Raketentechnik

Österreicher fordert als neuer Chef der ESA "mehr Risiko"

Der aus Tirol stammende 58-jährige Josef Aschbacher ist seit März der neue Chef der Weltraumorganisation ESA. Er setzt auf mehr Risiko in der europäischen Raumfahrt - "sonst "werden wir irrelevant."

Während das private US-Raumfahrtunternehmen SpaceX trotz Misserfolgen laufend Start- und Landeversuche mit der neuen "Starship"-Rakete durchführt, verschiebt sich der Start der neuen europäischen Trägerrakete Ariane 6 immer mehr nach hinten, derzeit ist 2022 geplant. Der neue Chef der Weltraumorganisation ESA, der Österreicher Josef Aschbacher, setzt auf mehr Risiko in der europäischen Raumfahrt, sonst "werden wir irrelevant", sagte er im Gespräch mit der APA.

Der aus Tirol stammende 58-jährige Geophysiker, der seit 1. März Generaldirektor der europäischen Raumfahrtagentur ist, hat im Silicon Valley die Bedeutung von Geschwindigkeit und Risikobereitschaft gelernt, wie er betont. "Das ist ein Element, das ich auch in die ESA einbringen will, in reduziertem Maße und unter Kontrolle bei Dingen, die nicht so viel Geld kosten. Bei großen Satelliten oder Technologieentwicklungen müssen Qualität und Zuverlässigkeit natürlich vorrangiges Kriterium bleiben."

In einer Organisation wie der ESA, "wo 110 Prozent Zuverlässigkeit das Nummer-Eins-Kriterium ist", sei es etwas komplizierter, das umzusetzen. Es werde dauern und viele hitzige Diskussion darüber geben. "Aber es ist notwendig um relevant zu bleiben, gerade in einem so schnell wachsenden und sich ändernden Umfeld wie dem Weltraum, wo die Kommerzialisierung so wahnsinnig schnell vorangeht. Aber wenn wir uns nicht so positionieren, dass wir mithalten können, werden wir irrelevant und das will ich auf jeden Fall verhindern", sagte Aschbacher.

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Europa hat "phantastische Qualitäten und Exzellenz auf Weltniveau"

Europa habe trotz der Tatsache, dass es im Vergleich zu den USA oder China nur rund ein Sechstel des Geldes für den Weltraum ausgibt, "phantastische Qualitäten und Exzellenz auf Weltniveau". Das würden Missionen wie die Merkur-Sonde "Bepi Colombo" oder die Sonnen-Sonde "Solar Orbiter", das Erdbeobachtungsprogramm "Copernicus" oder das Navigationssystem "Galileo" zeigen. Man müsse aber weiter an Innovationen arbeiten, um diesen Status aufrecht zu erhalten "und nicht zurückzufallen wie es zum Beispiel in den Bereichen IT und Künstliche Intelligenz passiert ist, wo Europa gutes Wissen, aber nicht den Status hat, den es haben könnte". Um im Weltraum in den nächsten Jahren mithalten zu können, müsse Europa reflektieren, ob es nicht einen Sprung nach oben machen muss, um nicht durch die Kommerzialisierung und die massiven Investitionen anderer Ländern überholt zu werden.

Sein Amt ist Aschbacher mit einer "Agenda 2025" angetreten, in der er die Vision für die ESA in den nächsten Jahren darlegt, die aber auch bis 2035 reicht, weil im Weltraum die Investitionen die Größenordnung von Dekaden hätten. Wer darin ein visionäres Projekt wie das "Moon Village" sucht, mit dem sein Vorgänger, Jan Wörner, geworben hat, wird enttäuscht sein. "Ich habe kein Äquivalent zum 'Moon Village', weil ich glaube, dass die Diskussion viel weitergehen muss und nicht nur eine Aktivität wie zum Beispiel den Mond beinhalten muss", sagte Aschbacher. Seine Vision ist, "Europa eine Stufe höher und näher zur NASA heranzubringen" - und zwar nicht nur die ESA als Agentur, sondern das Bewusstsein um die Bedeutung des Weltraums in Europa insgesamt. Und das müsse "nicht nur durch die ESA, sondern in sehr enger Kooperation mit der Europäischen Union, der EU-Kommission und den ESA-Mitgliedsländern passieren".

EU gibt viel weniger Geld für Weltraumtechnologie aus als USA und China

Europa habe eine ähnliche Bedeutung und Wirtschaftskraft wie die USA oder China, allerdings werde in Europa viel weniger für den Weltraum ausgegeben als dort. Warum das so sei, diese Frage will Aschbacher "auf höchster politischer Ebene" stellen, einerseits um zu eruieren, ob der Weltraum in Europa richtig positioniert sei und wo man in den nächsten Dekaden wirklich stehen wolle. Dazu plant der ESA-Chef im nächsten Jahr einen "Space Summit" mit der Kommission und den Staats- und Regierungschefs.

Und dabei will er auch über neue Flagship-Programme diskutieren. "Wenn man Begeisterung erregen will, braucht man auch spektakuläre Projekte, allerdings will ich mich da derzeit noch nicht festlegen, das soll sich wirklich durch den Dialog ergeben", sagte Aschbacher. Ideal wäre für den ESA-Chef, wenn die Politik die Entscheidung über diese "Flagships" treffe, also wenn beispielsweise Kommissions-Chefin Ursula van Leyen auftreten und sagen würde, "nach reiflicher Überlegung und vielen Gesprächen mit dem Mitgliedsländern und den Staatschefs haben wir beschlossen, in der nächsten Dekade eine Frau auf dem Mars zu schicken". Ein solch mutiges Statement sollte von der Politik getroffen werden, so wie etwa John F. Kennedy in seiner berühmten Rede gesagt habe "I believe that this Nation should commit itself to achieving the goal, before this decade is out, of landing a man on the Moon and returning him safely to Earth". Die ESA würde natürlich helfen, ein solches Programme zu definieren, zu checken, was es kostet und ob und wann es möglich ist - "das ist unsere Aufgabe, allerdings will ich, dass das politische Statement nicht von mir, sondern von der Politik gemacht wird", sagte Aschbacher.

Gedanken über einen "digitalen Zwilling der Erde"

Neben dem Mars-Flug ortet der ESA-Chef noch "viele potenzielle Themen" für Flagship-Programme. Ein "digitaler Zwilling der Erde" etwa, oder auch Raketen seien immer ein wichtiges Thema, so Aschbacher, der sich trotz aller Probleme mit den Raketensystemen der ESA in den vergangenen Jahren zu einem autonomen Zugang Europas zum Weltraum bekennt. Als "heißen Kandidaten" für ein Flagship-Programm nannte Aschbacher auch das Projekt "Secure connectivity" - ein Vorschlag von Ursula von der Leyen, Rats-Chef Charles Michel und Binnenmarktkommissar Thierry Breton für ein sicheres weltraumgestütztes europäisches Kommunikationssystem.

Bei der Kommerzialisierung des Weltraumbereichs ortet Aschbacher "Nachholbedarf" in Europa. In den USA sei diese natürlich getrieben von Jeff Bezos und Elon Musk und deren Weltraumfirmen, die es in unseren Breiten nicht gebe und die man auch nicht so leicht bekomme. Für Aschbacher muss die Kommerzialisierung in Europa aber ohnedies "anders aussehen und anders gemacht werden". So will er sich etwa der "starken Agenda" Europas im Bereich Umwelt- und Klimaschutz, Biodiversität und Nachhaltigkeit orientieren und "den Weltraum in den Dienst dieser europäischen Politik stellen". Und konkret soll Start-ups und jungen Leuten der Zugang zu Risikokapital erleichtert werden. Zudem müsse die ESA dynamischer werden, um mit solchen Leuten schneller arbeiten zu können. "Heute sind unsere Entscheidungen zumindest bei kleineren Aufträgen zu langsam." (apa/red)