Pharmaindustrie

Pharmastandort der Zukunft

Österreichs Produktionskapazitäten sind ausbaufähig. Will die Politik den Impfstoff- und Arzneimittelstandort stärken, sind Weichenstellungen in den Bereichen Ausbildung, Forschung, Preispolitik und Zusammenarbeit notwendig.

v.l.n.r.:, Pharmig-Vizepräsident, Bernhard, Wittmann,  Pharmig-Vizepräsident, Robin, Rumler, Pharmig-Vizepräsidentin,  Astrid, Müller, Pharmig-Präsident, Philipp, von, Lattorff,  Pharmig-Generalsekretär, Alexander, Herzog

Ob in der Plasmaaufbereitung, der Antibiotikaerzeugung oder den Bereichen Generika, Zeckenimpfstoffe und Tiergesundheit, Österreich ist seit Jahren ein international anerkannter Pharmastandort und produziert derzeit Medikamente im Wert von 2,7 Mrd. Euro. Ähnlich bevölkerungsstarke Länder wie Schweden und die Schweiz produzieren jedoch jeweils drei- oder sogar fünfzehnmal mehr. Um dorthin zu kommen, sind gezielte Verbesserungen im Forschungs- und Wirtschaftsbereich nötig.

„Forschung wirkt wie ein Magnet. Die Industrie und internationale Unternehmen schauen auf jene Länder, in denen erfolgreich geforscht wird. Je mehr Forschungsprojekte wir in unserem Land durchführen, desto besser. Denn klinische Forschung bedeutet eine signifikante Wertschöpfung von 144 Millionen Euro pro Jahr und entlastet gleichzeitig unser Gesundheitssystem. Bedauerlicherweise ist die Zahl der in Österreich durchgeführten Medikamentenstudien seit Jahren rückläufig“ erklärt  Robin Rumler, Vizepräsident der Pharmig, Präsident der Pharmig Academy und Geschäftsführer der Pfizer Corporation Austria GmbH. Die erforderlichen Impulse hierfür müssen aber laut Rumler von der Politik kommen.

Margarete Schramböck, Bundesministerin für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort, betont, dass gesetzte Maßnahmen wie die Investitionsprämie sowie die verstärkte Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission zur Forschungsaktivität und Produktion in Österreich beitragen. Neben der bereits von der Europäischen Union ins Rollen gebrachten Pharmastrategie verweist die Ministerin auf die derzeit in Ausarbeitung stehende Standortstrategie 2040 für Österreich. „Eine der wichtigsten darin enthaltenen Säulen ist der Life-Science-Bereich“, beteuert die Ministerin und stimmt Rumler zu, dass es leichter gesagt als getan sei, in Europa zu produzieren. Denn COVID-19 habe die Abhängigkeiten von Drittstaaten wie China und Indien aufgezeigt. Jetzt müsse man mit gezielten Impulsen und Anreizen dafür sorgen, die Produktion nach Europa und Österreich zurückzuholen. Die Industrie sei daher als inputgebende Partnerin explizit eingeladen, an dieser Standortstrategie mitzuwirken. Ein Musterbeispiel für einen starken Standort sei laut Ministerin Schramböck die Antibiotikaproduktion von Novartis in Kundl, die zu den Letzten der Welt gehöre.

White Paper zum Thema

„Wir produzieren neben Antibiotika auch Biopharmazeutika in Kundl und beliefern damit die ganze Welt. Doch ein Großteil unserer Medikamente hat in Österreich keinen Marktzugang. Das erschwert die Standortentscheidung erheblich. Gleichzeitig können wir Antibiotika in Österreich nicht mehr kostendeckend verkaufen“, zeigt Michael Kocher, Country President der Novartis Pharma GmbH, auf. Rund 50 Prozent jener Arzneimittel, die erstattet werden, seien heute günstiger als die Rezeptgebühr. Diese Situation gefährde laut Kocher die Planungssicherheit für Unternehmen und zwinge viele von ihnen, einzelne Produkte vom Markt zu nehmen. Das sei nicht nur zum Nachteil der Unternehmen, sondern auch zum Nachteil von Patientinnen und Patienten. Denn dadurch schrumpfe der Arzneimittelschatz.

Für Peter Hacker, Amtsführender Stadtrat für Soziales, Gesundheit und Sport der Stadt Wien, ist das ein untragbares Szenario. Hacker setzt sicher daher für eine Bündelung der Kräfte ein. Auch die zentrale Impfstoffbeschaffung über die Europäische Union habe gezeigt, wie wichtig es sei, gemeinsam vorzugehen: „Wir müssen tiefer in die Strukturen unseres Landes gehen und die zersplitterte Gesundheitslandschaft wieder näher zusammenbringen. Gleichzeitig müssen wir im gegenseitigen Dialog eruieren, was Unternehmen brauchen, um eine etablierte Industrie im Land sicher zu stellen.“ Dafür seien laut Hacker und den anwesenden Expertinnen und Experten sowohl exzellent ausgebildetes Personal, Investitionen in die Forschungsinfrastruktur und Digitalisierung sowie eine signifikante Anhebung der Forschungsprämie notwendig.

Know-How wird bereits sichergestellt

Bereits jetzt stellt die Behörde mit der pharmazeutischen Industrie in sogenannten Pipeline-Gesprächen das erforderliche Know-how sicher, um die Produkte entsprechend bewerten zu können. Das mache den Gesundheitsstandort Österreich vorbildlich, erklärt Christa Wirthumer-Hoche, Leiterin des Geschäftsfeldes Medizinmarktaufsicht der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit: „Im Europäischen Netzwerk haben wir einerseits die Europäische Arzneimittelbehörde EMA, die die Bewertung zentraler Zulassungen, Life Cycle Management und Pharmakovigilanz koordinierend überwacht und andererseits die Expertinnen und Experten in den nationalen Behörden, die die Begutachtungen durchführen. Österreich ist in diesem Netzwerk eine anerkannte und sehr aktive Behörde, liegt im Spitzenfeld, das wiederum ist für die Pharmaindustrie in Österreich von Bedeutung.“ Laut Wirthumer-Hoche sollte der Wert eines Arzneimittels wieder mehr geschätzt werden, sie könnte sich eine Kennzeichnung von in Europa produzierten Arzneimitteln, vorstellen, die dann bei den Preisverhandlungen einen Vorteil hätten.

„Österreich muss nach außen signalisieren, dass es offen für innovative Projekte ist und diese auch schultern kann. Ob Gentherapien, die mit einer Infusion zur Heilung eines Kindes beitragen oder Immunonkologika, die mit einem völlig neuen Ansatz Menschen wieder gesund machen können - je attraktiver unser Standort für Forschung und Produktion ist, desto besser wird es Österreich gelingen, sich im internationalen Wettbewerb zu behaupten“, fasst Rumler zusammen. Die Veröffentlichung der Standortstrategie 2040 in den nächsten Monaten werde die nächsten Schritte auf dem Weg zum Pharmastandort der Zukunft markieren. (apa/red)