Logistik

P&R Betrugsskandal: Firmengründer Heinz Roth wird angeklagt

Es ist einer der dreistesten (mutmaßlichen) Betrugsfälle in der Geschichte der Logistik: Insgesamt 54.000 Kunden hatten in die Vermietung von Containern investiert, die so wohl nie existierten.

Es war eine Milliardenpleite, die Schlagzeilen gemacht hat: Die deutsche P&R mit Sitz in München hatte die Vermietung von Containern als Geldanlage angeboten, insgesamt 54.000 Kunden hatten zuletzt 3,5 Mrd. Euro investiert. Nach dem zuletzt kommunizierten Ermittlungsstand handelte es sich zu einem beträchtlichen Teil um Scheingeschäfte - knapp zwei Drittel der angeblich vermieteten 1,6 Millionen Container existierten gar nicht.

Nun hat die Staatsanwaltschaft München I Anklage gegen Firmengründer Heinz Roth erhoben. Dem 75 Jahre alten Manager werden 414 Fälle des gewerbsmäßigen Betrugs mit einem Schaden von knapp 18 Mio. Euro vorgeworfen, so der Leitende Oberstaatsanwalt Hans Kornprobst.

Dabei sei nur ein kleiner Teil der "gigantisch großen Anlagesumme" von 3,5 Mrd. Euro berücksichtigt. Gegen drei weitere Beschuldigte sind die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen.

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Vor allem Pensionisten unter den Betrogenen

Roth ist die Schlüsselfigur im möglicherweise größten Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte. P&R mit Sitz im noblen Münchner Vorort Grünwald verkaufte Container als Kapitalanlage an Privatanleger. Roth und seine mutmaßlichen Komplizen verkauften den ahnungslosen Kunden insgesamt 1,6 Millionen Container. Doch das war eine Milliarden-Luftnummer: "Es hätten vorhanden sein sollen 1,6 Millionen Container", sagte Chefermittler Kornprobst. "Tatsächlich vorhanden sind etwas über 617.000."

Viele der geprellten P&R-Kunden sind Pensionisten, die ihre Altersvorsorge aufbessern wollten. Laut Insolvenzverwalter Michael Jaffe ist fast ein Drittel der Anleger über 70 Jahre alt. P&R vermietete die Container dann in deren Auftrag an Frachtunternehmen, damit sollte die Rendite finanziert werden. Außerdem bot P&R den Anlegern den Rückkauf nach fünf Jahren an.

Insolvenzverwalter Jaffe hofft, mit der Verwertung der existierenden Container noch gut eine halbe Milliarde Euro erlösen zu können. Somit steht die Vermutung im Raum, dass am Ende um die drei Milliarden Euro verloren sein könnten. "Es gibt Schätzungen, dass der Schaden größer sein könnte als bei Flowtex", sagte Anne Leiding, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Flowtex war der bisher größte Betrugsfall in Deutschland

Der Flowtex-Skandal Ende der 90er Jahre ist als bisher größter bekannter Betrugsfall in Deutschland in die Rechtsgeschichte eingegangen: Flowtex-Boss Manfred S. - genannt "Big Manni" - und seine Komplizen hatten über 3.000 nicht vorhandene Spezialbohrmaschinen für unterirdische Bauarbeiten verkauft und damit gut 2 Mrd. Euro erschwindelt.

Chefermittler Kornprobst begründete die Beschränkung auf 414 Fälle mit der Komplexität der Ermittlungen und der gebotenen Eile - Roth sitzt seit vergangenem Jahr in Untersuchungshaft. Denn würden die Ermittler sämtliche Fälle untersuchen, könnte das nach den Worten des Leitenden Oberstaatsanwalts Jahre dauern. Dass die Staatsanwälte nur 414 Fälle anklagen, hat auf die Ansprüche der übrigen geprellten Anleger im Insolvenzverfahren keine Auswirkungen, da strafrechtliches und zivilrechtliches Verfahren getrennt laufen.

Das betrügerische Geschäftsmodell von P&R ähnelte dem Vorgehen bei Flowtex: Mit dem Geld immer neuer Kunden wurden die versprochenen hohen Renditen für die alten Anleger gezahlt. Da über sechzig Prozent der verkauften Container nicht existierte, deckten die Einnahmen aus der Vermietung der Container aber bei weitem nicht die Renditeversprechen. Laut Staatsanwaltschaft betrug das Ausfallrisiko einer Kapitalanlage bei P&R kurz vor der Insolvenz im März 2018 mindestens 50 Prozent.

Schneeballsystem

Das System konnte nur funktionieren, solange ständig neue Anleger gefunden wurden. Kornprobst sprach von "Merkmalen eines Schneeballsystems". Die Mitte der 1970ger Jahre gegründete Firmengruppe war nach den Erkenntnissen der Staatsanwälte aber nicht von Anfang an auf Schwindel angelegt. Der Hauptverdächtige Roth hat zwar mit den Ermittlern gesprochen, aber kein Geständnis abgelegt: "Er hat Angaben gemacht. Das heißt nicht, dass er alles zugegeben hätte", sagte Kornprobst.

Hinweise auf Unregelmäßigkeiten bei P&R gab es seit Jahren: Die Unstimmigkeit im P&R-Geschäftsmodell bestand unter anderem darin, dass P&R weit mehr Geld an die Anleger auszahlte, als die Containervermietung einbrachte. Die "Stiftung Warentest" hatte das im Juni 2017 publik gemacht, Zweifel am P&R-Geschäftsmodell und Diskussionen in der Fachwelt gab es schon Jahre vorher. Von Anlegern gibt es daher Kritik an der Finanzaufsicht BaFin, weil die mutmaßlichen Betrügereien über ein Jahrzehnt unentdeckt blieben.

Roth selbst bezifferte sein Privatvermögen laut einem Gutachten der P&R-Insolvenzverwalter auf 10 bis 13 Mio. Euro. Der Firmengründer hat jedoch die Kontrolle über sein Vermögen abgeben müssen. Seit Dezember haben darauf nur noch die Insolvenzverwalter Zugriff. Jaffe peilt die ersten Zahlungen an die Gläubiger für das Jahr 2020 an.

Im Januar hat der Anlegerschutzverein Cobin Claims in der Sache P&R auch eine Klage gegen einen steirischen Container-Vermittler auf den Weg gebracht.

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