Finanzen

Nach dem Jubel um Fintechs kommen die ersten Skandale

Jahrelang wurden die smarten neuen Finanzfirmen umjubelt, die Lösungen für Geldanlagen oder Zahlungen im Netz anbieten - und auch von Österreich aus Erfolge vermeldeten. Jetzt gibt es in der Branche die ersten Skandale.

Sie traten an, um die Bankenwelt aufzumischen. Finanz-Start-ups wollen mit intuitiver Technik im Netz Überweisungen, Sparen, Kredite oder Versicherungen für Verbraucher schneller und bequemer machen. Rasch wurden die forschen Jung-Unternehmer als Konkurrenten gehandelt, die traditionellen Geldhäusern das Leben schwer machen würden. Manch einer sah die Banken schon abgehängt.

Wenige Jahre danach hat sich die Spreu vom Weizen getrennt. Viele der "Fintechs" sind verschwunden oder haben sich in Kooperationen mit Banken geflüchtet. Nach einer Gründungseuphorie haben reihenweise Start-ups aufgegeben, so die Beratungsgesellschaft PwC jüngst. Sie verzeichnet 233 Pleiten seit 2011 und allein 34 in den ersten fünf Monaten 2019 - so viele wie noch nie zu diesem Zeitpunkt. Viele Start-ups hätten etwa die Kosten der Kundenakquise unterschätzt, sagt PwC-Experte Sascha Demgensky. "Ihnen ging finanziell die Luft aus."

Auf der anderen Seite stehen junge Firmen, die den Durchbruch geschafft haben wie Vergleichsportale für Tagesgeld, Direktbanken oder Anbieter von Roboter-Geldanlagen. Die von Österreichern gegründete Smartphone-Bank N26 und der Einlagenvermittler Raisin sammelten dreistellige Millionenbeträge von Investoren ein und wollen sich damit auch in den USA breitmachen. Am Donnerstag seien die ersten Kundenkonten in Amerika freigeschaltet worden, sagte N26-Mitgründer Valentin Stalf der dpa.

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Doch nun erschüttert Kritik die Branche - etwa am schon etablierten Zahlungsabwickler Wirecard, der inmitten seines Aufstiegs in den Dax mit Unregelmäßigkeiten bei Buchungen für Aufsehen sorgte. Und die Finanzaufsicht BaFin bescheinigte N26 Mängel bei Maßnahmen gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung. Das Start-up mit gut 3,5 Millionen Kunden müsse einige Bestandskunden neu identifizieren, mehr Arbeitsabläufe schriftlich festhalten und Rückstände bei der Kontrolle verdächtiger Transaktionen aufarbeiten, so die BaFin. Zuvor hatten Nutzer kritisiert, der N26-Kundendienst sei schwer erreichbar.

Vor allem an Online-Banken reißt die Kritik kaum ab. "Wir verzeichnen einen deutlichen Anstieg der Kundenbeschwerden", sagte BaFin-Präsident Felix Hufeld der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Ob darunter viele Betrugsfälle seien, sei unklar. Bei den Verbraucherklagen gehe es um die Nichterreichbarkeit der Geldhäuser.

Einzelne Genossenschaftsbanken ergriffen schon Abwehrmaßnahmen gegen betrügerische Überweisungen auf Konten von Online-Banken. So stellte die Volksbank Freiburg im Online-Banking den Zahlungsverkehr etwa mit N26, Fidor, Revolut und bunq temporär ein. Begründung: "eine Zunahme an Betrugsfällen". Vermeintliche Betrüger würden die Banken wegen einfacher Identifikationsverfahren wie Foto-Identifikation als Zielkonto für vermeintliche Straftaten nutzen.

Ein Einfallstor für Angriffe auf Kundenkonten bei der Volksbank Freiburg war das mTAN- oder mobileTAN-Verfahren. Dabei wird die für Überweisungen nötige TAN per SMS auf eine hinterlegte Handynummer geschickt. Kriminelle greifen Zugangsdaten für das Online-Banking ab - etwa über Phishing-Mails. An die TAN kommen sie ferner über Ersatz-SIM-Karten, die sie beim Mobilfunkanbieter erschleichen.

Volksbank-Chef Henry Rauner vermutet Versäumnisse bei den "Fintechs": "Die Identitätspflichten werden vielleicht nicht so streng gehandhabt, und auch im Geldwäschebereich sind vielleicht die Systeme nicht auf dem Stand, den auch die Aufsicht sich wünscht."

Müssen Kunden nun bei Online-Banken um ihr Geld fürchten? Und haben Finanz-Start-ups generell ein Sicherheitsproblem? "Man darf "Fintechs" nicht über einen Kamm scheren", sagt Matthias Hübner, Branchenexperte bei der Beratungsfirma Oliver Wyman. Bisher gehe es um Einzelfälle. Die Schlagzeilen zeigten, dass Branche gewachsen sei.

Hübner meint aber auch: "Die Sicherheitsvorkehrungen der Start-ups müssen steigen. Einige haben sich zunächst auf die Expansion konzentriert und wurden vom Wachstum überrannt." Für "Fintechs" sei die wiederholte Kritik ein Risiko. "Die Gefahr ist, dass Verbraucher nicht mehr unterscheiden und die ganze Branche in Sippenhaft nehmen."

Den Banken kommt das Straucheln der ungeliebten Wettbewerber indes nicht ungelegen. "Sie hören sich seit Jahren an, sie hätten den Wandel verschlafen", sagt Peter Barkow, "Fintech"-Experte und Gründer des Analysehauses Barkow Consulting. "Jetzt kam die willkommene Gelegenheit zu sagen: Auch die Konkurrenz kocht nur mit Wasser."

"Fintechs" betonen, für die Kundensicherheit zu sorgen. N26 etwa teilte mit, man setze wie alle anderen Banken auch "Maßnahmen zur Geldwäscheprävention" um. "Sobald wir erfahren, dass andere Banken einzelne Transaktionen an N26 anhalten, treten wir so schnell wie möglich mit der betreffenden Bank in Kontakt, um Probleme zu lösen." Den Kundenservice habe man zudem spürbar verbessert und sei den Forderungen der Bafin nachgekommen, betonte Chef Stalf.

Auch andere wehren sich: "Jeder, der ein Konto bei der Fidor Bank eröffnet, durchläuft das fälschungssichere Video-Ident-Verfahren", sagte ein Firmensprecher. Es sei daher wenig wahrscheinlich, dass Betrüger Inhaber solcher Konten sind und gestohlenes Geld dorthin überweisen lassen, wo man sie leicht identifizieren könnte."

Mit IT-Problemen stehen Finanz-Start-ups indes nicht allein da. So hatten Kunden der Deutschen Kreditbank jüngst über Stunden keinen Online-Zugang zu ihren Konten. Und bei der Commerzbank kam es wiederholt zu IT-Pannen. Technische Probleme bei Banken seien keinesfalls neu, sagt Barkow. "Darauf haben "Fintechs" kein Monopol."

(von Alexander Sturm, dpa/apa/red)