Impfstoffe

Muss jede Impfdose von Johnson & Johnson zuerst in die USA?

Laut dem im Dezember abgeschlossenen und jetzt finalisierten Vertrag mit Biontech und Pfizer kann die EU bis zu 600 Millionen Dosen ihres Impfstoffs beziehen. Gleichzeitig fordern Regierungschefs von Österreich, Dänemark, Griechenland und Tschechien die Kommissionschefin von der Leyen zum Handeln auf - mit Sorge im Hinblick auf den Impfstoff von Johnson & Johnson.

Der EU-Vertrag mit Biontech/Pfizer über weitere bis zu 300 Millionen Corona-Impfdosen hat die letzte formelle Hürde genommen. Das Kollegium der EU-Kommissare habe dem Vertrag über 200 Millionen Dosen und eine Option auf 100 Millionen weitere Dosen zugestimmt, sagte ein Sprecher der EU-Kommission auf Anfrage. Dies sei nur noch eine Formalie gewesen, hieß es aus EU-Kreisen.

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen hatte die Abmachung bereits am 8. Jänner öffentlich gemacht. Bereits im November hatte die EU-Kommission für alle 27 Staaten bis zu 300 Millionen Impfstoffdosen von Biontech/Pfizer bestellt - eine feste Bestellung von 200 Millionen Dosen und eine Option auf 100 Millionen weitere. Insgesamt kann die EU nun bis zu 600 Millionen Impfstoff-Dosen von Biontech/Pfizer beziehen. Das Präparat war am 21. Dezember als erster Corona-Impfstoff in der EU zugelassen worden.

Von der Leyen will Kritik am Impfstoff-Chaos nicht nachvollziehen

Unterdessen hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Kritik an der Beschaffung von Corona-Impfstoffen zurückgewiesen. Es führe in die Irre, anzunehmen, ein früherer Vertragsabschluss hätte zu einer schnelleren Lieferung geführt, sagte von der Leyen in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Vielmehr liege der Engpass jetzt an komplexen Herstellungsprozessen und einem Mangel an wichtigen Inhaltsstoffen.

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"Ja, es dauert vielleicht länger, Entscheidungen zu 27 zu treffen als allein", räumte von der Leyen ein. Deutschland und andere Staaten hätten den Impfstoffkauf aus ihrer Sicht auch alleine schaffen können - aber mit möglichen Folgen für die Einheit Europas, Binnenmarkt und Wohlstand. "Das wäre an die Grundfeste Europas gegangen", warnte die CDU-Politikerin.

Möglicherweise können heutige Impfstoffe künftige Mutationen nicht gut genug bekämpfen

Von der Leyen wies auch den Vorwurf zurück, die EU-Kommission habe für die 27 Mitgliedsstaaten zu spät geordert. Hätte man die Schwierigkeiten der Massenproduktion früh erkannt, dann "hätten wir früher auf allen Ebenen überhöhten Erwartungen an eine schnelle Impfung gedämpft". Nun gelte: "Wir müssen uns schon heute auf ein Szenario vorbereiten, in dem das Virus nicht mehr mit den derzeitigen Impfstoffen ausreichend unterdrückt werden kann."

Deshalb arbeite die EU eng mit Wissenschaft und Industrie zusammen, um rasch Impfstoffe gegen künftige Corona-Varianten entwickeln, zulassen und herstellen zu können." Als Lehre "aus den Schwachpunkten" des vergangenen Jahres sollten Produktionskapazitäten in Europa ausgebaut werden.

Biontech: Staaten sollen zahlen

Der Mainzer Hersteller Biontech fordert indessen die Politik auf, sich finanziell für den Ausbau der Produktion von Impfstoffen zu engagieren. "Im vergangenen Jahr hätte uns mehr Geld nicht geholfen, weil wir den Produktionsprozess im großen Maßstab erst sicher aufstellen mussten", sagte Biontech-Geschäftsführer und -Finanzvorstand Sierck Poetting der aktuellen Ausgabe des "Spiegel". "Jetzt aber würde Geld helfen. Der Vorschlag von der Leyens, mit Geldern aus dem EU-Haushalt den Ausbau oder die Umwidmung bestehender Produktionsstätten zu unterstützen "könnte idealerweise dazu führen, dass mittelfristig Kapazitäten erhöht werden könnten".

Muss jede Impfstoffdose von Johnson & Johnson zuerst in die USA?

Vier Regierungschefs - darunter Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) - hatten die EU unterdessen vergangene Woche auch auf drohende Lieferprobleme beim Impfstoff der US-Firma Johnson & Johnson hingewiesen.

Der in Indien, Südafrika, den USA und Europa produzierte Impfstoff müsse angeblich vor einer Auslieferung zur Abfüllung und zur Verpackung erst in die USA, schrieben die Regierungschefs Österreichs, Griechenlands, Dänemarks und Tschechiens in einem gemeinsamen Brief an von der Leyen. "Angesichts der Bedeutung des Themas würden wir einen frühen Dialog auf höchster Ebene anregen", so Kurz und seine Amtskollegen, möglicherweise drohten Zeitverzug und Exporthürden.

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Johnson & Johnson kritisiert EU-Behörde

Aus dem Umfeld des Pharmakonzerns Johnson & Johnson hieß es, die Europäische Arzneimittelagentur EMA habe sich bei bisherigen Gesprächen sehr bürokratisch, umständlich und unflexibel gezeigt. So sei seitens des US-Unternehmens, das bei der Bekämpfung von Corona den Profitgedanken sogar hintangestellt habe, vergeblich vorgeschlagen worden, gewisse Zulassungskriterien für Impfstoffe zur Bekämpfung der Pandemie wegen der akuten Krisensituation vorläufig zu vereinfachen und gewisse Punkte später zu vervollständigen.

Dabei sei es aber keineswegs um die Impfstoffe selbst oder deren Qualität gegangen, sondern beispielsweise um Details wie die Fragen, wie vielfarbig die Verpackungen und ob Beilagentexte in allen offiziellen Sprachen der EU-27 auf Papier - statt teilweise per Internet-Download - verfügbar sein müssten, wie Insiderkreise durchblicken ließen. (dpa/afp/apa/red)