Interview

„Mathematik ist ewig, Anwendungsfälle nicht“

Sabine Seidler, Rektorin an der TU Wien, erklärt, warum gerade Techniker eine humanistische Bildung brauchen und außerdem viel Zeit in Theorie investieren sollten.

Von
TU Wien Technik Ausbildung Sabine Seidler

Kaum haben Techniker ihr Studium abgeschlossen, ist alles, was sie auf der Universität gelernt haben, schon wieder veraltet. Eine blöde Situation.

Sabine Seidler Da muss ich widersprechen. Gerade eine universitäre Technikausbildung ist sehr stark methodenorientiert und dieses grundlegende Handwerkszeug ändert sich nicht: Mathematik, Mechanik sind in ihren Prinzipien quasi ewig. Was sich tatsächlich schnell ändert, sind die konkreten Anwendungsfälle.

Dann sollten Universitäten eigentlich gar keinen Praxisbezug mehr anstreben, sondern nur noch Theorie unterrichten.

Seidler Soweit würde ich es nicht treiben. Aber unsere Ausbildung hier an der TU Wien ist gerade im Bachelorstudium tatsächlich sehr stark theorieorientiert, die Anwendung kommt vielfach erst im Masterstudium, bei Masterarbeiten, die ja auch oft in Kooperation mit Unternehmen geschrieben werden. Da merken die Studierenden dann, was für tolle Dinge sie mit dem Handwerkszeug machen können, das sie sich mühsam in ihrem Bachelorstudium angeeignet haben. Zu erwarten, dass ein Bachelor mit einem Studium von sechs Semestern gleich viel kann wie früher ein Diplomingenieur, der eine Regelstudiendauer von zehn Semestern hatte, ist unrealistisch.

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Also stimmt die oft geäußerte Kritik, dass der Bachelor ein Studienabschluss ist, den kein Mensch braucht, und man erst mit einem Master das Rüstzeug hat, um in den Beruf einzusteigen.

Seidler Das ist etwas übertrieben formuliert. Was ich aber sehe, ist, dass es auf der Seite der Studierenden einen sehr großen Drang zum Masterstudium gibt. Bei uns schließen jedenfalls rund neunzig Prozent der Studierenden an den Bachelor ein Masterstudium an. Und auch die verbleibenden zehn Prozent machen zum Großteil weiter, sie wechseln zu einer anderen Uni oder ins Ausland. Ehrlich gesagt sehe ich es auch nicht unbedingt als die Kernaufgabe der Universitäten, massenhaft Bachelors auf den Arbeitsmarkt zu pumpen. Gerade im technischen Bereich haben wir ja mit HTL-Abgängern ohnehin eine Gruppe von hervorragend ausgebildeten Leuten, die sofort Hands-on in einen Job einsteigen können. Ein Bachelor hat natürlich eine viel umfangreichere theoretische Ausbildung, aber er oder sie muss am Arbeitsmarkt trotzdem mit HTL-Abgängern konkurrieren. Das halte ich nicht für sinnvoll.

War der Bologna-Prozess, der uns das zweistufige Bachelor-Master-System gebracht hat, also am Ende doch ein Unfug?

Seidler Ich würde es anders sagen. Ich glaube, dass der große Vorteil, den man aus Bologna ziehen kann, nämlich auf ein Bachelorstudium in einem Fach ein Masterstudium in einem anderen draufzusetzen, viel zu wenig genutzt wird. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich das gerade mit der zunehmenden Digitalisierung ändern wird. Denn Digitalisierung braucht verstärkt Menschen, die eine kombinierte Ausbildung haben, die zum Beispiel Technik und Informatik gelernt haben. Sie können dann auch als Vermittler zwischen den beiden Welten fungieren.

Techniker haben von sich aus gar keine so große Freude an der Digitalisierung?

Seidler Ganz im Gegenteil. Techniker sind ja von ihrer Sozialisation darauf getrimmt, alles Neue aufzugreifen und zu überlegen, wie sie es für ihre Zwecke verwenden können. Trotzdem brauchen Ingenieure aber Unterstützer, die ihnen helfen, Fragestellungen, die zunächst einmal analog sind, ins Digitale zu übersetzen, um sie lösen zu können.

Sie sagen, Techniker wollen das Neue. Vielleicht liegt der in Österreich viel beklagte Technikermangel dann daran, dass Österreicher jeglichem Wandel grundsätzlich skeptisch gegenüberstehen?

Seidler Dass junge Menschen in Österreich grundsätzlich kein Interesse an Technik hätten, das erlebe ich nicht. An der TU Wien haben wir eher das gegenteilige Problem: Wir haben nicht genug Ressourcen, um all jene gut betreuen zu können, die bei uns studieren möchten. Andererseits weiß ich, dass es in den Bundesländern, mit Ausnahme der TU Graz, massive Schwierigkeiten gibt, die vorhandenen Studienplätze im technischen Bereich zu füllen, das betrifft auch Fachhochschulen. Bei der Lehre in technischen Berufen ist es andersrum: in Oberösterreich hat sie zum Beispiel einen großen Zulauf, in Wien hingegen dürfte sie weniger beliebt sein. Wenn es also mancherorts großen Zulauf gibt und anderswo ein Nullinteresse, dann kann die angebliche österreichische Technikfeindlichkeit zumindest nicht der alleinige Grund sein.

Das heißt, die Technik in Österreich hat entgegen dem Wehklagen der Industrie gar kein Nachwuchsproblem?

Seidler Wir haben sicher viel Verbesserungsbedarf darin, dass wir jene, die technikbegabt sind, identifizieren, um ihnen ein Angebot einer technischen Ausbildung machen zu können. Wir wissen aus Studien, dass nur ein bestimmter Teil der Bevölkerung technikbegabt ist. Diese Menschen schon früh zu finden und zu fördern, wäre sehr wichtig. Das geht ja ziemlich früh. Man merkt schon sehr bald, welche Kinder lieber mit Bauklötzen spielen und welche lieber malen oder singen. Da sind also nicht nur Schule und Vorschule gefragt, sondern durchaus auch die Eltern.

Also eine möglichst frühe technische Spezialisierung, am besten schon im Kindergarten?

Seidler Nein, aber eine Talenteförderung. Spezialisierung würde heißen, dass man die anderen Dinge, die für die Bildung eines Menschen wichtig sind, streicht. Das wäre natürlich verheerend.

Weil Techniker dann nicht einmal mehr wissen würden, dass es so etwas wie Ethik, Geschichte, Sozialkunde gibt?

Seidler Gerade als Technikerin setze ich mich sehr für eine humanistische Ausbildung ein. Unser gesamtes Wertesystem basiert darauf, wer hier die Grundbegriffe nicht kennt, versteht die Gesellschaft, in der er lebt, nicht. Es mag in der Technik eine Zeit gegeben haben, wo ethische Fragen nicht so zentral waren, damals ging die Entwicklung aber auch schrittweise und vor dem Hintergrund eines sehr stabilen Wertesystems vor sich. Heute ist das völlig anders. Ich bin überzeugt, dass wir viele Fragen aus dem digitalen Bereich in Einklang mit unserem Wertesystem bringen müssen. Das können Techniker allein nicht leisten, weshalb wir in Wien gerade ein Zentrum für Technik und Gesellschaft vorbereiten, das solche Fragen behandeln soll, da werden Techniker genauso dabei sein wie Geisteswissenschaftler oder Sozialwissenschaftler.

Sie sagen, unser Wertesystem ist humanistisch geprägt. Nicht alle sehen das so. Manche sagen, wir leben längst in einem inhumanen technokratischen Zeitalter. Halten Sie es für möglich, dass sich Zentren wie das von Ihnen gerade angesprochene darauf einigen zu sagen: Die Zeit des Humanismus ist vorbei, heute gelten andere Werte. Oder ist Humanismus unverhandelbar?

Seidler Das weiß ich nicht, ich kann ja nicht vorhersehen, was dabei herauskommen wird. Forschung soll ja immer ergebnisoffen sein, oder?

Sagt man jedenfalls. Ein letzter Punkt: Wie erleben Sie den Zwang, sich ständig weiterbilden zu müssen? Bis zu einem gewissen Grad ist es ja auch eine Zumutung, top-ausgebildeten Leuten ständig zu sagen: Ihr könnt noch so viel wissen, es wird nie reichen.

Seidler Also ich persönlich erlebe das nicht als Zumutung, was aber sicher damit zu tun hat, dass jemand, der wie ich an der Universität arbeitet, von Bildung umgeben ist und ja gerade deshalb hier arbeitet, weil er ständig Neues lernen will. Was unsere Fortbildungsangebote betrifft, sehe ich ebenfalls ein sehr großes Interesse. Ob das jetzt intrinsisch motiviert ist oder von den äußeren Umständen angetrieben wird, kann ich im Einzelfall natürlich nicht beurteilen. Ich denke, es wird eine Mischung aus beidem sein.

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