abzugeben und eigenständig an die Börse zu bringen. Sie dürfte schnell in den Leitindex DAX einziehen. Die Ausgliederung soll formal um den Jahreswechsel vonstattengehen. Vor allem die betroffenen Mitarbeiter sollen vorher Klarheit haben, wer das Energietechnik-Unternehmen künftig führt. Als Finanzvorstand steht bereits Klaus Patzak fest.

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Energiesparte: Den Konzern verlässt ein Viertel der Belegschaft

Mit der Abspaltung der Energiesparte trennt sich Siemens von knapp einem Viertel der rund 380.000 Mitarbeiter und einem Drittel des Umsatzes.

Das Geschäft mit Kohle- und Gas-Kraftwerken, aber auch mit Windrädern, verschlingt viel Kapital, hält mit den Margen der meisten anderen Bereiche aber nicht mit. Siemens setzt darauf, dass die Energiesparte zum Vorreiter bei der Energiewende wird. Nach dem Börsengang will die Siemens AG knapp 50 Prozent an der bisherigen Tochter behalten. Die übrigen Aktien werden an die Anteilseigner verteilt.

Massiver Umbau des Konzerns in der Amtszeit von Kaeser

Die Abspaltung ist der Schlusspunkt des grundlegenden Umbaus von Siemens, den Kaeser in den vergangenen Jahren in Angriff genommen hat. Die Windkraftsparte wurde mit der spanischen Gamesa fusioniert, die Medizintechnik unter den Namen Siemens Healthineers an die Börse gebracht.

"Siemens arbeitet an seiner Selbstauflösung"

Der deutsche Publizist Gabor Steingart fällt in einem Kommentar dazu ein hartes Urteil: "Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit arbeitet ein deutscher Traditionskonzern an seiner Selbstauflösung." Die letzte Idee des Industrieriesen, vom Offizier Werner von Siemens im Jahr 1847 gegründet, sei offenbar seine lautlose Verpuffung: "Die einzelnen Geschäftsfelder des Konglomerats werden derzeit filetiert und tranchiert, bevor der alte Mischkonzern im Grande Finale flambiert werden kann."

"Zeitalter der Disruption ist eines des ökonomischen Surrealismus"

Dieser Plan bedeute nichts weniger als das Ende der Siemens AG, wie wir sie bisher kennen, so Steingart weiter: "Das Unternehmen und Deutschland haben die meiste Zeit ihrer Existenz gemeinsam verbracht."

Steingarts Fazit: "Das Zeitalter der Digitalisierung ist nun einmal das Zeitalter der Disruption und damit des ökonomischen Surrealismus. Joe Kaeser ist ein Antreiber, der in Wahrheit ein Getriebener ist."

(red mit Material von Reuters/APA)

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