Industriekonjunktur

Ökonomen zu Deutschland: "Jahrhundertrezession" - "Erholung ist unterwegs"

Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal wegen der Coronakrise in Rekordtempo eingebrochen. Hier Einschätzungen von führenden Ökonomen dazu, wie es weitergeht.

Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal wegen der Coronakrise in Rekordtempo eingebrochen. Das Bruttoinlandsprodukt fiel um 10,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt in einer Schnellmeldung mitteilte. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten nur ein Minus von 9,0 Prozent erwartet. In ersten Reaktionen hieß es:

JÖRG ZEUNER, UNION INVESTMENT:

"An den Finanzmärkten wird der schwache Wert niemanden überraschen. Das Ausmaß der Konjunkturkatastrophe im Lockdown war absehbar. Wichtig wird nun, wie schnell die Wirtschaft wieder auf die Füße kommt. Es gibt ermutigende Anzeichen, dass der Tiefpunkt hinter uns liegt. Industrieproduktion, Einzelhandel und Export haben sich deutlich erholt.

Klar ist aber auch: Eine Rückkehr zu alten Niveaus wird es so schnell nicht geben. Die Zweitrundeneffekte der Coronakrise auf Konsum und Investitionen sowie die weltweit nach wie vor steigenden Neuinfektionen verhindern einen schnellen Aufschwung. Die Konjunkturerholung hat also begonnen, wird aber dauern."

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FRIEDRICH HEINEMANN, ZEW:

"Die Zahlen aus Wiesbaden bestätigen, was jeder bereits wusste. Die Bundesrepublik durchläuft derzeit die mit Abstand tiefste Rezession ihrer Geschichte. Dennoch sind die bedrohlich aussehenden Zahlen kein Anlass zur Panik. Die deutsche Wirtschafts- und Finanzpolitik hat mit ihren Liquiditätshilfen und dem Konjunkturprogramm vom Juni 2020 insgesamt klug und angemessen reagiert und betreibt eine erfolgreiche Schadensbegrenzung. Der Anstieg der Staatsverschuldung ist hoch, aber immer noch mühelos finanzierbar.

Klar ist aber auch, dass der Einschnitt der Coronarezession mehr als eine einfache Konjunkturkrise ist. Die anhaltende Pandemie wird den Strukturwandel in Richtung der digitalen Ökonomie nun rasch beschleunigen. Die deutsche Politik und Gesellschaft muss einen Fehler nun unbedingt vermeiden: Und das wäre, der erfolgreichen Rettungspolitik eine chancenlose Konservierungspolitik mit Subventionierung der Vor-Corona-Welt folgen zu lassen."

FRITZI KÖHLER-GEIB, KFW:

"Der bisher größte Quartalsrückgang auf dem Höhepunkt der Finanzkrise von minus 4,7 Prozent wurde mehr als verdoppelt, denn die Eindämmung der ersten Infektionswelle im Frühjahr hat eine bis dato unvorstellbare Stilllegung vieler Wirtschaftsaktivitäten erfordert. Immerhin dürfte auf den Negativrekord ein außergewöhnlich hohes Wachstum im laufenden Sommerquartal folgen, denn mit der schrittweisen Aufhebung der Eindämmungsmaßnahmen hat die Wirtschaft ab Mai recht schnell Fahrt aufgenommen.

Nach der zunächst fast mechanischen Erholung durch die Angebotsseite, dürfte das Aufholtempo dann aber bald wieder nachlassen. Insbesondere die exportorientierte Industrie muss angesichts der global weiterhin hohen Infektionsdynamik mit viel Gegenwind rechnen. Angesichts der hohen Unsicherheit sowie der krisenbedingten Verluste werden viele Unternehmen außerdem ihre Investitionspläne strecken oder verschieben."

ANDREAS SCHEUERLE, DEKABANK:

"Nun ist sie amtlich – die Jahrhundertrezession. Was bislang weder Börsencrashs noch Ölpreisschocks geschafft haben, vollbrachte ein 160 Nanometer kleiner Winzling namens Corona. Der staatlich verordneten und auch selbst gewählten Isolation gelang es, dieses Virus zu besiegen. Nun liegt die Rechnung auf dem Tisch."

UWE BURKERT, LBBW:

"Das war das erwartete schlechte Ergebnis und – hoffentlich – ein Minusrekord für die Ewigkeit. Die privaten Konsumausgaben sind eingebrochen. Ja, wo hätte es auch herkommen sollen, die Läden waren ja geschlossen. Dazu die Investitionen, auch das überrascht nicht. Für den Rest des Jahres erwarten wir jetzt eine Aufholjagd. Wie kräftig die wird, hängt weniger von der Wirtschaftspolitik ab. Vielmehr gilt es, die weitere Entwicklung der Infektionszahlen zu verfolgen. Aber selbst im besten Fall, das heißt ohne einen neuen Lockdown, wird es einige Quartale dauern, bis wir diesen Verlust an Wirtschaftsleistung wieder aufgeholt haben."

ALEXANDER KRÜGER, BANKHAUS LAMPE:

"Den fetten Konjunktureinbruch gilt es nun abzuhaken. Die Erholung ist unterwegs, sie wird nennenswerte Teile des Wachstumsverlusts ausgleichen. Angesichts der unbewältigten Coronapandemie kann vor allzu großer Konjunkturzuversicht aber nur gewarnt werden. Nach wie vor bestehen hohe Gefahren durch Insolvenzen und Arbeitsplatzverluste, der USA-China-Konflikt kommt erschwerend hinzu. Dies drückt sich auch in der niedrigen Bewertung der aktuellen Geschäftslage durch die vom Ifo-Institut befragten Unternehmen aus. Trotz Erholung dürfte die Wirtschaft noch lange nicht in den Vor-Corona-Modus zurückkehren. Rückschläge durch neue Lockdown-Maßnahmen sind einzukalkulieren."

RALF UMLAUF, HELABA:

"Die Coronakrise führte im Frühjahr zu einem historischen Wirtschaftseinbruch. Zwar verbessern sich Stimmungsindikatoren und realwirtschaftliche Daten seit einigen Monaten wieder deutlich, für das Gesamtjahr 2020 wird dennoch mit einem sehr großen Minus beim Bruttoinlandsprodukt zu rechnen sein. Darüber hinaus schwebt das Damoklesschwert der zweiten Infektionswelle vor allem über der Entwicklung der internationalen Konjunktur. Geld- und Fiskalpolitik bleiben vor diesem Hintergrund bis auf weiteres expansiv, nicht nur in Deutschland und Europa, sondern auch global." (reuters/apa/red)