Feuerfestprodukte

Neuer Feuerfestriese: RHI übernimmt Mehrheit an der brasilianischen Magnesita - und verabschiedet sich aus Wien

Der von Investor Martin Schlaff kontrollierte österreichische Feuerfestspezialist RHI erwirbt eine Mehrheit am brasilianischen Mitbewerber Magnesita Refratarios. Wohl noch von Ex-Vorstandschef Struzl eingefädelt, soll ein führender Anbieter von Feuerfestprodukten mit dem Namen RHI Magnesita entstehen. Der neue Hauptsitz der Gesellschaft: Die steuerlich vorteilhaften Niederlande. Neuer Börseplatz: Das liquidere London.

Von

Franz Struzl bei der Grundsteinlegung eines RHI-Werkes in Brasilien 2012: Magnesita stand schon Jahren auf der Wunschliste von RHI, der Brasilien-Experte Struzl (vor 2011 Böhler do Brasil, verließ vor wenigen Wochen aus gesundheitlichen Gründen den Vorstand der RHI) dürfte den Deal eingefädelt haben.

Knalleffekt: Der im ATX gelistete österreichische Feuerfestspezialist RHI AG hat sich mit den kontrollierenden Aktionären des  Industriemineralien-Bergbauunternehmens Magnesita Refratarios S.A. auf einen Zusammenschluss geeinigt. Damit soll ein führender Anbieter von Feuerfestprodukten gebildet werden, der den Namen RHI Magnesita tragen wird, seinen Hauptsitz in den Niederlanden haben soll sowie in London börsennotiert sein wird.

Was die Fusion für die Konzernzentrale in Wien sowie die heimischen Standorte in Kärnten bedeutet ist noch nicht gänzlich klar.  "Der operative Geschäfte werden weiterhin aus Österreich gesteuert", betont Wolfgang Ruttensdorfer, der interimistische RHI-Chef am Donnerstagvormittag im Rahmen einer Pressekonferenz. Die Gründung einer niederländischen Konzern-Holding diene vor allem für die Notierung an der Londoner Börse. Entgegen naheliender Annahmen, wonach die vorteilhaften Kapitaltransaktionsgesetze der Niederlande den Ausschlag für den neuen Konzernstandort gegeben haben, seien steuerliche Gründe nicht ausschlaggebend, sagt Ruttensdorfer.

Einen Kommentar zur Verlagerung des Headquarters der RHI in die Niederlande lesen Sie hier.

White Paper zum Thema

Durch die erhofften Synergien der Transaktion sollen sich die Finanzziele der RHI für das Jahr 2020 erhöhen, heißt es. Das Umsatzziel wird laut RHI auf 2,6 Milliarden bis 2,8 Milliarden (bisherige Planung: 2,0 Milliarden bis  2,2 Milliarden) und die operative EBIT-Marge auf mehr als 12 Prozent (bisherige Planung: mehr als 10 Prozent) angehoben.

Eingefädelt wurde das Geschäft wohl noch von Ex-Vorstandschef Struzl (Bild). Der Brasilienkenner (er war bis 2011 Chef von Böhler Brasilien) ist erst kürzlich aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten. Interimschef ist derzeit Wolfgang Ruttensdorfer. Neuer Chef wird ab 1. Dezember der frühere CEO des schweizerischen Lonza-Konzerns, Stefan Borgas.

Magnesita war schon lange Jahre Übernahme-Wunschziel der RHI. Die brasilianischen Eigentümerfamilien hatten jedoch Preisvorstellungen, die für die RHI damals nicht leistbar waren. Dadurch kamen jene Finanzinvestoren, die nun ihre Anteile an die RHI veräußern, zum Zug - während die RHI direkt in Brasilien investierte. Ein Werk, zu dessen Grundsteinlegung Struzl im Jahr 2012 selbst erschien (hier entstand auch das obige Bild) wurde jedoch aufgrund der irratischen brasilianischen Importzollpolitik wieder auf Eis gelegt. Man beschränkte sich auf den Zukauf von Rohstoffquellen.

Der Deal, der jetzt geschlossen wurde, benötigt die Zustimmung des Aufsichtsrates, dem der Vorschlag, Veinen Kaufvertrag bezüglich des Erwerbs des kontrollierenden Anteils von mindestens 46 Prozent und maximal 50 Prozent plus eine Aktie am Grundkapital von Magnesita zu unterzeichnen, vorgelegt wurde. Die Kompensation für den 46-prozentigen Anteil bestehe aus einer Barkomponente in Höhe von EUR 118 Millionen sowie 4,6 Millionen neuen Aktien, welche von RHI Magnesita zu begeben sind.

Die RHI ist an der Wiener Börse notiert, wird jedoch von der Liechtensteiner MSP Stiftung um den Investor Martin Schlaff mit einem Anteil 28,479 Prozent mittelbar kontrolliert. Die Notierung des Streubesitzes an der Wiener Börse soll mit Abschluss der gesellschaftsrechtlichen Umstrukturierung enden.

Die Verlegung des Sitzes aus Österreich und die Notierung in London benötigen die Zustimmung der RHI Hauptversammlung. Die Transaktion unterliege der Zustimmung der zuständigen Wettbewerbsbehörden. Die geschäftlichen Aktivitäten der RHI Magnesita sollen aus Österreich gesteuert werden. Bis zum Abschluss der Transaktion, welcher für das Jahr 2017 erwartet wird, sollen RHI und Magnesita zwei eigenständige und unabhängig agierende Unternehmen bleiben.

RHI ist ein weltweit agierender Anbieter von Feuerfestprodukten mit Sitz in Österreich und erwirtschaftete 2015 nach eigenen Angaben einen Umsatz von EUR 1.753 Millionen. Magnesita ist ein Anbieter integrierter Feuerfestlösungen, dazugehöriger Serviceleistungen und Industriemineralien mit Sitz in Brasilien, wobei der Umsatz im Jahr 2015 US-Dollar 1.013 Millionen betragen habe.